Es ist der schönste Tag seines Lebens. Iwasa Ryo steht in einer kleinen Kapelle in Tokio, hinter ihm ein weisses Kreuz, vor ihm eine Frau mit einem stabartigen Ding in der Hand. Sie sagt ein paar Worte, dann hält sie ihm das seltsame Teil vors Gesicht. Der junge Japaner schürzt die Lippen, beugt sich nach vorn und küsst sachte seine Braut. Also den Stab. Also beides.

Japaner heiratet Anime-Freundin

Hat Ryo jetzt einen Stab geheiratet? Streng gesehen schon. Virtuell gesehen nicht: Der junge Mann trug während der Zeremonie eine Virtual-Reality-Brille, vor seinem Auge sah er kein stabartiges Ding, sondern das Gesicht seiner Freundin – eine Anime-Figur aus dem japanischen Datingspiel Niizuma Lovely × Cation. Sie schürzte die Lippen genau im gleichen Moment wie er – und dank exakt programmierter Sensoren fühlte es sich fast so an, als würde er einen richtigen Mund küssen.

Eben doch nur Bots

Hat Ryo jetzt eine Frau geheiratet? Streng genommen nicht. Die virtuelle Freundin entwickelt sich nur innerhalb der Grenzen des Spiels weiter, er kann sie nach Gusto programmieren, wirklich einzigartig wird sie dabei nie. Auf emotionaler Ebene tut das für Leute wie Ryo aber nichts zur Sache: In Japan ist Anime-Dating gang und gäbe – inklusive entsprechender Gefühle. Für Männer und Frauen wie Ryo sind ihre Beziehungen in diesem Simulationsspiel weit mehr als nur ein Zeitvertreib. Sie vertrauen ihnen Dinge an, die sie noch nie jemandem gesagt haben, gestehen ihnen ihre Liebe, verbringen täglich mehrere Stunden mit ihnen. Wieso also nicht auch gleich heiraten?

Die Ehe machts nicht besser. Zumindest wenn man der Mediengruppe Bitnik glauben will, die zurzeit im Haus der elektronischen Künste Basel (HeK) gastiert. «Future Love» heisst die Ausstellung und versammelt eine Reihe von Künstlern, die sich Fragen unweit Ryos Situation stellen: Was stellen neue Technologien mit unserer Sexualität an? Mit unseren Emotionen?

Die Antwort der Mediengruppe Bitnik fällt nüchtern aus. Ihr Beitrag besteht aus hochgeschraubten Bildschirmen, die maskierte Frauengesichter zeigen. «Hi there», «Bist du öfters hier?», «Wie heisst du?», sagen sie, zumindest hört es sich so an, die Gesichter der Frauen bewegen sich dazu kaum. Bitnik bezieht sich dabei auf das weltweit operierende Seitensprung-Portal Ashley Madison, das im Sommer 2015 von einer anonymen Gruppe gehackt wurde.

Im Zuge dieser Aktion wurden die Identitäten der rund 30 Millionen User öffentlich gemacht, es folgten Ehekrisen, sogar Suizide. Weiter wurde bekannt, dass Ashley Madison 75 000 weibliche Chatbots brauchte, um die männlichen User in kostspielige Gespräche zu verwickeln. Auch in Basel waren solche Fembots aktiv – Bitnik zeigt fünf davon. Und klar, ein Bildschirm in einer Ausstellung ist nicht dasselbe wie der Laptop zu Hause. Die Frage stellt sich angesichts dieser ausdruckslosen Phantomgesichter trotzdem: Wer in aller Welt fühlt sich zu so einem Ding hingezogen?

Menschlicher Roboter

Der russische Medienkünstler Dmitry Morozov kehrt die Gleichung um: Sein Phantom, eine kleine, roboterartige Installation, ist fast schon hypermenschlich. Morozov zeichnete während eines Geschlechtsverkehrs seine Biodaten auf und baute sie zur Maschine um. Entstanden ist ein zitterndes Wesen mit blinkender Anzeige (der gefilmte Akt, in niedrigster Auflösung) und pumpendem Flüssigkeitsreservoir. Man kann nicht anders, als in diesem Roboterchen den menschlichen Akt zu suchen – da! Die Maschine zuckt nervös! Was Morozov da wohl gerade gemacht hat? Auch wenn es dem Künstler um was ganz anderes geht: Ihn interessiert der Moment, in dem Roboter anfangen werden, eine Sexualität vorzutäuschen, indem sie Menschen kopieren. So weit denkt kaum jemand, im Moment liegt die vorstellbare Deutungsmacht noch bei uns Menschen. Wie werden wir in Zukunft mit Robotern umgehen? Werden sie uns irgendwann ersetzen?

Alles Zukunftsmusik, wissen wir spätestens seit der britischen Science-Fiction-Serie «Black Mirror». In der Folge «Be Right Back» bestellt sich eine Frau ihren verstorbenen Mann zurück – eine Cyborg-Version von ihm, basierend auf den Daten, die er im Internet hinterlassen hat. Es kommt nicht gut – wie immer in solchen Versuchsanordnungen. Der Roboter ist einfach kein Mensch. Auch wenn es sich noch so echt anfühlt, noch so danach aussieht – oder wie bei Morozov: noch so viel Mensch drinsteckt.

