Nō-Theater

Selbst Bertolt Brecht beschäftigte sich damit: Das Theater, das kein Theater ist

Im ersten Stück, das in Basel zu sehen ist, treten die Geister des Reisweins auf.

Erstmals seit 30 Jahren ist in Basel wieder eine komplette Aufführung mit japanischem Nō-Theater zu sehen. Eine Annäherung.

Japan ist en vogue. Das Land der aufgehenden Sonne gilt derzeit als beliebtes Reiseziel, der Inselstaat als Exot unter den asiatischen Exoten. Viele Reisende sind begeistert von der sanftmütigen Lebensart, der Reinlichkeit, der Freundlichkeit. Die Naturverbundenheit der Japaner lässt uns staunen: Welches andere Volk setzt sich schon feiernd unter blühende Kirschbäume?

Und dann sind da natürlich die Küche, das Sushi, die Kampfkunst oder die Literatur eines Haruki Murakami. Gleichzeitig gilt Japan als das Land der Robotik, des Manga-Kults und der Katzenrestaurants. Kommt hinzu: Der Zen-Buddhismus und die daraus entstandenen Künste haben seit Jahrzehnten eine ungebrochene Anziehungskraft für alle spirituell Suchenden.

Die faszinierende Oberfläche hat bei genauerer Betrachtung einen tiefgehenden, historischen Hintergrund. Auf dieser Insel haben jahrhundertealte Traditionen, geschützt vom Meer, ihren ungetrübten Einfluss länger erhalten als anderswo. Ein gutes Beispiel dafür ist das Nō-Theater. Entstanden ist es vor rund 600 Jahren an den Höfen des Schwertadels, der sogenannten Samurai. Seine ursprüngliche Form hat es bis heute konserviert.

Ein farbiges, klingendes Rätsel in Zeitlupe

Im Hintergrund der auf sechs mal sechs Metern standardisierten, überdachten Bühne hängt das Bild eines Baumes. Darunter sitzen Männer im schwarzen Kostüm, einige mit Trommeln, einer mit Flöte. Der seitliche Zugang zur Bühne ist ein langer Steg. Darauf erscheint eine Figur mit Maske und buntem, ausladendem Kostüm. Sie tippelt auf den Fersen zu ihrem Auftritt und gibt schon mal das Tempo der Aufführung vor: Zeitlupe.

Was folgt, ist ein sehr fremdartiges Ritual. Die einen Figuren sitzen, andere vollführen einen Reigen aus präzis getakteten Bewegungen. Kehliger Sprechgesang, unrhythmisches Trommeln, schrilles Pfeifen, mehr Klangwolke als Musik, hüllt das Geschehen geheimnisvoll ein. Selbst ein geübter Theatergänger kapituliert bald: Da gibt es nichts zu verstehen. Und da gibt es auch keine Licht- oder anderen Theatereffekte, die dem Unterhaltungshungrigen Futter geben. Trifft der englische Kalauer also doch ins Schwarze? «Nō-theatre is no theatre.»

In gewisser Weise schon. Diese Form verweigert jegliche Art naturalistischer Darstellung. Und doch haben sich bedeutende Theatermacher wie Bertolt Brecht, Peter Brook und Robert Wilson intensiv mit dem Nō-Theater auseinandergesetzt. Gerade seine rätselhafte Unnahbarkeit scheint seine Stärke zu sein.

Eine 600-jährige Familientradition

In Basel bietet sich kommenden Donnerstag die Gelegenheit, eine originale Nō-Theater-Aufführung zu erleben. Organisiert wird sie von der Schweizerisch-Japanischen Gesellschaft. Und sie ist ein Ereignis: Es ist nämlich 30 Jahre her, seit letztmals ein solches Ensemble in der Schweiz zu Gast war. Die Umewaka Kennōkai Foundation ist im Grunde ein Familienunternehmen. Es zählt zu einer der ältesten in Japan. Bereits 1416 findet ein Vorfahre im Zusammenhang mit dem Nō-Theater Erwähnung.

Gezeigt werden insgesamt drei kurze Stücke: ein Tanzspiel, in dem zwei Darsteller den Geist des Reisweins beschwören. Ein humoristisches Intermezzo, in welchem der Donnergott Kaminari durch einen Wolkenspalt zur Erde fällt. Und ein dramatisches Liebesspiel, in dem eine Hofdame, ein alter Gärtner und ein Totengeist vorkommen.

Damit der Besuch aber nicht zum unlösbaren Rätsel wird, hier einige Tipps:

  1. Masken tragen nur weibliche Figuren oder Götter.
  2. Dass die Figuren unter gewichtigen Kostümen beinah zusammenbrechen, ist gewollt. Der Kampf gegen die Last führt zur nötigen Spannung.
  3. Jede Bewegung ist bedeutsam. Sie müssen die Bedeutung jedoch nicht kennen.
  4. Halten Sie sich an den Sound. Er ist fremdartig, aber äusserst hypnotisch.
  5. Es gibt eine deutsche Übertitelung. Auch in Japan werden die Stücke mittlerweile übertitelt, da beinah niemand mehr das mittelalterliche Japanisch versteht.
  6. Es gibt kaum Handlung. Das Spiel konzentriert sich auf die Darstellung psychischer Grenzsituationen. Diese versteht, wer sich in shintoistischer oder buddhistischer Tradition auskennt. Dabei geht es vornehmlich um die Vermittlung von Einsichten jenseits des sinnlich Wahrnehmbaren. Also die Darstellung des Undarstellbaren.

Ein typisch japanisches, da paradoxes Unterfangen. Es erinnert an jene berühmte Frage aus der Zen-Tradition, ein sogenanntes Koan: Wie klingt das Klatschen einer Hand?

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1