Theater Basel

So will das Viererteam das Basler Schauspiel reformieren

Ein Quartett für die Zukunft: Anja Dirks, Inga Schonlau, Antú Romero Nunes und Jörg Pohl (v.l.) leiten ab 2020 die Schauspielsparte am Theater Basel. Priska Ketterer

Ein Quartett für die Zukunft: Anja Dirks, Inga Schonlau, Antú Romero Nunes und Jörg Pohl (v.l.) leiten ab 2020 die Schauspielsparte am Theater Basel. Priska Ketterer

Der designierte Basler Theaterdirektor Benedikt von Peter hat ein Quartett für die Leitung seines Schauspiels berufen. Dieses will die strengen Hierarchiestrukturen abschaffen.

Es war alles anders, als man sich das bislang bei Medienpräsentationen von neuen Leitungsmitgliedern des Theater Basel gewohnt war. Das Foyer des Schauspielhauses war bis in die hinterste Ecke mit Mitarbeitenden des Hauses gefüllt. Und auf dem Podium sass nicht eine Person, der die Leitung der Schauspielsparte übertragen wird, sondern gleich deren vier.

Mit zwei Frauen und zwei Männern ist es ein gendermässig gut austariertes Team. Und eines, das inhaltlich ein breites Spektrum der Schauspielsparte abdeckt:

  • Anja Dirks (*1970) wird die geschäftsführende Dramaturgin. Sie ist seit fünf Jahren Direktorin des kleinen interdisziplinären Festivals Belluard Bollwerk International in Fribourg. Sie kennt Basel bereits bestens: Mit ihrem Ehemann Sven Heier, der das Theater Roxy Birsfelden leitet, lebt sie seit einigen Jahren hier.
  • Inga Schonlau (*1975) wird als Chefdramaturgin aufgeführt. Sie arbeitet derzeit als Dramaturgin am Theater Neumarkt in Zürich und lebt ebenfalls in Basel.
  • Antú Romero Nunes sitzt als oberster Regisseur im Leitungsteam. Er wird als Verantwortlicher für die «zentrale künstlerische Handschrift und die strategische Entwicklung» aufgeführt. Seit fünf Jahren ist er als Hausregisseur am Thalia Theater Hamburg tätig. Darüber hinaus hat er bereits an grossen Opernhäusern Regie geführt. 2010 kürte ihn die Fachzeitschrift «Theater heute» zum «Nachwuchsregisseur des Jahres». Und 2018 war er mit einer Inszenierung am Berliner Theatertreffen vertreten.
  • Vom Thalia Theater nach Basel wechseln wird auch Jörg Pohl, der dort mit Romero Nunes eng zusammengearbeitet hat. Mit ihm werde erstmals ein Schauspieler als Teil der Direktion Inhalte, Spielplan und Regiepositionen mitgestalten, heisst es in der Medienmitteilung.

Vier Menschen werden also ab Saison 2020/21 die Geschicke des Basler Schauspiels bestimmen. Das macht eine erste Einschätzung nicht einfach, zumal es sich um recht unterschiedliche Karrieren handelt, die nun zusammenfliessen werden.

Die Gemeinsamkeiten? Das Hamburger Thalia Theater, an dem Romero Nunes und Pohl derzeit arbeiten. Eine weitere ist die Berliner Hochschule für Schauspielkunst «Ernst Busch», an der Dirks und Romero Nunes ihr Studium absolvierten. Ansonsten schien die vier bislang wenig verbunden zu haben.

Das Ensemble als Herzstück

Warum gleich vier Leitungsmitglieder? Waren Andreas Becks Fussstapfen zu gross für eine einzelne Person? Diese Frage verneint der designierte Intendant Benedikt von Peter vehement: Er habe nicht von vornherein nach einem Viererteam Ausschau gehalten. «Es ist das Ergebnis einer langen Forschungsreise zur Frage, für was für ein Schauspiel ich hier in Basel einstehen möchte», sagt er. «Ich habe viele Leute aktiv angefragt, bei den vier hat sich eine gewinnende Konstellation herausgestellt: Sie haben denselben Spirit und interessieren sich für ähnliche Aspekte im Schauspiel.»

Bei der Nachfrage, um welche Aspekte es sich konkret handle, bleibt von Peter noch vage. «Es ist ein klares Plädoyer für den Ensemblegedanken; aus dem Ensemble werden sich Formen herauskristallisieren, die anders sein können, als man sie gewohnt ist», sagt er. Über konkrete Namen und Formate könne er zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nichts sagen. «Schliesslich wird es ja das neue Leitungsteam sein, das für das Programm einstehen wird.»

Also geht die Frage weiter an das neue Team. Auch hier wird der Ensemblegedanke einhellig zum obersten Prinzip erklärt. Eine revolutionär neue Auffassung ist das allerdings nicht. Auch die Ära Beck zeichnete sich durch ein starkes Ensemble aus – eines das jetzt zusammen mit seinem aktuellen Intendanten Chef nach München, ans Residenztheater, weiterziehen wird.

Darauf angesprochen, ob die Nachfolger beim Thalia Theater in Hamburg rekrutieren, winden sie sich ein bisschen. Gespräche sind auf jeden Fall am laufen.

Jörg Pohl, der Schauspieler im Leitungsteam, äussert dabei eine ziemlich radikale Auffassung des Ensemblegedankens: «Das Stadttheater war bisher noch immer so etwas wie die letzte Bastion des Feudalismus. Bei uns aber sollen die Schauspieler aktiv mitbestimmen können, was auf der Bühne zu sehen sein wird», sagt er.

Man will also klassischer Hierarchiestrukturen aufbrechen. Das scheint einer dieser «ähnlichen Aspekte» zu sein, welche von Peter erwähnt hat. «Meine besten Arbeiten hatte ich mit Schauspielern, die ihr Talent nicht am Regiepult abgaben, sondern aktiv an der Entwicklung einer Produktion mitgearbeitet haben», sagt Romero Nunes.

Ihm schwebt nach eigenen Angaben das Bild eines Bienenstocks vor Augen, in dem es ständig brumme. «Von einem Theater, das sich ein klares Label auferlegt, halte ich nicht viel. Jeder Inhalt braucht eine andere Form. Mein persönlicher Wunsch ist es also, ein Theater zu machen, in dem viele ganz unterschiedliche Sachen passieren», sagt er. «Auch wenn ich als leitender Regisseur vorangehen werde, wünsche ich mir starke Regisseure an meiner Seite, die Arbeiten zeigen, die komplett verschieden sind, so dass die Zuschauer nicht im Voraus wissen, was auf sie zukommt.»

Dass diese Zuschauer hohe Schauspielkunst bekommen haben in der Ära Beck, sprich, hohe Erwartungen haben könnten: eine Belastung? Nein, findet Antú Romero Nunes: «Ein Theater, das so gut läuft, bringt die besten Voraussetzungen mit. Das Publikum ist schon angespitzt.»

Wherlock bleibt bis 2022

Beim Basler Ballett wird hingegen vorerst alles beim Alten bleiben. Benedikt Von Peter hat den Vertrag mit Ballettdirektor Richard Wherlock vorerst bis 2021/2022 verlängert. Der Leiter der Tanzsparte wird damit nach Michael Schindhelm, Georges Delnon und Andreas Beck also bereits den vierten Intendantenwechsel miterleben. Wherlock wird 2021 zusammen mit seiner Compagnie das 20-jährige Bestehen in Basel feiern können. Eine Ehrenrunde zum Abschluss? We’ll see.

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