Das Theater Basel eröffnet seine Saison mit einer Revolutions-Oper. «Al gran sole carico d’amore» sorgte bei seiner Uraufführung 1975 an der Mailänder Scala für vehemente Proteste. Die Christdemokraten attackierten die Aufführung als kommunistische Wahlveranstaltung. Das lag nicht nur am Inhalt, sondern auch am Komponisten. Luigi Nono, bei der Uraufführung 51 Jahre alt, war seit den Fünfzigerjahren aktives Mitglied der kommunistischen Partei Italiens und war ein Freund des kommunistischen Präsidenten Giorgio Napolitano.

Gemeinsam mit den Komponisten Karlheinz Stockhausen, Luciano Berio und Pierre Boulez gehörte Nono zur Nachkriegsavantgarde. Der Komponist stellte seine Opern explizit in den Dienst des Klassenkampfs. Die Grundidee zu «Al gran sole carico d’amore» beschrieb er so: «Sie zeigt die Kontinuität der weiblichen Präsenz im Leben, im Kampf, in der Liebe; das Gestern, das Heute, das Morgen – übereinander gelagert, vorwegnehmend und fragmentiert.»

Es gibt in diesem Stück keine Handlung, höchstens szenische Skizzen. Es ist ein Konvolut aus Texten und Zitaten von Bertolt Brecht, Che Guevara, Fidel Castro, Antonio Gramsci und anderen Vertretern des Marxismus. Inszeniert wird es in Basel von Sebastian Baumgarten.

Herr Baumgarten, Luigi Nono war leidenschaftlicher Kommunist. Sie sind in Ostberlin aufgewachsen. Wie haben Sie den realen Kommunismus erlebt?

Der Osten war vor der Wende in einem maroden finanziellen Zustand. Der Traum, ein ökonomisches System zu schaffen, das dem Kapitalismus standhalten kann, ist gründlich in die Binsen gegangen. Der Erzfeind Franz Josef Strauss musste Milliarden-Kredite in den Osten schicken, damit es irgendwie weitergeht.

Sie waren beim Mauerfall 20 Jahre alt. War das eine Befreiung?

Für mich ist das eine sehr ambivalente Geschichte. Mein Grossvater war Intendant in der Staatsoper, meine Mutter war Sängerin im Rundfunkchor Berlin. Beide waren oft im Westen unterwegs. Für einige Künstler gab es die Möglichkeit, die Familie auf Auslandreisen mitzunehmen. Deshalb habe ich dieses totale Abgetrenntsein vom Westen gar nicht so erlebt.

Und wie haben Sie den Westen erlebt?

Für mich war das eine extrem wichtige Erfahrung, beide Welten sehen zu können. Ich war sogar in den USA auf Konzertreise mit meinem Grossvater. Das war sehr beeindruckend und gleichzeitig beängstigend. Ich war von der Überfülle dieser Werbe- und Konsumgesellschaft und auch von den Ungerechtigkeiten, die ich dort sah, überfordert. Ehrlich gesagt, war ich nach sechs Wochen gar nicht unfroh, wieder zurückzukommen.

War es zu Hause besser?

Anders. Bei uns ging es allen gleichmässig schlecht. Insofern war der Mauerfall ein zwiespältiges Erlebnis. Ich hätte mir wie viele Intellektuelle gewünscht, dass man sich überlegt hätte, was wir von welchem System übernehmen. Meine Lehrerin Ruth Berghaus, die übrigens mit Luigi Nono befreundet war, hat den denkwürdigen Satz gesagt: «Die glauben jetzt alle, dass der Osten wie der Westen wird, aber in Wirklichkeit wird es umgekehrt.» Wenn ich mir die heutige Bürokratisierung aller Lebensbereiche anschaue, dann hat sie vielleicht doch recht gehabt.

Die neue politische Kraft, die AfD, kommt aus dem Osten. Ist sie wirklich eine Spätfolge der Wende?

Wenn man es genau betrachtet, fängt ihre Geschichte bereits nach 1945 an. Die Gebiete im Osten waren, strukturell betrachtet, durch die Aufteilung unter den Alliierten damals schon schwach und sind es seither geblieben. Kommt hinzu, dass man sich heute gute Bildung leisten können muss. Im Osten ist weder der Bildungsstand besonders hoch, noch sind die sozialen Möglichkeiten gegeben, um weiterzukommen. Das führt dazu, dass viele Menschen ihr Leben in einer gewissen Aussichtslosigkeit bestreiten. Die Ängste, die damit zusammenhängen, werden von der AfD bewirtschaftet. Aber entscheidend ist für mich, dass diese erschreckenden nationalistischen Bewegungen nicht auch noch von der Wirtschaft mitgetragen werden, wie damals im Nationalsozialismus.

