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Süsser die Kassen nie klangen: Soundtrack für den Kaufrausch

Keine Kunstform ist eingängiger als die Musik. Doch zu hören bekommen wir meist nur, was sich auch auszahlt.

Stefan Strittmatter
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Die «best artists» bei den Grammies, Echos und Swiss Music Awards sind immer auch die «best selling artists».

Die «best artists» bei den Grammies, Echos und Swiss Music Awards sind immer auch die «best selling artists».

CH Media

Wie eng Musik und Konsum miteinander verbunden sind, lässt sich mit zwei Jahreszahlen illustrieren: 1890 kamen die ersten seriengefertigten Schallplatten (aus Gummi, Zelluloid und Zink) auf den Markt, und bereits aus dem Jahr 1891 ist eine vom Handel erhobene Hit­parade belegt. Hier entstand ein Missverständnis, das sich bis heute fortsetzt: Gute Musik wird gerne mit gut verkaufter Musik verwechselt.

Während es bei den Oscars oder in Cannes zumindest ab und zu ein Film aufs Podest schafft, der zuvor kein ­Millionenpublikum angelockt hat, so sind die «best artists» bei den Grammies, Echos und Swiss Music Awards immer auch die «best selling artists» ihres Jahrgangs. Das ist per se nicht schlimm, doch setzt sich diese ­Selektion aufgrund von Zahlen nach unten fort: Wer es in der klingenden Kunst nicht
an die Spitze schafft, bleibt faktisch ­unentdeckt.

Plattensammlungen im Wert eines Einfamilienhäuschens

Das hat sich auch mit dem Internet nicht gebessert, welches das Leben in allen Bereichen demokratisieren wollte. Zwar haben Hörer – Daten-Sharing, Downloads und Streaming sei Dank – theoretisch Zugriff auf mehr Musik, als sie in einer ­Lebensspanne konsumieren können. Doch heisst das nicht, dass sie auch gefunden wird – ganz im Gegenteil: Die Algo­rithmen, die entscheiden, welches Lied jemand als nächstes vorgeschlagen bekommt, gleichen sich bei sämtlichen Plattformen – sei es Spotify, Youtube oder schlicht Google. Auch hier schwimmt oben auf, was bereits die Masse erreicht hat. Dass die wenigen verbliebenen grossen Plattenfirmen zudem ihre Finger lenkend im Spiel ­haben, macht die ­Sache nicht besser.

Apropos besser: Früher war nicht alles besser, aber im Falle des Musikhörens doch vieles anders. Ein Album war ein Heiligtum. Davon berichten Musikfans, die nun langsam ins Rentenalter rutschen. Man wartete gebannt auf neue Releases, hörte sich stundenlang durch das Sortiment der Plattenläden und wog genau ab, ob man sein Taschengeld diese Woche für Beatles, Stones oder Zeppelin ausgeben wollte.

Der Soundtrack für den Kaufrausch

- «Mercedes Benz» von Janis Joplin (1970). Selbst Gott braucht einen Geldbeutel, um manche Wünsche zu erfüllen.

- «Lost in the Supermarket» von The Clash (1979). Das Einkaufszentrum als Ort, um sich zu verlieren – die Briten meinen das nicht im positiven Sinne.

- «Material Girl» von Madonna (1984). Ausgerechnet mit einer Konsum-Persiflage gelangt ­Madonna in die Liga der kommerziell erfolgreichsten Stars.

- «It’s Money That Matters» von Randy Newman (1988). Nur das Geld zählt, singt ein gewohnt zynischer Randy Newman. Und manch einer glaubt ihm.

- «Kauf Mich!» von den Toten Hosen (1994). Campino und Co erklären den Käufer zum Opfer. Und mausern sich zur erfolgreichsten Band Deutschlands.

- «All You Can Eat» von Ben Folds (2003). Ein schönes Lied über die dekadenten Auswüchse der Konsumwut.

- «The Restless Consumer» von Neil Young (2006). Der titelgebende rastlose Konsument erscheint nur am Rande, dafür listet ein hörbar aufgebrachter Altrocker auf, was er alles nicht braucht.

- «Consumerism» von Lauryn Hill (2013). Mehr Message als Song und zu wuchtig für eine Zusammenfassung. Wow! (sts)

Dann lud man seine Freunde ein und hörte das schwarze Gold rauf und runter. Das seien berauschende Happenings gewesen, schwärmen Zeit­zeugen, wobei das womöglich nicht ­alleine an der Musik lag. Über die Jahre sammelten sich von Songs unterlegte Erinnerungen an und entstanden Plattensammlungen, die nicht nur ein Ein­familienhaus füllen könnten, sondern die auch einen vergleichbaren Wert haben.

Die CD kam und ging. Doch dann machte in nur wenigen Jahren das Internet die Musik zur Ware ohne Wert. Wer heute noch für einen Download bezahlt, wirkt antiquierter als ein Sammler, der auf dem Flohmarkt in Grabbelkisten wühlt. Für eine monatliche Gebühr, die bestenfalls das Gewissen beruhigt, bekommt man per Mausklick Millionenfach Musik. Das Album, das erst Ende der Sixties zur Kunstform erhoben wurde, ist längst tot: Es fehlt die Aufmerksamkeits­spanne, um sich eine Stunde lang mit Musikhören zu beschäftigen.

Gedudel gegen die Stille

Das ist nicht die Schuld des Internets, sondern liegt daran, dass Musik die am einfachsten zu ­konsumierende Form von Kunst oder Unterhaltung ist: Selbst beim passiven TV-Glotzen muss man aktiv die Augen offen halten. Musikhören dagegen geht ganz ohne Aufwand und ist heute bestenfalls noch Zweitbeschäftigung.

Einst unterschied man zwischen ­berauschender Musik und berieselnder «Muzak». Letzteres bezeichnete Gedudel, dessen Hauptaufgabe es war, in Lifts und Einkaufszentren die Stille zu übertönen, ohne dabei aufzufallen. Mittlerweile ist diese Unterscheidung so hinfällig wie der Versuch, über das Erfassen von Streams und Downloads aussagekräftige Hitparaden zu erstellen. Immerhin ist das absehbare Ende der Charts ein Hoffnungsschimmer.