Basler Fasnacht
Schnitzelbängglerinnen: «Wir Frauen müssen unsere Verse selbst machen»

Bängglerin Rosmarie Utzinger (74) bildete mit Erika Brechbühl das Bangg-Frauenduo Betty & Bossi. Eine Seltenheit. Auch dieses Jahr gibt es unter den Comité-Bängglern nur eine Frau. Warum denn eigentlich?

Susanna Petrin
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Betty & Bossi: Rosemarie Utzinger sang die Verse (hinten),Erika Brechbühl war der «Helgebueb». Claude Giger

Betty & Bossi: Rosemarie Utzinger sang die Verse (hinten),Erika Brechbühl war der «Helgebueb». Claude Giger

Eine klingende Altstimme nimmt das Telefon in ihrer Muttenzer Wohnung ab. Ist das Rosmarie Utzinger von Betty & Bossi? Sie ist es. Und ganz spontan kann sie immer noch so manchen Bangg auswendig aufsagen. 32 Jahre lang war Utzinger aktive Schnitzelbängglerin, bis heute schreibt sie noch Zeedel für «Die Alte Abverheyte». Diese gingen 1938 als erste Frauenclique an die Fasnacht. Inkognito, denn eigentlich war das damals verboten. Sie versteckten ihr Haar, zogen grobes Schuhwerk und Handschuhe an, erinnert sich Utzinger. Erst nach dem zweiten Weltkrieg durften Frauen nach und nach offiziell mitmachen. Trotzdem gibt es bis heute Domänen, in denen sie stark unterdotiert sind, etwa bei den Schnitzelbänggen.

Warum gibt es kaum Frauen unter den Schnitzelbängglern?

Rosmarie Utzinger: Das frage ich mich auch. Ich vermute, es liegt vor allem an den Stimmen. So ein Frauenchörli kommt nicht so gut an, man spricht schnell von «Gägi-Stimmen». Altstimmen eignen sich sicher besser als Sopranstimmen. Die bisherigen, erfolgreichen Frauenbängge waren meist Einzelne – mit Ausnahme etwa der «Halbsuure» oder der «Setzlig». Wir waren zu zweit, aber nur ich habe die Verse vorgetragen. Vielleicht haben weniger Frauen als Männer den Mut, allein aufzutreten?

Wie haben Sie den Mut gefasst, in den 60er Jahren als eine der ersten Frauen Bängge vorzutragen?

Ich habe schon in der Schule und als Kind in der Familie Schnitzelbängge geschrieben und vorgetragen. Dann bin ich ab 1967 zunächst in einer gemischten Gruppe mit zwei Männern öffentlich aufgetreten. Erst zwei Jahre später, als ich mir meiner Sache schon sehr sicher war, hab ich mich selbständig gemacht. Zusammen mit Erika Brechbühl nannten wir uns die ersten 20 Jahre «Glepfschyt». Das ist einerseits ein altes Gewehr, anderseits heisst es auch so viel wie «böses Rätschwyb». Aber mit der Zeit kannten immer weniger Leute diesen Ausdruck. Zum 20. Jubiläum haben wir uns deshalb umgenannt auf «Betty und Bossi» – weil wir nicht kochen können.

Machen Frauen andere Schnitzelbängge als Männer?

Ja, wir haben andere Themen aufgenommen, auch Hausfrauenthemen. Wir haben zum Beispiel einen Vers über die Nouvelle Cuisine gemacht, als das plötzlich so Mode wurde, oder über Männer aus Frauensicht. Das Publikum hat diese Abwechslung geschätzt, es war froh, wenn nicht zum x-ten Mal einer anfing mit «Dr FCB...». Ausserdem war uns Selbstironie sehr wichtig, wir haben uns mit Vorliebe selbst hochgenommen. Dazu passten unsere Larven, wir hatten sehr dumme Gesichter. Wir Frauen müssen unsere Verse selbst machen; wenn sie von Männern gemacht und von Frauen vorgetragen werden, merkt man schnell, dass etwas nicht aufgeht.

Wurden sie als Frauenbangg je angefeindet?

Nein, wir wurden geschätzt und auch an diverse Vorfasnachtveranstaltungen eingeladen. Das Comité schrieb uns in seiner Bewertung, wir böten «Sujets abseits der breiten Heeresstrasse». Was auch besonders gut ankam, waren ganz spontane Verse, aus der Aktualität des Tages heraus. Als 1983 Lilian Uchtenhagen am Fasnachtsmittwoch wider Erwarten nicht gewählt wurde, waren wir so sauer, zuerst wollten wir gar nicht mehr zurück an die Fasnacht. Dann gingen wir mit einem spontanen, neuen Vers: «Mer hänn e Schämpis in Yskaschte doo und gsait: Noo der Wahl wird denn e Schlugg gnoo. Jetz sage mer numme no kurz und knapp: D Fläsche isch no zue, aber der Zapfen isch ab!»

Fällt Ihnen das «Verse brünzeln» leicht?

Wenn man Glück hat mit den Reimen, geht es schnell. Man fängt meist mit der Pointe an und arbeitet sich rückwärts. Es sollte natürlich tönen, wie wenn man im Alltag redet, aber in Reimen. Wir haben nie mit Füllwörtern, etwa «ohjemine» oder so, gearbeitet. Wenn uns kein Reim eingefallen ist zu einer Pointe, haben wir lieber ganz auf den Bangg verzichtet.

Sollten Frauen ermutigt werden, Schnitzelbängge vorzutragen?

Ja, sicher. Ich habe dem Comité gesagt, dass sich interessierte Frauen, die Unterstützung brauchen, auch gerne an mich wenden können.

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