Infektionsherd in Asylzentrum
Starker Anstieg der Fallzahlen in Basel: Kommen bald verschärfte Massnahmen?

Steigende Coronazahlen und ein Infektionsherd im Bundesasylzentrum: Der Kanton Basel-Stadt überlegt sich verschärfte Massnahmen.

Aimee Baumgartner, Silvana Schreier
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Von knapp 200 Bewohnern haben sich 18 Asylsuchende und eine Mitarbeiterin mit dem Coronavirus infiziert.

Von knapp 200 Bewohnern haben sich 18 Asylsuchende und eine Mitarbeiterin mit dem Coronavirus infiziert.

Nicole Nars-Zimmer

Über das Wochenende verzeichnet der Kanton Basel-Stadt einen deutlichen Anstieg von insgesamt 61 Neuinfektionen. Allein am Sonntag wurden 34 Personen positiv auf das Coronavirus getestet, es ist der höchste Wert seit Anfang April. Aktuell befinden sich in Basel-Stadt 904 Personen in Quarantäne, darunter sind 621 Reiserückkehrende. 129 positiv getestete Personen sind in Isolation.

«Dieser sehr starke Anstieg noch während der Herbstferien hat mich überrascht», sagt Kantonsarzt Thomas Steffen, «das zeigt, dass das Virus nicht nur von den Ferienrückkehrern eingeschleppt wird, sondern sich inmitten der Bevölkerung befindet.» Obwohl die Baslerinnen und Basler in den öffentlichen Verkehrsmitteln und den Läden pflichtbewusst agieren und eine Schutzmaske tragen, seien viele im Umgang mit Freunden und Familie unvorsichtiger geworden. «Etwa bei runden Geburtstagen oder einem Abendessen geht der Schutzgedanke zu oft vergessen», so der Kantonsarzt.

Infizierte Asylsuchende werden in Allschwil isoliert

Der markante Anstieg der Coronazahlen in Basel-Stadt geht unter anderem auf einen Infektionsherd im Basler Bundesasylzentrum zurück. Dort wurden 19 mit dem Virus infizierte Personen festgestellt. Es handelt sich um 18 unbegleitete minderjährige Asylsuchende sowie eine Mitarbeiterin des Zentrums, das unter der Zuständigkeit des Staatssekretariats für Migration (SEM) liegt. Sie zeigen laut Medienmitteilung des Kantons keine oder nur leichte Symptome.

Kantonsarzt Steffen erklärt, ein Jugendlicher habe Krankheitszeichen gehabt, worauf rund 60 Tests bei Personen in seinem Umfeld gemacht wurden. Derzeit werden weitere rund 300 Asylsuchende und Mitarbeitende getestet. Die Infizierten wurden laut Steffen ins Bundesasylzentrum in Allschwil verlegt. Dieses fungiert seit einiger Zeit als Coronastation. Die Kontaktpersonen befinden sich in Quarantäne. Wo sich die Personen angesteckt haben, kann laut Steffen nicht bestimmt werden. «Bei Menschen, die über längere Zeit, etwa in Heimen oder eben Asylzentren, zusammenleben, sind Ansteckungen nicht überraschend.»

«Der starke Anstieg noch während der Herbstferien hat mich überrascht.»

Als Reaktion auf den Infektionsherd erlässt der Kanton neue Schutzmassnahmen. Steffen: «Ab sofort gilt eine generelle Maskenpflicht ausserhalb des eigenen Zimmers.» Abstandsregelungen und Hygienemassnahmen gelten weiterhin. Obwohl die Asylsuchenden in Mehrbettzimmern untergebracht seien, könne durch die Maskenpflicht die Situation besser kontrolliert und wenn nötig ein ganzes Zimmer in Quarantäne geschickt werden. «Zudem gilt ab dem kommenden Wochenende Ausgangsverbot für die Asylsuchenden», sagt Steffen und beruft sich dabei auf eine kantonsärztliche Verordnung nach geltendem Epidemiegesetz.

«Coronavirus ist nicht ihr grösstes Problem»

Astrid Geistert vom ökumenischen Seelsorge- und Beratungsdienst für Asylsuchende in der Region Basel kennt die Situation der Bewohner des Bundesasylzentrums. Sie führt das Café in unmittelbarer Nähe und besucht das Zentrum als Seelsorgerin regelmässig. «Das Coronavirus ist nicht das grösste Problem der Asylsuchenden. Die meisten wollen lieber wissen, wie ihre Chancen aussehen, in der Schweiz bleiben zu dürfen.» Geistert musste aufgrund der sich verändernden Situation mittlerweile eine generelle Maskenpflicht für das Café erlassen.

Die Asylsuchenden würden die Masken dafür im Zentrum erhalten. Geistert: «Es überrascht mich, dass es dort nicht schon viel schneller zu einer Häufung von Coronafällen gekommen ist. Denn wo Leute auf engem Raum leben, kann sich das Virus natürlich viel schneller verbreiten.» Das Asylzentrum und das SEM seien jedoch gut auf eine solche Situation vorbereitet. Als Seelsorge- und Beratungsdienst erhalte man wöchentliche Updates über die Lage.

