Theater
Romeo und Julia auf den Bühnen im Nordirak

Die Volksbühne Basel reiste in die autonome Region Kurdistan – und spielte nur 70 Kilometer vom Krieg entfernt Theater. Obwohl es im Nordirak ungewöhnlich ist, Intimität darzustellen, strich die Regisseurin die Liebesszene nicht.

Annika Bangerter
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Die Volksbühne Basel in Nordirak
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Nach der Vorstellung in der nordirakischen Stadt Dohuk bedankten sich die Zuschauer bei jedem einzelnen Schauspieler der Volksbühne Basel.
«Solch eine Wertschätzung habe ich noch nie erlebt»: Özlem Yilmaz, Sängerin.
«Wir spielten, um Abwechslung und Hoffnung zu bringen»: Nuri Jendreyko, Schauspieler.
«Ich habe nie an dieser Tournee gezweifelt»: Anina Jendreyko, Regisseurin.

Die Volksbühne Basel in Nordirak

Jonas Schaffter

«Wir sind noch nicht angekommen», sagt Anina Jendreyko. Der Flieger landete vor weniger als zwölf Stunden in Basel. Jetzt sitzt die Regisseurin mit zwei Schauspielern aus der Produktion «Selam Habibi» in einem Café der Innenstadt.

Sie sind zurück aus dem kurdischen Nordirak; zurück aus einer Stadt, deren Strassen mit den Plakaten der Basler Truppe gesäumt war; zurück von improvisierten Bühnen, worauf sie vor über tausend Menschen die Geschichte von Romeo Julia spielten.

«Wir wollten gar nicht heimkehren», sagt Özlem Yilmaz. Die 35-jährige trägt Kleider ihrer Schwester, ihren Koffer hat sie noch nicht ausgepackt. «Die Offenheit der Menschen, ihre Herzlichkeit, ihre Gastfreundschaft, das hat uns alle tief berührt», sagt die kurdisch-schweizerische Sängerin. «Es macht mich wütend, dass man hier von ihnen praktisch nichts weiss.»

Dabei könnte die Schweiz viel von ihnen lernen – über den Umgang mit Flüchtlingen beispielsweise. In der autonome Region Kurdistan im Nordirak fanden über eine Million Menschen aus dem Irak und Syrien Schutz vor der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS).

EDA riet von der Reise ab

Kurdistan gilt als eine der stabileren Gegenden im Irak. Dennoch ist die Situation so unberechenbar, dass das Eidgenössische Amt für auswärtige Angelegenheiten (EDA) der Regisseurin Anina Jendreyko von einem Aufenthalt abriet. Sie selber reiste Ende 2014 durch das Gebiet, kannte es als Leiterin einer Menschenrechtsdelegation in den 90er-Jahren.

«Hätte ich jemals Zweifel an dieser Tournee gehabt, hätte ich niemals 16 Theaterleute in die Region gebracht», sagt Jendreyko. Sie stand in Kontakt mit den Hilfswerken vor Ort und mit dem kurdischen Kulturministerium. «Sie hätten uns nicht eingeladen, wenn es zu gefährlich gewesen wäre.»

Hunderte von Zuschauern kamen

Deshalb flog sie mit einer Truppe Musiker, Laien- und Profi-Schauspieler – von denen der jüngste Darsteller 18 Jahre alt ist – in die Osttürkei. Am Flughafen von Sirnak, der gerade einmal eine Landebahn besitzt, nahm sie die Kulturabteilung der nordirakischen Stadt Dohuk in Empfang. In drei Bussen passierten sie die Grenze.

«Es war ein komisches Gefühl. Wir gelangten in ein Land, von dessen Existenz viele gar nicht wissen und dennoch drückten die Beamten uns den kurdischen Stempel in den Pass», sagt Nuri Jendreyko. Der 18-Jährige spielt im Stück die Figur von David, einem Mitglied der Familie Capulet. Er ist der Sohn der Regisseurin, Anina Jendreyko. «Wir erreichten den Nordirak spät am Abend. Als wir in der Dunkelheit in das Krisengebiet einreisten, fühlte ich mich unsicher», sagt er. Bei Tageslicht lösten sich diese Gefühle auf: «Obwohl rund 70 Kilometer entfernt Krieg herrscht, merkt man davon in Dohuk kaum etwas.»

«Selam Dohuk»

Die Volksbühne Basel brachte in Zusammenarbeit mit dem Theater Roxy das Stück «Selam Habibi» in den kurdischen Nordirak. Heute Abend berichten Schauspieler und Musiker von ihrer Reise. Die Rückschau auf das Gastspiel beginnt um 20 Uhr im Theater Roxy in Birsfelden.

Nach der Aufführung kamen die Zuschauer auf die Bühne, schüttelten den Schauspielern und Musikern die Hand. «Sie blickten uns fest in die Augen und bedankten sich einzeln bei uns. Solch eine Wertschätzung habe ich noch nie erlebt», sagt die Sängerin.

Liebesszene auch gespielt

Die kulturell durchmischte Truppe spielte das Stück in kurdischer und deutscher Sprache. Bei Szenen, in denen nur deutsche Dialoge vorkamen, sprang ein Erzähler mit einer Übersetzung ein. Obwohl es im Nordirak ungewöhnlich ist, Intimität darzustellen, strich diese die Regisseurin nicht aus dem Stück. «Als Romeo und Julia unter die Bettdecke schlüpften, sahen wir, wie die Zuschauer ihre Köpfe wegdrehten. Ihre Blicke hafteten aber ununterbrochen auf der Bühne», sagt Özlem Yilmaz.

Neben Workshops und Gesprächsrunden trat die Volksbühne Basel auch in einem Flüchtlingslager nahe der Stadt Dohuk auf. «Wir spielten das Stück, um den Menschen Abwechslung, Freude und Hoffnung zu bringen», sagt Nuri Jendreyko. Schlussendlich kauerten über tausend Menschen vor der Bühne – von alt bis jung.

Der Auftritt im Flüchtlingslager war nicht nur wegen der starken Lärmkulisse für die Darsteller eine Herausforderung. «Noch nie habe ich so eine Armut gesehen. Ich fühlte mich, als ob ich in Zeitlupe durch das Camp streifen würde», sagt Özlem Yilmaz. Nicht nur sie hat die Eindrücke noch nicht einordnen können. «Für alle von uns stellt sich die Frage, wie wir das Erlebte weitergeben. So elend die Situation der Menschen dort ist, so grossartig ist ihr Wesen», sagt Anina Jendreyko.

Sie hofft, dass die Reise auch den Beginn eines kulturellen Austauschs zwischen der Schweiz und Kurdistan markiert. Weitere Ideen und Kontakte sind geknüpft: «Doch zuerst müssen wir wieder hier ankommen», sagt die Regisseurin.

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