Basel
Steinblumen vom Münster blühen nun auch in echt

Künstlerisch hochwertige Pflanzenskulpturen zieren das Westportal des Basler Münsters – im Botanischen Garten Basel sind diese Pflanzen demnächst lebend in einer Sonderausstellung zu sehen.

Yvonne Vahlensieck
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Einmal in echt – einmal in Stein gemeisselt. Der botanische Garten geht auf archäologische Spurensuche.

Einmal in echt – einmal in Stein gemeisselt. Der botanische Garten geht auf archäologische Spurensuche.

Manuela Schwendener / Münsterbauhütte

Die Idee stammt wahrscheinlich aus Frankreich. Dort begannen Steinmetze im 13. Jahrhundert damit, die Fassaden von Kathedralen mit Pflanzenskulpturen zu schmücken. Die Baumeister des Basler Münsters folgten diesem Trend bei der Gestaltung des gotischen Westportals: Auf den Kapitellen der Säulen spriessen Efeu und Weissdorn – in den Spitzbögen ranken sich kunstvoll drapierte Weinblätter und blühende Pfingstrosen. Etwa ein Dutzend verschiedene Pflanzenarten gibt es insgesamt zu entdecken.

Der Botaniker Heinz Schneider vom Botanischen Garten Basel bewundert diese Skulpturen schon seit langer Zeit, vor allem die naturgetreue und gleichzeitig kunstvolle Umsetzung. «Doch leider sind die Darstellungen in der Bevölkerung weitgehend unbekannt.» bedauert er. Das soll sich jetzt ändern: Im Rahmen der schweizweiten Aktion «Botanica» veranstaltet der Botanische Garten Basel in der dritten Juniwoche die Sonderausstellung «Pflanzendarstellungen am Westportal des Basler Münsters».

Jene Pflanzen, die am Münster in Sandstein gehauen dargestellt sind, gibt es dann im Botanischen Garten in echt und lebend zu sehen. Infotafeln und Abbildungen ermöglichen dem Besucher den Vergleich zwischen der Pflanze in der Natur und dem aus Stein geschaffenen Abbild.

Pflanzen naturgetreu nachgebildet

Als Botaniker kann Schneider nur darüber staunen, wie es den Bildhauern gelungen ist, die Blätter, Blüten und Früchte bis ins feinste Detail nachzubilden: «Bei fast allen Pflanzen gibt es keinen Zweifel, um welche Art es sich handelt.» Die lebensechte Darstellung ist für ihn ein Zeichen, dass die Künstler mit den Pflanzen vertraut waren und diese genau studiert haben.

So wundert es nicht, dass am Münster ausschliesslich einheimische Pflanzen abgebildet sind. Alle Pflanzen sind auch noch heute, mehr als 700 Jahre später, in Basel angesiedelt. Deshalb war es für Schneider auch keine besonders schwere Aufgabe, lebende Exemplare für die Ausstellung zu akquirieren: «Die meisten hatten wir sowieso schon im Botanischen Garten und für die fehlenden – zum Beispiel die Eiche – mussten wir auch nicht weit suchen gehen.»

Obwohl es sich bei den Pflanzen am Westportal meist um Allerweltspflanzen handelt, war die Auswahl keineswegs dem Zufall oder der Laune der Bildhauer überlassen. Eine wichtige Rolle spielte die Symbolik: So ist das immergrüne Efeu ein Sinnbild für die Auferstehung und das ewige Leben. Die dreilappigen Blätter des Hopfens symbolisieren die Dreifaltigkeit, und die Walderdbeere wird der Jungfrau Maria zugeschrieben. Alle diese Pflanzen sind bei genauem Hinschauen am Westportal zu entdecken.

Auch die natürlichen Heilkräfte von Pflanzen waren für die Menschen sehr wichtig. Eine Salbe aus Beifuss wurde beispielsweise von reisenden Pilgern auf schmerzende und müde Füsse aufgetragen – vielleicht wurde das Heilkraut deswegen am Münster verewigt?

Zaunrübe als Schutz vor Dämonen

Einige der Pflanzen am Portal sollten auch helfen, Dämonen zu vertreiben und Unheil abzuwenden. Besonders guten Schutz hierfür versprach die Zaunrübe, eine im Mittelalter weitverbreitete giftige Kletterpflanze. Bauern setzten die Zaunrübe entlang von Zäunen oder vergruben ihre bizarr geformten Wurzeln unter der Türschwelle, um böse Geister in die Flucht zu schlagen.

Heute ist die Zaunrübe – im Volksmund auch Gicht- oder Teufelsrübe genannt – seltener geworden und weitgehend unbekannt. «Doch am Rheinbord, in der Nähe des Münsters, ist sie in Basel immer noch zu finden.» weiss Schneider. Wer sich die Suche am Rheinbord ersparen möchte, kann die Zaunrübe nun im Rahmen der Ausstellung im Botanischen Garten betrachten. Zusätzlich finden vier verschiedene Führungen statt, bei denen Kunsthistoriker und Botaniker zum Thema referieren.

Für die Führungen empfiehlt Schneider übrigens, einen Feldstecher mitzubringen. Denn während die lebenden Pflanzen im Botanischen Garten ihre Wurzeln am Boden schlagen, sind ihre in Stein gemeisselten Abbilder am Münster in luftiger Höhe angebracht.

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