«Jemand will sich mit Dir auf Facebook verbinden», steht in der Benachrichtigung, die den Smartphone-Bildschirm aufleuchten lässt. Wer die Anfrage annimmt, erhält schon bald danach eine private Nachricht: «Hey, alles klar? Wir suchen junge, sympathische Menschen, die sich fürs Thema Gesundheit und Lifestyle interessieren und sich nebenbei ein zweites finanzielles Standbein aufbauen wollen.»

Die Namen der Verfasser sind in Basel bekannt. Es gibt hier kaum junge Erwachsene, die von den Werbenden nicht schon auf demselben Weg kontaktiert wurden. Sie locken mit Bildern von gestählten Körpern und luxuriösen Geschäftsreisen. Wer eigentlich dahintersteckt: der Vitaminpräparat-Vertreiber Juice Plus.

Das Unternehmen basiert auf einem Vertriebssystem, das sich Multi-Level-Marketing nennt. Konsumenten, die im Direktbetrieb gewonnen werden, sollen das Produkt ihrerseits verkaufen und auch ihre Kunden sollen wiederum zu Wiederverkäufern, sogenannten Franchise-Partnern, werden. Je mehr Kunden und Franchise-Partner ein Verkäufer akquiriert, desto höher ist seine Stufe innerhalb des Systems. Auf Basis seiner Stufe erhält er dann einen Bonus. Unter Umständen ein durchaus lukratives Geschäft. Aber erst, wenn genügend Abnehmer gefunden wurden.

Deutliche Verjüngungskur per Facebook

Gehörten zur Zielgruppe einst vorwiegend Über-35-Jährige, unterzieht sich die Firma sich nun einer Verjüngungskur: Social-Media-Kanäle werden intensiv genutzt, um gezielt junge Leute als Franchise-Partner anzuwerben. Auf ihren Profilen posten die Verkäufer mehrmals täglich Beiträge und vermitteln damit das Bild eines Traumjobs: Neben Orts- und Zeitunabhängigkeit ködern sie Neukunden mit Fitness und neuen Freunden. Was verkauft wird, sind keine Vitaminkapseln, sondern ein Lebensgefühl.

Das Problem: Einige Basler Verkäufer schiessen beim Gedanken ans grosse Geld gelegentlich übers Ziel hinaus. So bieten sie potenziellen neuen Teammitgliedern beispielsweise einen «Teilzeitjob mit Vollzeiteinkommen» oder «fühlen sich – den Produkten sei Dank – immun gegen Krankheiten». Versprechen, deren Einlösung sie nicht garantieren dürfen.

Denn in den Firmenstatuten von Juice Plus ist das Vorgehen bei Verkauf und Rekrutierung peinlich genau geregelt, Formulierungen sind sorgsam abgewogen. So schützt sich das Unternehmen vor einem Eingriff durch die Behörden. Da die Franchise-Partner als Selbständigerwerbende einsteigen, kann der Konzern für ihre Versprechungen nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Die Basler Verkäufer lehnten ein Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» ab. «Offiziell dürfen wir die Firma nicht vertreten», heisst es. Man solle direkt mit der PR-Abteilung Kontakt aufnehmen.

Die Antwort des Marketingteams: «In der heutigen digitalen Welt ist es gang und gäbe, dass die Absatzwirtschaft die sozialen Medien als Kanal für Werbung und Kommunikation nutzt. Wir, wie auch andere Unternehmen, nutzen die gängigen Kommunikationskanäle der heutigen Zeit unter der Einhaltung der gegebenen Rechtsgrundlagen.»

Eine grosse, glückliche Familie

Für einen Basler Studenten, der anonym bleiben will, hat sich das Geschäft mit den Vitaminpillen nicht gelohnt. Er wurde vorigen Sommer von einem der berüchtigten Basler Verkäufer auf Facebook kontaktiert und mit ins Boot geholt. «Anfangs war ich skeptisch», sagt er. An einem Infoanlass sei er jedoch von Produkt und Geschäftsmodell überzeugt worden. «Es waren unglaublich viele junge Leute dort. Alle waren sympathisch und sehr nett.»

Eine grosse, glückliche Familie, die das gleiche Ziel verfolgt und auf dieselben Produkte schwört: alles nur Firmenstrategie? Der Student erwirbt die Produkte und Verkaufslizenz und steigt so bei Juice Plus ein. «Dass man auf Facebook so viele Beiträge posten und Leute anwerben muss, um erfolgreich zu werden, war aber gar nicht meine Welt.» Ausserdem habe er realisiert, dass die Produkte bei ausreichender Bewegung und gesunder Ernährung überflüssig seien.

Deshalb beschliesst er nach drei Monaten, seine Nebenerwerbstätigkeit aufzugeben. Die Produkte, die er von der Firma bezogen hat, waren teuer. Dafür sei er nun um eine Erfahrung reicher, sagt er. Von seinen vielen neuen Freunden hat er seit seinem Ausstieg nichts mehr gehört.