Öffentlicher Verkehr
Spart das Herzstück den Reisenden eine halbe Stunde? Der Faktencheck

Wenn die Fernzüge Deutschland–Schweiz keine «Spitzkehre» im Bahnhof Basel SBB machen müssten, würde laut Aussage von SBB-Chef Meyer eine halbe Stunde eingespart. Der Blick in den Fahrplan zeigt: Das geht kaum.

Stefan Schuppli
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Das «Herzstück», wie es sich in seiner aktuellsten Form darstellt.

Das «Herzstück», wie es sich in seiner aktuellsten Form darstellt.

key/zvg

In diversen Stellungnahmen zum «Herzstück» verkündete SBB-Chef Andreas Meyer vergangene Woche, der geplante Bahntunnel sei nicht nur für die S-Bahn, sondern auch für den Fernverkehr von Bedeutung. «Wenn man auf der Strecke zwischen der Schweiz und Deutschland eine halbe Stunde einsparen könnte, wäre das gewaltig», sagte er im bz-Interview. Wenn Fernverkehrszüge von Westen her in den Bahnhof SBB einfahren könnten, würde die zeitraubende «Spitzkehre» im Basler Bahnhof SBB wegfallen.

Faktencheck mit Fahrplan

Wie stellt sich die Situation heute dar? Ein Blick auf den aktuellen Fahrplan zeigt, dass die Einsparung von einer halben Stunde kaum möglich erscheint. Drei Beispiele:

  • Der ICE Zürich–Hamburg kommt in Basel um 10.53 Uhr an, fährt 13 Minuten später zum Badischen Bahnhof. Dazu braucht er 6 Minuten. Nach weiteren 3 Minuten geht’s weiter. Haltezeit: total 16 Minuten.
  • Der ICE Interlaken–Hamburg hält in Basel SBB 14 Minuten und 4 Minuten im Badischen Bahnhof. Haltezeit: total 18 Minuten.
  • Der Eurocity nach Hamburg um 11.53 Uhr hält in Basel SBB länger, nämlich 27 Minuten. Zusammen mit den 4 Minuten Halt im Badischen Bahnhof macht das 31 Minuten.

Nur beim dritten Beispiel könnte man eine halbe Stunde einsparen, aber auch nur dann, wenn der Halt in Basel SBB auf 4 Minuten reduziert werden könnte und der Halt im Badischen Bahnhof wegfiele. Abgesehen davon gibt es nur noch wenige Eurocity-Züge. Wo findet also die Zeitersparnis sonst noch statt? Wie kommt Meyer auf eine halbe Stunde?

Keine erhellenden Antworten

Die SBB-Medienstelle liefert zu diesen Fragen keine Antworten und nimmt nur sehr allgemein Stellung. Die SBB unterstütze das Ziel, in Basel den öffentlichen Verkehr zu verstärken. Dabei «sollten in der nächsten Phase die Planungen über alle Verkehrsträger vertieft werden (also Fernverkehr, internationaler Personenverkehr, Regionalverkehr, Stadtverkehr, Güterverkehr) und mögliche Stadtentwicklungen berücksichtigt werden.

Badischer «S-Bahnhof»

Eines hingegen ist sicher: Wenn Fernverkehrsschnellzüge aus Deutschland von Westen her in den Bahnhof SBB einfahren sollen, ist die Zeit des Badischen Bahnhofs als Haltestelle für den Fernverkehr wohl abgelaufen. Denn die Abzweigung zum Herzstück wird nördlich des Badischen Bahnhofs (also nahe der deutschen Grenze) zu liegen kommen. Der Badische Bahnhof würde dann zur S-Bahn-Haltestelle.

Angesprochen auf die drohende Marginalisierung des deutschen Bahnhof meinte Meyer im bz-Interview, es sei für eine solche Beurteilung «schlicht noch zu früh».

Interessen der DB

Die Deutsche Bahn dürfte an einer Degradierung des Badischen Bahnhofs wenig Freude haben. Ihr Sprecher gibt sich betont diplomatisch. Man sei in gutem Kontakt mit den Kantonen und Bahnfirmen.

Für die Deutsche Bahn sei wichtig, «die Reiseketten ihrer Kunden zu garantieren, zum Beispiel Verbindungen von und nach dem Hochrhein in Richtung Norden (Nah- und Fernverkehr)», so DB-Sprecher Werner Graf. Konkret ausgedrückt: Der Badische Bahnhof soll als Umsteigepunkt für die Hochrheinstrecke erhalten bleiben.

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