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Publikumsrenner: Dank Streaming geht das Kultkino nicht baden

Zu den meistgeschauten Titeln auf myfilm.ch gehört «Mare» von Andrea Štaka.

Zu den meistgeschauten Titeln auf myfilm.ch gehört «Mare» von Andrea Štaka.

Der Lockdown bescherte dem Basler Arthouse-Kino ein unerhofft grosses Publikum – auf dem hauseigenen Video-on-Demand-Portal.

Klein, aber oho: Wenn die neunjährige Bernadette in Rage gerät, fliegen die Fetzen. Von der Schule suspendiert, droht das Mädchen durch alle Maschen der Kinder- und Jugendhilfe zu fallen. Benni ist ein «System­sprenger», wie der gleichnamige Spielfilm von Nora Finger­scheidt heisst. Heute feiert das vielfach aus­gezeichnete Werk auf myfilm.ch, dem hauseigenen Streaming-Dienst des Kultkinos Basel, seine Online-Premiere.

Kurzfristig gesprengt wurde auch die Plattform selbst, als Mitte März die Kinos schlossen und myfilm.ch förmlich überrannt wurde. «Wir brauchten vier Tage, um die Kapazitäten zu erhöhen», erklärt Kultkino-Geschäftsleiter Tobias Faust am Telefon. «Glücklicherweise hatte unser Publikum aber viel Verständnis dafür, dass wir als kleines Kino nicht auf einen solchen Ansturm vorbereitet waren.»

Tatsächlich ist die Nutzung des Streaming-Angebotes von myfilm.ch in den Monaten des Lockdowns massiv gestiegen, wie die Zahlen belegen: Waren es im Februar noch 320 Transaktionen, wuchs die Zahl der gekauften ­Filme im Folgemonat auf 2800, im April waren es gar 6600! Der Umsatz verfünfzehnfachte sich somit auf 60'000 Schweizer Franken, bei einem durchschnittlichen Kaufpreis von 7.50 Franken. «In Spezialfällen verlangen Verleiher auch höhere Preise», so Faust, etwa beim Schweizer Spielfilm «Mare» von Andrea Štaka, der aktuell auch im Kino zu sehen gewesen wäre.

Die erhöhte Nachfrage wirkt sich auf das Angebot aus, das in den vergangenen Wochen aufgestockt wurde – mittlerweile zählt der Katalog an die 300 Filme. Dabei spielen inhaltliche Kriterien eine fast wichtigere Rolle als die Aktualität, erklärt Faust: «Es sind auch ältere Produktionen dabei, die gut in unseren Katalog passen.» Im Kino lebe man gewöhnlich von den Neustarts, Online verhalte sich das Pub­likum aber anders.

Ohne Zeitdruck entscheidet sich das Publikum anders

«Wir beobachten, dass die Leute sich stärker nach dem Inhalt richten: Ein neuer Film wie ‹Bombshell› wird gleich beachtet wie der Klassiker ‹Lost in Translation›». Da sich die Zuschauerinnen und Zuschauer weniger unter Zeitdruck befänden, könnten sie stärker nach ihren Interessen entscheiden. «Das verteilt sich dann auch gleichmässiger auf das Angebot», erklärt der Geschäfts­leiter: «Insgesamt finde ich das ein erfreuliches Phänomen.»

Daneben gibt es aber auch einzelne Ausreisser wie der erwähnte Spielfilm «Mare», der wahrscheinlich auch von einer Solidaritätswelle profitiert hat. «Unser Angebot wurde über Basel hinaus schweizweit wahrgenommen, auch weil wir mit Kosmos und dem Arthouse-­Kino in Zürich kooperierten.» Insbesondere in ländlichen Gebieten, wo Arthouse-Filme weniger präsent sind, scheine das Angebot stärker genutzt worden zu sein.

Allerdings ist ein Ende des Booms in Sicht, wie Faust erklärt: «Die Kurve flacht jetzt wieder deutlich ab.» Doch das bereitet ihm noch am wenigsten Sorgen. «Kein Kino machen zu können, ist dramatisch. Und was die Filmindustrie gesamthaft erlebt, ist ernst.» Dass keine ­Festivals durch­geführt werden können, habe unabsehbare Folgen: «Wir wissen nicht, ob in einem halben Jahr eine Filmflaute herrscht, weil wir von internationalen Veröffentlichungen abhängig sind. Das ist sehr unangenehm.»

Bitte kein Szenario wie in der Steinen

Was die wirtschaftliche Situation des Kinos betrifft, sei man momentan noch optimistisch: «Wir sind in der Kurzarbeit und haben das Glück, dass wir in Mieträumlichkeiten der Stadt sind, die uns entgegenkommt.» Dadurch konnten die Kosten stark reduziert werden. «Wir werden das überleben, aber es kann bis zu einem Jahr gehen, bis wir uns erholt haben.» Auch was die Wiedereröffnung der Kinos angeht, ist Faust zuversichtlich: «Ich glaube, dass ab dem 8. Juni wieder Kino möglich sein wird.»

Er gehe davon aus, dass es klare Auflagen geben werde wie bei den Gastrobetrieben – «auch wenn sie nicht angenehm sein werden.» Aber sie seien wichtig und sinnvoll, um die Sicherheit des Betriebs zu gewährleisten. «Ein Szenario wie in der Steinen wollen wir nicht.»

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