Abendmusik
Staatsmännisches Konzert in der Predigerkirche

Bei der Abendmusik am Sonntag standen in der Predigerkirche Stücke von Kaiser Leopold I. auf dem Programm. Musiker reisten unter anderem aus Berlin und Holland an, um mitwirken zu können.

Jenny Berg
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Ganz nach dem konzertierenden Stil der Zeit: Fünf Vokalstimmen werden einem Instrumentalensemble gegenübergestellt.

Ganz nach dem konzertierenden Stil der Zeit: Fünf Vokalstimmen werden einem Instrumentalensemble gegenübergestellt.

Wie würde die Welt aussehen, wenn Komponistinnen und Komponisten regieren könnten? Wenn die Staatsmänner und -frauen in ihrer Freizeit nicht Golf spielen, sondern neue Lieder, Sonaten, Konzerte komponieren würden?

Kaiser im 17. Jahrhundert

Diese Frage wurde mehrfach diskutiert unter den Zuhörenden der Abendmusiken in der Predigerkirche. Denn es standen Werke von Leopold I. auf dem Programm, einem Kaiser, der im 17. Jahrhundert nicht nur das Heilige Römische Reich regierte, sondern auch Germanien, Ungarn, Böhmen und Kroatien. Der die französische Expansion unter Ludwig XIV. abwehren musste, der drei Ehefrauen zu Grabe trug – und für eine von ihnen eine der schönsten Totenoffizien des Barockzeitalters komponierte.

«Drei Lesungen der ersten Totennokturn für die fromme Claudia Felicitas, vom trauernden und betrübten Leopold gesetzt» titelt dieses Werk, und es offenbart die grosse Meisterschaft dieses Monarchen. Ganz dem konzertierenden Stil der Zeit entsprechend, hat er fünf Vokalstimmen einem Instrumentalensemble gegenübergestellt. Beide Seiten formieren sich zu einem grossen, kontrapunktisch gearbeiteten, vielschichtigen Gesamtklang, treten aber auch immer wieder solistisch auf: hier der A-cappella-Chor (sehr klangschön und homogen besetzt mit Rebecca Ockenden, Monika Mauch, Jan Börner, Gerd Türk und Lisandro Abadie), dort das Gambenconsort (mit Brian Franklin, Brigitte Gasser, Christoph Brendl und Tore Eketorp), die Orgel (Johannes Strobel), die stillen Zinken (Frithjof Smith, Josué Meléndez Peláez). Dissonanzen reiben sich, erzeugen Spannung, lösen sich auf, bis jene feierliche Ruhe einkehrt, die der Trauernde der Toten wünscht.

Kirche stets gefüllt

Mit der Musik Leopolds haben die Abendmusiken in der Predigerkirche wieder eine Rarität ausgegraben. Dass trotz der unbekannten Musik das Publikum den Veranstaltern die Treue hält und die Predigerkirche an jedem zweiten Sonntag im Monat komplett füllt, widerspricht den gängigen Thesen im Konzertmanagement. Hier ziehen nicht bekannte Namen – sondern bekannte Qualität. Wer auch immer gerade aus dem Pool der Musikerinnen und Musiker auf dem Podium steht, die Konzerte zeigen musikalisch stets den mittlerweile sehr hohen Standard in der historisch informierten Aufführungspraxis, für den das Publikum andernorts hohe Ticketpreise berappen muss.

Hier wird eine Kollekte gesammelt: Jeder gibt, was er kann. Zwei Hundertschaften Gönner unterstützen zusätzlich das Projekt, das nach den legendären Bachkantaten in der Predigerkirche nun als «Abendmusiken» bereits ins vierte Jahr geht. Einige Stiftungen finanzieren den Grundbedarf, sodass die Reihe ein Jahr im Voraus planen kann. Das ist nicht viel im Klassik-Sektor, der oft zwei bis vier Jahre im Voraus seine Events terminiert.

Nachwuchsprobleme gibt es nicht

Doch die Macher – viele arbeiten ehrenamtlich – sind zufrieden, können sie ihren Musikern doch mittlerweile mehr als nur ein Weihnachtsgeld zahlen. Die Gagen bewegen sich zwar noch immer nicht im üblichen Durchschnitt, aber sie steigen.

Nachwuchsprobleme im Pool der mitstreitenden Musikerinnen und Musiker gibt es nicht – im Gegenteil: Aus Berlin und Holland reisen manche Mitspieler an, um hier mitspielen zu können. Denn die Ensembles bei den Abendmusiken werden stets mit Originalinstrumenten besetzt, die nicht überall zu finden sind. Diesmal sind etwa stumme Zinken zu hören; Instrumente, die anders als die hell klingenden krummen Zinken dunkler, sonorer klingen und gerade gebaut sind. Sie eignen sich eher für die Parallelführung mit den Singstimmen, füllen auch im Konzert immer wieder den warmen, vollen Klang des Ensembles auf.

Für einmal ist eines der Abendmusik-Konzerte sogar auf CD erhältlich: Die Capella Murensis um den Kloster-Muri-Organisten Johannes Strobl hat gemeinsam mit Les Cornets Noirs die schönsten geistlichen Werke Leopolds eingespielt. Und im nächsten Jahr geht es bei den Abendmusiken mit italienischer Musik des Frühbarock weiter. Dann stehen keine Staatsmänner, sondern Vollblutkomponisten im Fokus: Girolamo Frescobaldi, Lodovico Viadana und Jubilar Claudio Monteverdi.

Die nächste Abendmusik mit Werken von Johann Schelle findet am Sonntag, 11. Dezember, um 17 Uhr in der Predigerkirche Basel statt.

CD-Tipp: Paradisi Gloria. Sacred music by Emperor Leopold I. Capella Murensis, Les Cornets Noirs. Audite 97.540.

www.abendmusiken-basel.ch

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