Schritt für Schritt, um Lockdown zu verhindern

Zum jetzigen Zeitpunkt verschärft der Kanton die Massnahmen noch nicht, dies wird jedoch aktuell diskutiert. Denkbar sind laut Steffen beispielsweise Anpassungen bei Grossveranstaltungen oder auch ein ausgeweitetes Maskenobligatorium im Kanton. «Die Entwicklungen werden laufend beobachtet, bevor in den kommenden Tagen oder Wochen eine Entscheidung gefällt werden kann», sagt er. Ziel sei es, mögliche Massnahmen Schritt für Schritt einzuführen, um einen erneuten Lockdown zu verhindern.

Baselland als letzter Kanton nicht Risikogebiet

Die Zahlen steigen aber Baselland war am Montag als einziger Schweizer Kanton nicht Corona-Risikogebiet. Die Inzidenz (Anzahl Ansteckungen pro 100'000 Einwohner in den vergangenen 14 Tagen) lag im Baselbiet bei 47,8; ab 40 erwägen die Nordwestschweizer Kantone verschärfte Massnahmen, ab einem Wert von 60 spricht das Bundesamt für Gesundheit von einem Gebiet mit erhöhtem Ansteckungsrisiko. In Basel lag die Inzidenz am Montag bei 74,9.

Angesichts relativ stark steigenden Fallzahlen ist es aber nur eine Frage weniger Tage, bis auch Baselland offiziell zu den Risikogebieten zählt: Am Montag kamen 19 registrierte Neuinfektionen hinzu; das Total lag bei 1'316. Auffallend ist die hohe Anzahl der Menschen in Quarantäne: Diese erreichte gestern mit total 791 den höchsten Wert seit Ende des Lockdowns. Hinzu kamen 107 Personen, die sich wegen einer Corona-Ansteckung in Isolation begeben mussten. Wegen dieser hohen Zahlen sei das Contact-Tracing-Team aufgestockt worden, sagt Rolf Wirz, Sprecher der Baselbieter Gesundheitsdirektion.

Im Gegensatz zu Basel-Stadt hat man im Landkanton keine Infektionsherde festgestellt. «Sorgen bereitet uns, dass generell die Disziplin im Umgang mit den Gefahren nachgelassen hat. Viele Menschen sind Corona-müde.» Wirz nennt ein Beispiel: An Bahnhöfen seien viele Junge zu beobachten, die zwar in Zug und Bus eine Hygienemaske tragen, diese aber beim Verlassen sofort ausziehen und sich dann küssen oder umarmen.

In der Tendenz hätten sich zuletzt mehr junge Menschen angesteckt. Im Durchschnitt seien daher die Krankheitsverläufe noch immer eher mild. Im Baselbiet waren gestern drei Personen in Spitalpflege, niemand auf der Intensivstation. Die aktuelle Situation unterscheide sich stark von jener im Frühling, als im Baselbiet zeitweise mehrere Dutzend Personen gleichzeitig in Spitalpflege waren, betont Wirz.

Am Mittwoch verkündet Weber neue Massnahmen

Dennoch wird hinter den Kulissen über Verschärfungen des Corona-Regimes diskutiert. Morgen Mittwoch will Gesundheitsdirektor Thomas Weber mit dem neuen Kantonsarzt Samuel Erny vor den Medien über aktuelle Entwicklungen und Massnahmen informieren. Neue Einschränkungen sind kaum zu vermeiden. Wirz betont, dass Baselland bisher «mit Augenmass und gesundem Menschenverstand» vorgegangen sei.

Derweil haben Forscher aus der Region neue Erkenntnisse für die Behandlung gewonnen. Sie untersuchten die Lungen verstorbener Corona-Patienten untersucht und fanden hier die offensichtlichsten Veränderungen. Dies bestätigt, dass das Coronavirus in erster Linie eine Lungenerkrankung ist. Die Pathologen des Kantonsspitals Baselland und des Unispitals Basel hoffen, damit einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis der neuartigen Viruserkrankung zu leisten.

Ihre wichtigste Erkenntnis: Im Verlauf der Erkrankung durchläuft die Lunge zwei Stadien, in denen Patienten unterschiedlich behandelt werden sollten. Im ersten Stadium sind die Lungen stark vom Virus besiedelt, die Entzündungswerte stark erhöht, das Lungengewebe ist aber noch weitgehend intakt.

Im zweiten sind die Entzündungswerte tiefer, die Lungen weisen aber Zerstörungen und Ablagerungen auf. Daraus ergibt sich, dass Patienten zuerst mit antiviralen Medikamenten und Entzündungshemmern behandelt werden müssten. Später könnten Komplement-Inhibitoren wirksam sein.

Hans-Martin Jermann & Lea Meister