Frau Sinha, das Café Odeon galt lange Zeit als neuralgisches Zentrum für die europäischen Intellektuellen. Ist es ein Zufall, dass Sie gerade diesen Ort als Treffpunkt für das Interview vorgeschlagen haben?

Shumona Sinha: Die Geschichte des Cafés Odeon kannte ich am Anfang nicht. Das Café ist mir zunächst wegen seines französischen Namens aufgefallen. In Paris gibt es das Cinéma Odeon, das Café Odeon, das Odeon-Viertel, das mein Lieblingsquartier in der Stadt ist. Erst als ich meinen Freunden vom Café erzählt habe, habe ich erfahren, dass es damals ein Treffpunkt für Intellektuelle war.

Sie sind angezogen und verhalten sich sehr französisch, oder zumindest sehr westlich. Sind Sie Französin?

Ich bin Indisch-Französin. Ich bin kein Mischling von Geburt an, ich bin in eine bengalische Familie geboren. Bis ich 27 Jahre alt war, habe ich immer in Kalkutta gelebt. Mit 27 Jahren bin ich dann in Paris angekommen und ich habe mich dort sofort zu Hause gefühlt. Auch vor meiner Ankunft in Paris, während meiner Adoleszenz, war ich von der Weltliteratur fasziniert, von der französischen, der deutschen, der russischen Literatur. In meinem Kopf lebte ich damals schon irgendwo anders. Je mehr die Jahre vergingen, desto mehr fühlte ich mich gegenüber meinem Umfeld verschoben. Als ich dann in Paris angekommen bin, konnte ich mich so anziehen, wie ich es wollte, trinken, rauchen – obwohl ich gar nicht rauche. Ich hatte viele Möglichkeiten, viele Freiheiten, die mir vorher versperrt waren.

In einem Interview sagten Sie, es war das Bedürfnis nach der Flucht, das Sie Indien verlassen liess.

Es ist heute 15 Jahre her, seitdem ich Indien verlassen habe. Wenn ich heute zurückkomme, einmal pro Jahr, freue ich mich, die neue Generation zu sehen, besonders die jungen Frauen. Sie haben viele Freiheiten erlangen können. Heute ist die Mittelschicht wohlhabender als damals, sie sagen mir: Was machst du in Frankreich, wir haben hier doch alles? Als ich jünger war, lebten die meisten aus der Mittelschicht traditionell, ausser einem sehr begrenzten Kreis von sehr reichen Menschen. Das späte Heimkommen nach einem Kinoabend führte immer zu einem Streit mit den Eltern. Damals hat mich dieser Mangel an Freiheit enorm erstickt. Man kann sich nicht täglich mit den Eltern, mit den Nachbarn streiten, oder täglich rechtfertigen. Man möchte etwas anderes im Leben machen. Und das Französischstudium, das ich in Indien gemacht habe, war wirklich mein Pass für die Freiheit.

Eine Freiheit, die Sie auch in der französischen Sprache gefunden haben?

Ja. Das Französische gibt mir viel mehr Freiheit als die bengalische Sprache mit ihrem sozialen Druck. Als Frau würde ich mir nie erlauben, so zu denken, wie ich es auf Französisch tue. Ich würde nicht so an die Liebe, an den Sex, an das Leben, an die Politik denken.

Solche Denk- und Sprechzensuren sind auch in Ihrem Roman «Kalkutta» zu finden. Die Figuren kommunizieren nicht untereinander, drücken ihre Liebe nicht aus.

In Indien sagt man nicht: «Ich liebe dich.» Man sieht nicht, wie sich die Eltern küssen. Es gibt eine Beklemmung, eine Stille, die für mich sehr drückend wirkt. Gleichzeitig heisst das nicht, dass die Liebe nicht gelebt wird. Sie wird gelebt, auf eine andere Weise. Wenn man es aber mit der westlichen Art vergleicht, sieht die indische Liebe still aus.

Wenn Sie also Indien nicht verlassen hätten, sähen Sie das jetzt anders …

Genau. Und ich hätte wahrscheinlich «Kalkutta» nicht so, oder gar nie geschrieben. Andererseits wollte ich mit diesem Buch ein wenig die Vorurteile brechen, die mit Kalkutta assoziiert werden. Denkt man an Kalkutta, kommt einem sofort Mutter Teresa in den Sinn. Und doch war Kalkutta die Hauptstadt des britischen Imperiums, es hat also viel mehr als die Armenviertel. Ich wollte das andere Gesicht der Stadt zeigen, ohne die anderen Aspekte zu verneinen. Ich hatte ein Pflichtgefühl Kalkutta und Indien gegenüber.

Haben Sie auch Schuldgefühle Kalkutta gegenüber? Sie haben sich ja für Frankreich, für Europa entschieden.

Ich habe keine Schuldgefühle meiner Stadt gegenüber. Ich denke, Reisen sind wichtig, auch die innerlichen. Und wenn ich nicht aus Kalkutta käme, wäre ich jemand anderer. Kalkutta hat so viel politische, so viel poetische Energie in sich. Auch nicht besonders wohlhabende Menschen gehen oft Bücher einkaufen. Es gibt so viel Durst nach Wissen, nach Literatur. Ich habe heute eine Sehnsucht nach Indien. Und es gibt noch Tausende von Seiten, die ich über Indien schreiben kann.

In Europa werden Sie allmählich bekannt. Wie steht es mit Ihrem Popularitätsgrad in Indien?

Ich bin in Indien nicht so bekannt wie hier, aber schon ein wenig, vor allem in Bengalen.

Die öffentliche Wahrnehmung einer Autorin, also einer Frau, die schreibt, ist aber sicherlich anders in Bengalen als in Europa, oder?

Die Menschen in Bengalen denken: Sehr gut, sie ist Schriftstellerin, sie schreibt auf französisch, und Franzosen sind ja nicht einfach zu verführen, auf der intellektuellen Ebene. In Bengalen werde ich deswegen respektiert, aber man muss auch die Beschränktheit des literarischen Milieus berücksichtigen.

In einem weiteren Interview erwähnten Sie die Tatsache, dass nach den Charlie-Hebdo-Anschlägen die Pariser Ihnen mit mehr Misstrauen begegneten. Spüren Sie dasselbe Misstrauen auch hier in Zürich?

Als ich in Zürich angekommen bin, dachte ich, es sei anders. Ich denke jetzt aber, dass die Zeit den Raum beeinflusst. Im Sommer sind die Menschen draussen, die Touristen sind unterwegs. Ich bin dann in der Menge der Touristen. Jetzt ist es Herbst, und die Menschen fragen sich häufiger: Was macht sie hier, warum ist sie in Zürich? Es ist auf jeden Fall keine Frage der Boshaftigkeit.