Trotzdem ist der Aufstieg der AfD ungebremst.

Stimmt. Und wir sind in einer Phase der Rezession. Kommt hinzu, dass man sich angesichts Trump, Johnson und Bolsonaro fragen muss, welche Form von Intelligenz noch notwendig ist, um ein politisches Amt zu bekleiden. Diese Art von Dummheit, diese dumpfe Art der Weltwahrnehmung, gekoppelt mit weltweitem Leadership, das macht mir schon Sorgen.

Nun inszenieren Sie Luigi Nono. Die Pariser Kommune, die russische Revolution, Kuba, Chile – ist das nicht kalter Kaffee?

Kalter Kaffee nicht, aber sicher eine vergangene Welt. Nach Definition von Marx ist ja die Arbeiterklasse im Verbund mit den Bauern die stärkste aller Klassen. Die Arbeit dieser Klasse wurde mittlerweile jedoch von Maschinen übernommen. Das heutige Prekariat könnte vielleicht durchaus revolutionäres Potenzial entfalten; im Gegensatz zur Arbeiterklasse haben diese Menschen jedoch nicht die Möglichkeit, die Maschine zum Stillstand zu bringen.

Hat sich damit auch die Utopie einer gerechten Gesellschaft verflüchtigt?

Solange Geld das bestimmende Mittel ist, um die Gesellschaft zu steuern, und nicht der Mensch im Zentrum steht, so lange wird sich nicht grundlegend viel ändern. Es gibt jedoch so viele neue Bewegungen, die das Gedankengut von Marx weiterdenken. Diese Neo-Marxismen habe ich erst durch den Umgang mit meinen Studierenden richtig kennen gelernt.

Also verschwindet Marx noch lange nicht aus den Bücherregalen?

Seine Analysen sind ja nicht so schlecht. Und ich glaube, dass ein Weiterdenken solcher Quellen die bessere Alternative ist, als dauernd zu sagen, es gebe kein besseres System als das derzeitig vorherrschende. Sonst verlieren wir jeden Blick auf die Utopie. Luigi Nono hat das in dieser Oper so gemacht. Das Stück ist eine Art Geisterbeschwörung. Es beschreibt ja nicht die Siege der Revolution, sondern die gescheiterten Aufstände.

Nun hat Nono seinen Klassenkampf mit Avantgarde-Musik geführt. Hat er damit nicht am Zielpublikum vorbei produziert?

Das Stück ist 1975 entstanden. Damals war man, übrigens auch in der DDR, der Überzeugung, dass die Arbeiter diese Musik schon irgendwann verstehen werden; da es eine neue Musik ist, die sich nicht nach herkömmlichen Gesetzen bewegt, eine befreite Musik für befreite Menschen. Das war die Utopie, die, wie bekannt, nicht in Erfüllung gegangen ist.

Die Revolutionen waren von Männern geprägt. Wieso setzt Nono Frauen ins Zentrum?

Heiner Müller sagte mal, manchmal sei das Werk grösser als sein Autor. Das trifft bei Nono vielleicht zu. Obwohl wir nicht vergessen dürfen, dass der Feminismus 1975 natürlich in der Luft lag. Interessant ist, dass feministische Thesen im Moment sehr wichtig sind.

Gibt es da konkrete Aktualisierungen ihrerseits?

Nein. Natürlich möchten wir erreichen, dass die derzeitige Diskussion mitgedacht wird. Aber wenn ich mit einem konkreten Bild genau darauf verweise, kann eben nichts mehr zusätzlich mitgedacht werden. Ich finde nicht, dass die Aktualisierung in der Oper quasi deren Modernität definiert. Mir ist es lieber, wenn die Zuschauer eigene Bilder in ihren Köpfen bauen.

Sind Sie selbst Klassenkämpfer?

Die Frage bei solchen Stücken ist doch, wie wir heute mit dem Thema Revolution umgehen. Mich interessiert die eindeutige Botschaft nicht.

Wie meinen Sie das?

Diese wirklich interessante Gedankenwelt der Revolution ist viel komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Viele meinen, politisches Theater zu machen, bedeute, sich zu etwas zu bekennen. Das ist aber Politik, nicht Theater. Theater ist immer dialektisch und widersprüchlich.