Diese Erkenntnis eignet sich als moralischer Zeigfinger, viel weiter bringt sie uns aber nicht. Die wirkliche Frage lautet immer noch: Was bedeutet das für unser Gefühlsleben? Werden wir auch einmal so weit sein, dass wir an unserer Hochzeit einen Satz Stab-Lippen küssen?

Gespenstische Laborsituation

Antwort auf diese Frage liefert uns die Ausstellung im HeK natürlich nicht. Dafür massenweise unheimliche Annäherungen: Die türkische Künstlerin Pinar Yoldas zeigt 3-D-Animationen von Föten und bezieht sich damit auf genetische Manipulation von Organismen. Bei der Slowenierin Špela Petrič stecken nicht Embryos, sondern Pflanzen im Inkubinator: Sie isoliert Steroidhormone aus ihrem eigenen Urin und nährt damit ein Unkraut. Das Resultat ist eine gespenstische Laborsituation mit dieser «Transspezies» – die Pflanzen verändern unter den tropfnassen Glasglocken ihre Hormonstruktur – dank menschlicher Bausteine.

Babys der Zukunft: Vision der türkischen Künstlerin Pinar Yoldas. HO

Babys der Zukunft: Vision der türkischen Künstlerin Pinar Yoldas. HO

Auch Karen Lancel und Hermen Maat brauchen Biodaten für ihre Versuchsanordnung: Zuschauer sind angehalten, sich auf zwei Stühle zu setzen und sich zu küssen. Dabei werden ihre Gehirnwellen aufgezeichnet und unmittelbar in eine Musikpartitur übertragen, die als Projektion auf den Boden rund um die Küssenden gestrahlt wird. Ein intimer Moment zwischen zwei Menschen, der im Dienste einer «Datenwissenschaft» zum Zuschauerspektakel wird. Ziemlich unheimlich, würde man meinen, die Installation konnte sich an der Museumsnacht im Januar aber vor Probanden kaum retten. Faszination über Skepsis scheint hier die Devise zu sein. Was machen schon ein paar Biodaten aus?

Karen Lancel und Hermen Maat machen Küsse zum Tech-Spektakel.HO

Karen Lancel und Hermen Maat machen Küsse zum Tech-Spektakel.HO

Wem es an diesem Punkt noch immer nicht kalt den Rücken runterschauert, der soll zu Ed Fornieles: Der britische Künstler hat ein Virtual-Reality-Erlebnis konzipiert, das auch das letzte Fünkchen Sinnlichkeit tilgt: Man legt sich auf eine Liege, zieht eine VR-Brille über und liegt plötzlich vor nackten Avataren, die eifrig damit beschäftigt sind, an einem rumzuspielen. Beziehungsweise am Avatar-Körper, den man dank Brille jetzt besitzt. Irgendwie lustig ist das und vielleicht auch, ohne Ausstellungskontext, annähernd antörnend. In erster Linie aber – und endlich dämmerts: wahnsinnig traurig. Wer ist der Mensch, der sich dermassen vor realen Begegnungen fürchtet, dass er sich Befriedigung von Computerfiguren beschaffen muss? Der mit Chatbots redet, die offensichtlich keine richtigen Personen sind? Der ohne Zögern seinen Kuss freigibt, als Liveshow?

Vor unser aller Nase

«Noch nie schien die Zukunft unserer emotionalen, sexuellen und familiären Beziehungen aufregender, vielversprechender und turbulenter als heute», steht auf dem Saalblatt, das man beim Rausgehen noch in die Finger kriegt. Die Hilflosigkeit dieser adjektiv-schweren Formulierung ist zermürbend. So turbulent! So aufregend!

Zum ersten Mal versteht man den alten Mann, der kopfschüttelnd aus der Ausstellung läuft. Nicht wegen der Inhalte, die sind wunderbar, subversiv, anregend. Sondern wegen der Welt, die einem da ins Bewusstsein geschmettert wird. Letztendlich geht es eben nicht darum, wieso Ryo jetzt diesen verdammten Stab geküsst hat. Sondern wieso der verdammte Stab keine richtige Frau sein konnte.

Man ahnt: Die Antwort auf diese Frage ist vor unser aller Nase. Wir finden sie auf unserem Facebook-Profil, in unserer Versicherungsfranchise, auf unserer Cumulus-Punkte-Abrechnung. Daten sind Handelsgut, sie sind Macht. Eine Macht, die immer mehr bis in unsere Gefühlswelt dringt. Was irgendwann dazu führt, dass Leute wie Ryo plötzlich zusammenprogrammierte Avatar-Wesen richtigen Frauen vorziehen.

Und kaum hat man das begriffen, wandert die Hand auch schon wieder zum Handy. Den Schreck auf Instagram verdauen.

Future Love. Begehren und Verbundenheit im Zeitalter geformter Natur, HeK (Haus der elektronischen Künste Basel)

18.01.2018 - 15.04.2018