«Wir reisten zu acht aus Basel an die türkisch-syrische Grenze. Seit bereits drei Monaten tobt in der kurdisch-syrischen Stadt Kobane ein Krieg gegen den IS. Um die 200 000 Menschen sind geflüchtet. Die Mehrheit gelangte in die Türkei, viele leben direkt hinter der Grenze in Flüchtlingslagern. Dort liegt auch Suruc, ein Städtchen mit 45 000 Einwohnern. Dieses nahm 60 000 Flüchtlinge – mehrheitlich sind es Kinder und Frauen – aus Kobane auf. In Zeltstätten leben sie auf engstem Raum.

Suruc und Kobane trennen nur wenige Kilometer voneinander. Eine Zuglinie markiert die Landesgrenze. Die Flüchtlinge aus Kobane werden von den kurdischen Gemeinden versorgt. Gemeinsam mit der kurdischen Partei HDP leiten sie die Krisenkoordination. Viele freiwillige Aktivisten und kurdische Abgeordnete klären Tag für Tag die Bedürfnisse ab. Sie treffen sich im zentralen Kulturzentrum. Jeweils von neun bis halb elf gibt es eine Sitzung des Krisendesks mit einer Bedarfsanalyse. Danach versuchen die Helfer, die dringend gebrauchten Güter zu organisieren. Alles passiert spontan. Als wir dort waren, fehlten beispielsweise Zucker und Pampers.

Was wir uns aus der Ferne unter Flüchtlingen vorstellen, ist häufig nur ein Teil der Realität. Beispielsweise befinden sich zurzeit im Zeltlager in Suruc 80 schwangere Frauen. Daran dachten wir nie. Diese haben ganz andere Bedürfnisse, wie auch die Behinderten oder Kranken, die dort leben. Wenn man direkt vor Ort ist, sieht man plötzlich ganz andere Details.

Die Infrastruktur für das Flüchtlingslager wie Wasser und Strom stellt alleine die Gemeinde zur Verfügung. Der türkische Staat hilft den kurdischen Flüchtlingen nicht. Er richtete zwar auch Lager ein, aber dort leben die arabischen Syrer.

Grosse Solidarität der Bevölkerung

Viele Menschen von Suruc und Kobane sind verwandt. Deshalb leben Tausende von syrischen Kurden bei ihren Verwandten oder Bekannten auf der türkischen Seite. Was uns sehr beeindruckte, war die Hilfsbereitschaft und Solidarität der ansässigen Bevölkerung. Auch arme Menschen nahmen Flüchtlinge bei sich auf. In jedem Haus und in jeder Wohnung leben bis zu 20 Gäste. Wir lernten einen Taxifahrer kennen, der seine komplette Wohnung einer Grossfamilie überliess. Die Elektrizität und das Wasser bezahlt er weiterhin für sie. Aber er ist doch nur ein
Taxifahrer – er hat auch nicht viel.

Im Flüchtlingslager von Suruc fehlt es an Nahrung, Kleider und Medikamenten. Es ist kalt, und im Lager gehen Krankheiten um. Viele Kinder stecken sich an. Daneben setzen ihnen auch die Langeweile und der enge Raum zu. Einige Aktivisten versuchen, sie in irgendeiner Form ein bisschen zu beschäftigen. Aber meistens fehlt die Zeit. So sind die Kinder vielfach draussen, stehen im Wasser und Schlamm. Viele von ihnen haben weder Socken noch Winterkleider. Um an Essen zu kommen, müssen sie richtiggehend lernen anzugreifen.

