Riehener Priesterwahl

Strafbefehl zeigt: Pfarrer hat dem Jungen mehr als nur die Füsse massiert

Am 10. Februar stimmen die Mitglieder der römisch-katholischen Pfarrei Riehen-Bettingen über den Kandidaten ab.

Am 10. Februar stimmen die Mitglieder der römisch-katholischen Pfarrei Riehen-Bettingen über den Kandidaten ab.

Der Riehener Kandidat für das Priesteramt hat einem Jugendlichen nicht nur die Füsse massiert. Es kam zu weiteren Berührungen. Die bz hat Einsicht in den Strafbefehl erhalten.

Der vorbestrafte Riehener Priesterkandidat hat dem Jugendlichen nicht nur die Füsse massiert, sondern ihm den Bauch und die Brust gestreichelt sowie einen Kuss auf den Nacken gegeben.

Am Donnerstagabend im Pfarrheim St. Franziskus in Riehen war anlässlich einer Informationsveranstaltung nur die Rede von den Füssen. Und Stefan Suter, Präsident der Pfarrwahlkommission, betonte mehrfach: «Ein Fuss ist kein Sexualobjekt.»

Den für ihn wohl entscheidenden Gedankengang wiederholte gegen Ende der Veranstaltung eine ältere Frau. Priesterkandidat Stefan Küng habe als ausgebildeter Masseur dem müden Jugendlichen die Füsse massiert, sagte Suter. Der Vorfall geschah vor rund 10 Jahren.

Per Strafbefehl wurde Küng daraufhin zu einer bedingten Geldstrafe auf Bewährung wegen sexuellen Handlungen mit einem Kind verurteilt. Mehrere Votanten forderten am Donnerstagabend die Einsicht in den Strafbefehl. Suter und Küng blockten die Forderungen aus «Persönlichkeitsschutz» ab. Die bz hat nun den Strafbefehl von der Staatsanwaltschaft Thurgau auf Anfrage mit unkenntlich gemachten Namen zugestellt bekommen. Darin wird klar, dass Küng weiter ging, als dem Jugendlichen bloss die Füsse zu massieren.

Mehrminütige Streicheleinheit

Per SMS habe Küng mit dem Jugendlichen ein Treffen bei sich zuhause um 7:30 Uhr vereinbart. Im Wohnzimmer setzten sich beide aufs Sofa und schauten gemeinsam eine DVD. Gleichzeitig massierte er dem Jugendlichen die Füsse.

Nachdem sie kurzzeitig die Wohnung verlassen hatten, kehrten sie zurück, sassen wiederum gemeinsam aufs Sofa und schauten sich eine weitere DVD an. Der damalige Pfarrer von Aadorf massierte dem damals knapp 16-Jährigen ein zweites Mal die Füsse. Nach Beendigung der Massage setzte sich der Priester gemäss Strafbefehl mit gespreizten Beinen hinter dem Jugendlichen aufs Sofa, umarmte ihn und legte seine Hände unter dem T-Shirt auf dessen Bauch.

In der Folge sei er mit den Händen zur Brust des Opfers hochgeglitten und streichelte ihm den Oberkörper inklusive der Brustwarzen. Gleichzeitig gab Küng dem Jugendlichen «einen kurzen Kuss» auf den Nacken. Nach fünf bis zehn Minuten liess Küng gemäss Strafbefehl vom Oberkörper des Jugendlichen wieder ab und setzte die Fussmassage fort.

Vier Gutachten entlasten Pfarrer

Der Inhalt des Strafbefehls lassen die Erklärungen von Suter und Küng in einem anderen Licht erscheinen. Während Suter die Anschuldigungen kleinredete und davon sprach, dass Küng vor Gericht sicherlich freigesprochen worden wäre, hätte dieser Rekurs gegen den Strafbefehl eingereicht, stellte sich Küng auch als Opfer der Justiz und der Eltern des Jugendlichen dar.

Er ärgerte sich aber auch über sein eigenes Fehlverhalten, wie er gegenüber dem kirchlichen Blog «aufbruch.ch» verriet: «Ich war naiv, wollte meine Ausbildung in Massage anwenden können und habe das auf unbedarfte, unüberlegte Weise gemacht.» Wichtig sei ihm anzumerken, dass nie ein Kontakt im Genitalbereich stattgefunden habe, sich also alles auf die Massage der Füsse beschränkt habe.

Über den Kontakt im Bauch- und Brustbereich sowie den Kuss in den Nacken, wie es im Strafbefehl beschrieben wird, sprach Küng nie öffentlich. Vier Gutachten, zwei davon von Bischof Felix Gmür in Auftrag gegeben, zeigten keine pädophilen Neigungen. «Beim forensischen Gutachten lautete das Ergebnis auf einer Skala von 1 bis 10 unmissverständlich 1, was bedeutet, dass keine pädophile Neigung besteht», stellte Suter, Präsident der Pfarrwahlkommission, wiederholt klar.

«Verhöhnung aller Opfer»

Xenia Schlegel, Geschäftsführerin von Kinderschutz Schweiz, ärgern Verharmlosungen. «Übergriff ist Übergriff. Und der wurde ja in diesem Falle festgestellt.» Einordnungen in «schlimm» und «harmlos» würden dazu führen, dass sich Opfer Gedanken machen– und den Übergriff allenfalls nicht mehr melden.

«Alles andere sind falsche Signale an die Opfer», stellt Schlegel klar. Jeder Übergriff auf Kinder und Jugendliche sei für die Betroffenen schlimm und zu verurteilen. Wie vereinzelte Votanten am Donnerstagabend empfindet auch Xenia Schlegel die Verharmlosungsversuche des Vorfalls als «Verhöhnung aller Opfer von Übergriffen». Ein Übergriff fange dort an, wo eine Absicht besteht, sich auf Kosten des Kindes oder Jugendlichen sexuell zu stimulieren.

An der Urnenwahl am 10. Februar wird sich zeigen, ob die 2500 Mitglieder der römisch-katholischen Pfarrei St. Franziskus Riehen-Bettingen ebenso wie der Grossteil am Informationsabend eine solche Einstufung vornehmen oder per se den Übergriff verurteilen werden.

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