Normalerweise ist es in einem Museum ja anders. Normalerweise schreitet man hindurch, bleibt ein paar Mal stehen, mal sogar länger. Dann ists Zeit fürs Zvieri, man schaut noch im Shop vorbei und setzt sich ins Kafi. Damit ist der Museumsbesuch bestritten, erfüllt, genossen, wie auch immer man es nennen mag. Normalerweise.

Aber jetzt steht man seit ganzen zwanzig Minuten in diesem komplizierten Raum und versucht, alles zusammenzukriegen: Was soll dieses monumentale Absperrband? Was die holzige Drehtür? Das Würfelgerüst? Und wie passt das alles zum blinkenden Neon-Zauber an der Decke? Man kommt nicht davon los. Und später wird es nochmals so sein, in anderen Räumen, aus anderen Gründen. Das Museum für Gegenwartskunst präsentiert Werke aus seiner Sammlung. Kurator Søren Grammel hat geschafft, was man sich erhofft: Verweildauer. Na dann, los gehts!

UG: Konzeptschleuder

Der Raum im Untergeschoss steht für Denkarbeit. Fünf Künstler, alles Skulpturen, viel Konzept. Am besten fängt man in der Mitte an, beim Ältesten: Sol LeWitt und sein Signetwerk – eine weisse Würfelstruktur aus Eisenblechstangen. Sieht nach Mathematik aus, nach rationaler Strenge und Logik, nach Industrie. Genau diesen Eindruck wollten die Vertreter der «Minimal Art», zu denen Sol LeWitt gehörte, auch hinterlassen: Weg von der traditionellen Rolle des subjektiven Künstlers, der sich Dinge ausdenkt. Hin zu einer Kunst, die keine Handschrift trägt und seriell produziert wird. «Das kann ja jeder», ist hier schnell gesagt, aber man muss sich vorstellen: In den 1960ern, mit den ganzen Freigeistern und Farben und Action Paintings schlug ein solch wohlproportioniertes, mathematisches Ding wie eine Axt in die Denkmuster ein.

Und inspirierte spätere Künstler dazu, noch weiterzugehen. Die Drehtür von Heimo Zobernig entstand 28 Jahre nach LeWitts Würfel, aber unter ähnlichen Voraussetzungen: Holzplatten, direkt vom Tischler, unbearbeitet. Die Tür dreht auf einer unüblichen, würfelförmigen Basis. Normalerweise geschieht das auf einem Kreis, schliesslich sind Drehtüren dazu da, Menschen möglichst rasch und zahlreich in und aus grossen Gebäuden zu bringen. Diese aber lässt uns für kurze Zeit im Dunkeln stehen. Und politisiert: Die Drehtür als Symbol der kapitalistischen Grossstadt funktioniert zwar weiterhin reibungslos – aber sobald wir sie betreten, tappen wir im Dunkeln.

Düster kommt auch Mark Wallingers Anteil rüber: Eine massive Schlaufe aus Aluminium und Vinyl, rot-weiss wie ein Absperrband. Darauf steht: «O Lamb of God, that takes away the sins of the world, have mercy upon us.» Oh Herr, erlöse uns von unseren Sünden – in Endlosschlaufe, ohne Aussicht auf irdischen Erfolg.

Wer jetzt nicht mehr ganz so gut gelaunt ist, sollte den Kopf heben: Hoch über all diesen schweren Skulpturen blinken Bruce Naumans Sünden und Tugenden. Das bunte Dach vereinigt alles, was wir unten durchgehirnt haben: Industrielle Materialien, Logik, Mystik, Religion und Gesellschaftskritik. Neon-fröhlich signalisiert es: Mensch, dein Streben und Irren ist menschlich! Und schau wie schnell es sich vergessen lässt mit der richtigen Portion Glitz.

1. OG: Spurensuche

Was ist das Gegenteil von Konzeptkunst? Solch einschränkende Kategorisierungen sind in einem Museum hinderlich, aber wer in Marianne Eigenheers Raum im Obergeschoss steht, kommt nicht drum herum: Das hier fühlt sich ganz anders an. Eigenhändig hat die 72-Jährige eine Partitur auf die Wände gezeichnet, direkt und ohne Vorlage. In unterschiedlichen Farben schlängeln sich die Farbbänder der Wand entlang, ganz fein und doch ganz stark. Es geht um repetitives Zeichnen, um Dinge, die in Automatismen zum Vorschein kommen: Was passiert, wenn ich ohne zu denken Spuren hinterlasse? Was erkennt man in diesen Spuren? Wo bin ich erkennbar? In meinem bewussten oder unbewussten Handeln?

2. OG: Chaos

Neues Stockwerk, neues Bild: Mexiko-City. Eine Stadt der Widersprüche. Tradition und Modernismus, industrielle Massenproduktion und Handwerk, Demokratie und soziale Ungerechtigkeit. Nichts von all dem verläuft linear oder nach einer berechenbaren Logik, es ist organisch, es geht in viele Richtungen gleichzeitig, ständig. Das in dieser ständigen Produktion miteingehende Wohlstandsversprechen wird nie eingelöst, es bleibt ein Sehnsuchtsmoment, der über der Zeit schwebt, egal wie schnell sie verläuft, egal wie hart gearbeitet wird.
Der Künstler will dieses Verständnis von Chaos strukturieren, um es zu verstehen. Er muss eine Möglichkeit schaffen, es abzubilden. Aber wie sieht die Struktur von Chaos aus?

Der belgische Künstler Francis Alÿs, der seit Jahren in Mexiko lebt, tut es in einem Zeichentrickfilm. In «Bolero (Shoe Shine Blues)» sind zwei Hände zu sehen, die einen Schuh putzen, immer und immer wieder. Alÿs nimmt dieses in Mexiko weit verbreitete Handwerk als Metapher, die er auf zwei Räume verlagert. Der erste ist voller Zeichnungen, auf jeder eine Millisekunde des Films. Die Zeit wird zum Raum, den man abschreiten kann und dessen Bilder grossflächig ausgelegt sind – wo Anfang und Ende sind, lässt sich nicht ausmachen. Es ist ein Palindrom, etwas, das sich vorwärts und rückwärts identisch liest.

Dasselbe im zweiten Raum. Hier sehen wir den fertigen Film, der selbst weder Anfang noch Ende hat. Eine Singstimme und Klarinette begleiten die Putzbewegungen, ein von Alÿs komponiertes Lied über das Nichts und die Nichtigkeit, das den Bewegungen hinterherhinkt – oder umgekehrt. Man wünscht sich totale Synchronisation dieser beider Ebenen, man meint sie auch zu sehen, aber weiss: Es ist illusorisch. So illusorisch wie die Ordnung im Chaos. Kein linearer Fortschritt, keine Produktivität. Das Werk dient nur sich selbst und seiner Poesie.
Nach der Schönheit von Konzept und der Schönheit von Konzeptlosigkeit kommt zum Schluss also Poesie: die Schönheit ihrer Verbindung.
Darauf ein Zvieri!

Sammlungspräsentation des Museum für Gegenwartskunst, St. Alban-Rheinweg 60, Basel.