Coronavirus

So sieht die echte Ausgangssperre aus: Leidensbericht aus dem Dorf Huningue an der Grenze zu Basel

Leergefegt: Die gewöhnlich belebte Place Abbatucci in Huningue gibt ein surreales Bild ab.

Leergefegt: Die gewöhnlich belebte Place Abbatucci in Huningue gibt ein surreales Bild ab.

Im Elsass gilt eine strenge Ausgangssperre. Seit kurzem darf man nur noch für nötigste Besorgungen aus dem Haus. Und auch dann muss man ein Formular ausfüllen und den Grund für den Ausgang angeben.

Über der Kleinstadt Huningue, die sich hinter dem Novartis-Campus und unmittelbar hinter der Landesgrenze an den Rhein schmiegt, liegt eine ungewöhnliche Stille. Der grosse, im Zentrum des Städtchens gelegene Place Abbatucci wirkt leergefegt.

Die Kleinkinder, die hier sonst mit ihren Velos um den grossen Obelisken flitzen, sind zu Hause geblieben. Weit und breit keine Kinder, die sich hier sonst täglich Bälle zukicken oder rennend und mit weit ausgebreiteten Armen Tauben aufscheuchen. Keine Pensionäre, die die Frühlingssonne geniessen.

Nur vor der Bäckerei und dem Tabakladen stehen schweigend Menschen auf dem Trottoir. Sie warten geduldig mit zwei Metern Abstand zum Vordermann, bis sie an der Reihe sind, um in den Laden einzutreten.

Seit gut einer Woche darf man sich in Frankreich nur noch für absolut unabdingbare Besorgungen auf die Strasse begeben. Jeder muss für diesen Zweck zwingend eine «Attestation de déplacement dérogatoire» korrekt ausgefüllt auf sich tragen.

Bereits rund 100'000 Geldbussen verhängt

Präsident Emmanuel Macron hat dieses Formular eingeführt, um die Aufenthalte im öffentlichen Raum aufs Nötigste zu beschränken. Das Formular listet die vier einzigen Gründe für einen Aufenthalt ausserhalb der eigenen vier Wände auf. Der passende Grund muss jeweils angekreuzt werden. Wer keinen davon erfüllt, muss drinnen bleiben.

Raus darf, wer auf dem Weg zum Arbeitsplatz ist, da Homeoffice für seinen Beruf nicht möglich ist. Auch Lebensmitteleinkauf, Apothekenbesuch, unaufschiebbare Termine beim Arzt, älteren Menschen Beistand leisten etwa durch Einkäufe oder das Erfüllen familiärer Verpflichtungen, wie eigene Kinder zur Betreuung bringen, sind zulässige Gründe. Anfangs war zudem sportliche Aktivität allein oder mit den Mitgliedern desselben Haushalts erlaubt.

Diszipliniert: Vor den Supermärkten halten alle zwei Meter Abstand.

Diszipliniert: Vor den Supermärkten halten alle zwei Meter Abstand.

Auch das wurde kürzlich nochmals eingeschränkt. Man darf weiterhin spazieren gehen, joggen oder seinen Hund ausführen. Allerdings nur in einem Radius von etwa einem Kilometer ums eigene Haus. Der Zugang zu Wäldern, Kiesgruben, See- und Flussufern sowie Sportplätzen wurde bei dieser Gelegenheit ebenfalls untersagt. Offenbar hatten vielerorts zu viele Menschen gleichzeitig Lust auf einen Waldspaziergang.

Am ersten Tag nach Einführung des noch nie da gewesenen Formulars haben sich die kontrollierenden Polizisten noch auf Ermahnungen beschränkt. Unbelehrbare zahlten 38 Euro, die anderen kamen anfangs straflos davon. Mittlerweile hat die Polizei die Belehrungen eingestellt und verhängt ausnahmslos 135 Euro Strafe. Diese erhöht sich auf 375 Euro, sobald man sich nochmals ohne korrekt ausgefülltes Papier erwischen lässt.

Vier Verstösse innerhalb von 30 Tagen sollen 3'700 Euro kosten und sechs Monate Gefängnis einbringen. So will der Staat die Unbelehrbaren zur Räson bringen. Seit Einführung am Dienstagmittag vergangener Woche und letztem Sonntag wurden in ganz Frankreich laut Alain Thirion, Directeur général de la sécurité civile, 91'824 Mal Geldbussen verhängt. Allein am Sonntag waren es 22'574 Bussen bei etwa 375'000 Kontrollen.

Busse für Velofahrer: 15 Kilometer weg von zu Hause

Die Einführung des Formulars hatte gewisse Tücken. Man muss es als PDF bei verschiedenen staatlichen Seiten herunterladen. Computer und ausreichend Toner und Druckerpapier sind Voraussetzung, um dem Gesetz Genüge zu tun. Sparfüchse hatten anfangs einfach mehrere unterschriebene, aber undatierte Formulare mit Kreuzen für die verschiedenen Zwecke dabei.

Wer jedoch kein Datum einsetzt, muss jetzt zahlen. Also muss man das Formular täglich frisch drucken. Auch das Ausfüllen mit Bleistift kostet 135 Euro. In Munster wurde vergangenen Donnerstag sogar eine Busse erhoben, weil der Betroffene zwar das Formular samt Kreuz bei «wichtige Einkäufe» auf sich trug, bei näherer Befragung allerdings einräumte, er habe lediglich einen Brief in den Briefkasten werfen wollen.

Die Kontrolleure befanden, das sei kein ausreichend dringlicher Grund, seine Wohnung zu verlassen.

Auch ein Velofahrer musste zahlen. Er hatte 15 Kilometer von seinem Wohnort entfernt ein Stopp-Schild überfahren und dabei prompt ein Fahrzeug der Post gerammt, wie die «Dernières Nouvelles d`Alsace» berichten. Man dürfe zwar durchaus zum Sport nach draussen, so die Begründung für die Busse. 15 Kilometer seien jedoch definitiv zu weit vom heimischen Herd.

Nachbarschaftshilfe für Computerlose

Gerade Ältere, die keinen Computer zu Hause haben, waren anfangs ratlos, wie sie sich das Formular verschaffen sollten. Das sah auch Präsident Macron ein und erlaubte, den Wortlaut des Formulars handschriftlich gut leserlich auf beliebigem Papier wiederzugeben.

Auch das jedoch für jede Besorgung von neuem. Manche Bürgermeisterämter legten zudem Ausdrucke an öffentlichen Orten für ihre Bürger bereit – stets mit der Bitte, nur so viele zu nehmen, wie man wirklich benötige. In grösseren Wohnblocks stellen Nachbarn an den Haustüren Ausdrucke für ihre computerlosen Mitmieter vor die Tür.

Auch Kriminelle haben schnell reagiert: Die Regierung warnt bereits, nicht auf all die erstaunlich schnell im Netz aufgetauchten Formular-Generatoren hereinzufallen, die angeblich das Ausfüllen vollautomatisch übernehmen.

Seit gestern Mittwoch gibt es übrigens eine neue Version der «Attestation de déplacement» mit zusätzlichen Rubriken. Eine davon ist «Convocation judiciaire ou administrative». Diese muss man wohl ankreuzen, wenn man unterwegs ist, um etwa seine Busse zu begleichen.

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