Nähkästchen

Rapper Sherry-ou über Männlichkeit: «Ich finde «kitschig» ein schwieriges Wort»

Sherry-ou aka Jeremias Ganzoni im Tonstudio von Ludwig O. S. in Basel. Mit dem zufällig gezogenen Begriff ist er zufrieden

Sherry-ou aka Jeremias Ganzoni im Tonstudio von Ludwig O. S. in Basel. Mit dem zufällig gezogenen Begriff ist er zufrieden

Der Basler Rapper Sherry-ou spricht im Nähkästchen über seine Vorbildfunktion, seine Rolle als Beschützer und Rollenbilder, an denen man festhalten darf.

Du hast den Begriff «Männlichkeit» gezogen. Was macht das mit dir?

Sherry-ou: Ich frage mich gerade, welche Rolle die «Männlichkeit» für mich spielt.

Und zu welchem Schluss kommst du?

«Ein Mann, ein Wort». Das ist mir sehr geblieben und es ist etwas, war mir bis heute sehr wichtig ist. Ich möchte mein Wort halten. Mein Vater hat mir das mit auf den Weg gegeben. Ich habe das aber eigentlich nie mit dem Geschlecht in Verbindung gebracht. Der Begriff Männlichkeit spielt insofern eine Rolle, dass ich mich frage, was es ausmacht, ein Mann zu sein. Gerade weil ich die Musik mache, die ich mache, musste ich mir schon oft anhören, dass ich nicht dem klischierten Sinnbild eines Mannes entspreche. Ich bin zufrieden mit dem gezogenen Begriff, da ich mich sehr damit auseinandersetze.

Was ist dir denn besonders wichtig, wenn es um dieses Thema geht?

Dass man nicht zwischen Geschlechtern unterscheidet, wenn es darum geht, Gefühle zu zeigen. Wir dürfen über unsere Gefühle reden und müssen nicht immer die harte Schale wahren. Deshalb passe ich wohl auch nicht so ins Bild eines Rappers. Ich bin ein sehr empathischer und emotionaler Mensch. Ich finde, ich «pimpe» das Wort Männlichkeit dadurch ein wenig, ich werte es eigentlich auf. 

Was trägst du dazu bei, dass sich das klassische Bild des Mannes verändert?

Ich finde «kitschig» ein schwieriges Wort, ich mag Kitsch sehr. Und ich denke, ich trage auch etwas dazu bei, dass Kitsch als cool wahrgenommen werden kann. Über Gefühle zu reden ist eine Form von Stärke, keine Schwäche.

Ganz ehrlich – es gibt doch bei uns allen gewisse Punkte, bei welchen wir sehr stark am Rollenbild festhalten. Welche Punkte sind das bei dir?

Das ist ganz einfach und das wird wohl auch immer so sein. Ich möchte nicht, dass eine Frau mich zum Essen einlädt. Das hat aber nichts mit Stolz zu tun, ich bin einfach so aufgewachsen. Ich finde einfach, der Mann sollte fähig sein, für seine Familie zu sorgen, was aber nicht heisst, dass die Frau sich nicht auch verwirklichen und für die Familie sorgen soll. Für mich ist es einfach schön, dass ich eine Frau einladen kann und das würde ich mir auch ungern wegnehmen lassen. 

Also möchtest du der Beschützer sein?

Auf jeden Fall. Ich denke auch, dass viele Frauen das schön und auf eine Art natürlich finden. Rein biologisch gesehen ist der Mann eher stärker und grösser, das ist aber keine Grundlage, um mir die Worte im Mund umzudrehen. Es liegt wohl in unserem Ursinn, dass eher die Frau beschützt werden soll, auch wenn sie genauso auf sich selber schauen kann. Gleichzeitig sagt man, dass hinter jedem starken Mann eine noch stärkere Frau steht. Ohne die Frauen wären wir Männer verloren.

