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Rotation im Fussball: Vom Fremdwort zum festen Bestandteil

Die Rotation ist im modernen Fussball unvermeidbar geworden – früher war sie kein Thema. Der FC Basel mit Trainer Murat Yakin ist ein Verfechter des Rotationsprinzips. 27 verschiedene Spieler hat Yakin in bislang 22 Saisonspielen eingesetzt.

Sebastian Wendel
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Die FCB-Rotation: Je grösser der Name, desto mehr Einsatzminuten hatte der Spieler. Spitzenreiter ist Fabian Frei mit 1882 Minuten, dicht gefolgt von Yann Sommer.

Die FCB-Rotation: Je grösser der Name, desto mehr Einsatzminuten hatte der Spieler. Spitzenreiter ist Fabian Frei mit 1882 Minuten, dicht gefolgt von Yann Sommer.

bz

«Rotation?». Karl Odermatt muss lachen. «Zu meiner Zeit war das ein Fremdwort», sagt das Basler Fussballidol. In den 60er- und 70er-Jahren gewann der heute 70-Jährige mit dem FCB fünf Meistertitel und dreimal den Cup. Immer mit dem gleichen Motto: «Die elf Besten haben gespielt - egal wie.»

Odermatt und seine Trainer beim FCB konnten von der Auswahl, die Murat Yakin zur Verfügung steht, nur träumen: 27 Spieler hat Yakin in bislang 22 Saisonspielen eingesetzt, mehr sind es nur bei Tabellenschlusslicht Lausanne.

«Rotation ist eine Frage der Mentalität, des Mutes und des Vertrauens in die Spieler - sie ist unvermeidbar», sagt Yakin. Wobei der 39-Jährige die Bezeichnung «Meister der Rotation» verdient: In 63 Spielen seit Oktober 2012 hat Yakin nur einmal in zwei aufeinanderfolgenden Spielen die gleiche Startformation gewählt - am 10. Februar beim 3:0 gegen Sion und am 14. Februar 2013: 2:0 gegen Dnjepropetrowsk.

Yakin stellt nicht nach der Maxime «die elf Besten» auf, sondern: Welche Spieler sind zum jetzigen Zeitpunkt die besten elf?

Die Gründe

Anzahl Spiele. Neben den 36 Super-League-Partien spielte der FCB in der letzten Saison sechs Cuprunden und 20-mal im Europacup, wo er im Halbfinal an Chelsea scheiterte. Zum Vergleich: Bayern München brauchte 1974/75 neben 34 Spieltagen in der Bundesliga nur neunmal im Meistercup, dem Vorgänger der Champions League, anzutreten, um den Titel zu holen. Dazu stehen im Fifa-Kalender immer mehr Länderspiele, für welche die Vereine verpflichtet sind, ihre Angestellten freizustellen .

Kader. Die heutigen FCB-Kader sind fast doppelt so gross wie jene zu Odermatts Zeiten. «Wir hatten 16 Spieler, davon waren immer etwa 6 in der Schweizer Nationalmannschaft», sagt Odermatt. Yakin trainiert 26 Profis aus neun Ländern, 15 davon sind Nationalspieler. Spieler wie Diaz (Chile) oder Pak (Nordkorea) fliegen innert wenigen Tagen einmal um die Welt, was regelmässige Pausen unvermeidbar macht.

Yakin sieht 18 seiner 27 Spieler auf gleichem Niveau - diese bei Laune zu halten, sei die grosse Herausforderung. «Das funktioniert nur, wenn ich alle regelmässig einsetze und ihnen zeige, dass sie wichtig sind.» Dennoch fordern die grossen Kader auch prominente Opfer: in Basel David und Philipp Degen, die in den letzten Wochen kaum mehr berücksichtigt wurden.

Konkurrenzkampf. Bei Yakin kann es vorkommen, dass am Vorabend einer Partie noch nicht mal er selber weiss, wer 24 Stunden später auflaufen wird - ganz zu schweigen von den Spielern. Die meisten erfahren zwei Stunden vor Anpfiff, wo ihr Platz sein wird: auf dem Rasen, auf der Ersatzbank oder auf der Tribüne. Die Bezeichnung «unbestrittener Stammspieler» gilt nur für ein paar wenige: Yann Sommer, Fabian Schär, Fabian Frei, Valentin Stocker und Marco Streller. Am wenigsten wechselt Yakin in der Abwehr. «Sie muss eingespielt und stabil sein - in der Offensive sind die Spieler weniger an ein Schema gebunden», sagt er. Odermatt: «Ich wusste am Montag: Wenn ich mir unter der Woche kein Bein breche, spiele ich am Samstag. Wir hatten nur 13 gleichwertige Spieler, die anderen waren Mitläufer.»

Betreuung. «Amateurhaft», lautet Odermatts Fazit, wenn er zurückdenkt. Eine vorausschauende Betreuung durch die medizinische Abteilung war kein Thema. «Ein angeschlagener Spieler bekam eine Spritze und hat dann gespielt.» In dieser Saison werden Spieler wie Fabian Schär oder Marco Streller (beide Knieprobleme) regelmässig geschont, um langwierige Folgeverletzungen zu vermeiden. Ähnliches gilt für Valentin Stocker, der wegen Adduktorenbeschwerden heute Abend in Aarau pausiert. Ziel ist, den 24-Jährigen für das Champions-League-Spiel am Mittwoch gegen Bukarest fit zu kriegen.

Bislang geht das Yakinsche Rotationssystem auf. Es lauern aber auch Gefahren, wie Odermatt findet. «Ich kann den Trainer zwar verstehen - aber zu viele Wechsel bringen eine Mannschaft auf Dauer aus dem Konzept.» Yakin hält dagegen: «Die Spieler trainieren jeden Tag zusammen und kennen einander. Unser Spiel verlangt eine hohe Laufbereitschaft und einen frischen Verstand.» Für ihn steht fest: Das muntere Wechselspiel geht weiter.

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