Zwei Kollegen von mir wollten ein paar Kinder glücklich machen, indem sie ihnen Schokolade schenkten. Ich warnte sie noch: Es leben tausende Kinder hier. Dennoch kauften sie zwei Schachteln. Sie planten, diese in einzelnen Zelten zu verteilen. Plötzlich tauchten aber Hunderte von Kindern auf. Wir konnten nichts mehr tun. Sie griffen uns an und entrissen uns die Schokolade. Das war für mich der emotionalste Moment: Hunderte von Kindern kämpfen brutal um Schokolade. Sie haben sich gegenseitig die Tafeln aus den Händen gerissen, sich geprügelt und in den Schlamm geschubst. Die Kräftigen haben natürlich gewonnen, die Schwächeren waren bitter enttäuscht. Es war sehr berührend. Das war ein schlimmes Gesicht des Kriegs.

Raketen knallen, Rauch steigt auf

Momentan herrscht im Flüchtlingslager grosse Hoffnung. Die IS-Kämpfer konnten teilweise gestoppt werden. Wir selber waren ganz nahe an den Kämpfen in Kobane: Wir standen direkt an der syrischen Grenze und sahen Raketen einschlagen, Rauchsäulen aufsteigen. Rund 500 weitere Menschen standen an der Grenze und sahen zu. Die Distanz ist in etwa wie zwischen Klein- und Grossbasel. Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf einer Seite – mehr oder weniger in Sicherheit – und erleben live, wie auf der anderen Flussseite Ihre Heimat zerstört wird. Sie wissen nicht, wie es Ihrem Vater oder Ihren Kindern geht, die dort in den Gefechten kämpfen. Das ist furchtbar. Viele Menschen können deshalb nicht einfach im Flüchtlingslager warten. Sie versuchen auf den letzten möglichen Metern der Türkei, ihren Familienmitgliedern in Kobane nahe zu sein.

Schlimm ist, wie sich die Stadt veränderte. Das sieht man von der Grenze aus. Die Hochhäuser sind zerfallen, und praktisch jedes Haus ist von den Bomben zerstört. Es gibt keine bewohnbaren Wohnungen oder Häuser mehr. Viele Menschen im Flüchtlingslager hoffen aber, dass ihr Haus nicht beschädigt ist. Alle sagten zu uns: ‹Wir wollen nach Hause gehen.› Aber ihre Häuser gibt es nicht mehr, so wie sie sich daran erinnern. Das hat mich sehr traurig gemacht. All diese Menschen werden ihr Land nie mehr so sehen, wie sie es in Erinnerung haben. Zurzeit sind sie noch voller Hoffnung, aber irgendwann wird die Zerstörung auch für sie Realität. Das wird ganz schlimm werden und viele Traumata auslösen. Wir erzählten ihnen nicht, was wir wussten, sondern liessen sie in ihrer Hoffnung. Sie haben ja nur noch diese. Die Hoffnung hält die Menschen in den Flüchtlingslagern derzeit am Leben.

Wiederaufbau von Kobane

Vor unserer Reise haben wir unseren Aufenthalt intensiv geplant. Schliesslich kam aber vieles anders. Der Alltag in den Dörfern nahe der Grenze existiert nicht mehr. Alle leben in der Gegenwart. Was morgen ist, weiss niemand. Die Gemeindepräsidentin hat während 15 Stunden am Tag Hunderte von Sachen zu erledigen. Das Ziel unserer Reise war, für das Baracken-Projekt die ersten Vorkehrungen zu treffen (siehe Box rechts).

In Suruc angekommen, erfuhren wir von den Flüchtlingen, dass sie in den Zelten bleiben wollen. Die Baracken-Häuser sind eine zu langfristige Lösung für sie. Sie wollen so schnell wie möglich zurück in ihre Heimat. Unser Plan deckte sich nicht mit ihrer Hoffnung. Das hat unser Vorhaben ein bisschen gebremst. Wir planen nun, wenn möglich die Holzhäuser in Kobane aufzubauen. Sollte der Krieg in den nächsten Monaten vorbei sein, beginnen wir umgehend mit dem Wiederaufbau. Denn die Menschen leben mit dem Gefühl: Morgen kehren wir zurück. Morgen ist der Krieg vorbei. Leider ist dieser Morgen aber noch nicht gekommen.»