Wie bist du denn aufgewachsen?

Ich bin das jüngste von vier Kindern und bin mit zwei Schwestern und einem grossen Bruder aufgewachsen.

Hat dich das geprägt?

Auf jeden Fall. Auch in der Art und Weise, wie ich mit Frauen ins Gespräch komme. Ich bin sehr offen und kollegial. Wenn ich also in einem Kaffee eine Frau anspreche, dann hat das keine Hintergedanken. Das wird dem Mann ja auch oft unterstellt. Mit einer offenen Art eckt man in solchen Situationen oft an, weil Frauen automatisch davon ausgehen, dass man Interesse haben muss.

Was könnt ihr Männer machen, dass sich diese Wahrnehmung etwas verschiebt?

Es ist so schwer, weil eben sehr viele Frauen leider schlechte Erfahrungen gemacht haben. Man hat ein vorgefertigtes Bild von solch einer Situation. Wir Männer könnten versuchen, Komplimente so auszudrücken, dass von Anfang an klar ist, dass keine Hintergedanken bestehen. Und wir sollten weniger plump und direkt sein. Wir Männer kennen das eher weniger, weil wir seltener angesprochen werden. Viele Frauen wünschen sich aber halt immer noch, dass sie angesprochen werden, dass wir den ersten Schritt machen.

«Männlichkeit» - ein Begriff, dessen Definition sich nach und nach verändern könnte.

«Männlichkeit» - ein Begriff, dessen Definition sich nach und nach verändern könnte.

Wenn du mit deinen Freunden zusammen bist – bist du dann manchmal mehr Klischeemann als in der Öffentlichkeit?

(lacht) Ich habe da kürzlich ein gutes Beispiel erlebt. Wir waren in Paris für einen Videodreh und dann lief eine sehr schöne Frau über die Strasse. Ich habe ihr dann hinterhergeschaut. Mir war danach völlig klar, dass sie sich dabei sehr unwohl fühlen muss. Das hat in unserer Gruppe danach für ein intensives Gespräch geführt, es ist eine sehr ernste Diskussion entstanden. Wir versuchen, so reflektiert wie möglich mit solchen Situationen umzugehen. Wir sind klar zum Schluss gekommen, dass wir das nicht mehr machen dürfen. Ich will auch, dass jüngere Männer, die zu mir aufschauen, ein anständiges Vorbild haben. Ich will meine Vorbildfunktion wahrnehmen, so gut es geht. 

Also achtet ihr euch untereinander sehr stark auf eure Ausdrucksweise und euer Verhalten?

Ja, wir schauen auch ganz bewusst, dass wir gewisse Automatismen begraben können, denn es ist dringend nötig. Ich bin dreissig, unser jüngster Künstler ist zwanzig und der schaut zu uns auf, also ist es umso wichtiger, dass wir unsere Vorbildfunktion ernst nehmen.

Wie würdest du dich denn geben, wenn du eine Frau wärst?

Ich würde mich auf jeden Fall körperbetont kleiden wollen (lacht). Gleichzeitig würde ich aber Wert legen auf meine Ausstrahlung, denn darauf kommt es doch im Endeffekt an. Natürlich kann Kleidung verwirren und das Gegenüber auf eine falsche Fährte locken. Die Ausstrahlung kann dem aber gegensteuern. Wir müssen über den Tellerrand hinausdenken und Menschen nicht immer direkt abstempeln.

Reflektion ist ein grosser Teil deines (Künstler-)Lebens…

Auf jeden Fall, tagtäglich. 

Jetzt bewegst du dich in einer Szene, die in vielen Punkten immer noch sehr klischiert funktioniert, wirst du oft mit dem Gegensatz konfrontiert?

Ja, schon eher oft. Seit Tag 1. Ich kann mich an eine Schlagzeile von vor einiger Zeit erinnern: «Dieser Rapper hat nichts gegen deine Mutter». Für mich war das eher schwierig, da das für mich das Normalste der Welt ist. Solche Begrifflichkeiten habe ich nie benutzt. Das macht mir den Weg auch schwerer. Der Künstler Sherry-ou hat in dieser Szene damit zu kämpfen.

Gleichzeitig ist es ungemein wichtig, dass wir innerhalb dieser Szene nicht zu stark in diesem Kuchen denken. Ich sage, die Szene wird sich ändern und dazu möchte ich beitragen. Ich will nicht mehr auf der Strasse angesprochen werden und erleben, dass Leute mich mit «Bitches» und «Autos» in Verbindung bringen, nur weil ich rappe (vor uns steht sein alter Saab).

Ich finde es schrecklich, was die Leute für ein Bild dieser Szene haben. Es gibt auch Künstler, die das Klischee-Spiel mitspielen, bis sie ihre Reichweite haben und erst dann authentisch werden. Ich bin sehr froh, dass die Leute meine Musik von Beginn weg akzeptiert und geschätzt haben. Meine Reichweite ist durch die Art und Weise meiner Musik aber auch nicht so leicht greifbar 

Was musst du machen, um erfolgreich zu sein?

Immer dem gleichen Schema folgen. Auch bei weiblichen Acts ist ganz klar, was man machen muss, um erfolgreich zu sein, das zeigen Künstlerinnen wie Cardi B wunderbar auf.

Eigentlich machen Rapperinnen ja oft genau das gleiche, wie ihre männlichen Kollegen…

Ja, sie geben sich auch als die Krassesten aus. 

Rapperinnen schlagen einfach zurück, im Gegensatz zu Männern, oder?

Ja, genau. Es ist ein Zurückschlagen. Als Frau wirst du auch als Erstes immer auf dein Äusseres reduziert. Dabei ist es so wichtig, in jedem Fall den künstlerischen Aspekt wahrzunehmen. Vieles, was heute von «den Grossen» produziert wird, ist künstlerisch grossartig. Gleichzeitig nerve ich mich dann aber auch, dass gewisse Reichweiten nicht dafür genutzt werden, das Bewusstsein für wichtige Themen zu erweitern. Plattformen könnten viel intensiver genutzt werden. 

Wer hat für dich von den Grossen in der Szene eine Vorbildfunktion?

Das wäre wohl Kontra K. Er sieht optisch sehr klischiert aus, richtig männlich eben. Seine Musik ist aber sehr tiefgründig und emotional. Wie er seine Messages nach Aussen transportiert, gefällt mir sehr.

«Ich hoff, au du kasch grad am Läbe sii» - ein Satz aus deinem Lied «Guet». Was heisst für dich «am Leben sein»?

Sich frei fühlen ist für mich sehr stark daran gekoppelt, sich selbst sein zu können. Das meine ich hauptsächlich damit. Nicht gefangen sein – ob wirklich gefangen sein, wie es in Moria tausende Menschen gerade sind, oder beruflich gefangen sein, in einem imaginären Käfig. «Ich hoff, au du kasch grad am Läbe sii», heisst eigentlich, dass ich hoffe, dass du gerade glücklich sein kannst. Das Leben meistern zu können ist für mich an sich schon eine Kunst. Es gibt sehr viele Menschen, die einen grossen Rucksack mit sich herumtragen und mit so viel Freude und Hoffnung durchs Leben gehen. Das bewundere ich ungemein.

Es gibt Menschen, die machen sich selbst das Leben schwer und es gibt solche, die mit Karten aufs Leben kommen, die keine einfache Grundlage bieten. Wenn diese Menschen es schaffen, mit einem Lächeln auf den Lippen durchs Leben zu gehen, dann haben sie es geschafft. Sich selber schön finden, sich selbst sein zu können, das heisst für mich «am Läbe sii». Sich selbst sein, in einer Welt, die das nicht immer wirklich zulässt.

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