Bildung
Praktische Intelligenz ist besser als ihr Ruf

Jeder stellt sich irgendwann die Frage, ob Berufslehre oder Gymnasium. Doch die Lehre ist oft besser als der vermeintliche Königsweg der akademischen Ausbildung.

Céline Feller
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Bildung: Welchen Weg soll man gehen?

Bildung: Welchen Weg soll man gehen?

Kenneth Nars
Der Trend hin zur Akademisierung ist in den Augen Margrit Stamms eher negativ.

Der Trend hin zur Akademisierung ist in den Augen Margrit Stamms eher negativ.

zvg

Berufslehre oder Gymnasium und anschliessend an die Uni? Es ist der Entscheid zwischen einer dualen Berufsbildung oder einer vollschulischen Bildung. Und es ist vor allem eine Frage, die sich viele schon gestellt haben oder sich im Laufe ihres Lebens irgendwann stellen müssen.

Wofür bin ich besser geeignet? Liegt mir eher die Praxis oder doch eher die Theorie? Vor allem letztere Frage ist entscheidend. Bei Menschen wird zwischen praktischer und akademischer Intelligenz unterschieden. «Die Fähigkeit, Fachwissen anzuwenden, führt zu Expertise. Und diese Fähigkeit nennt man praktische Intelligenz», so erklärt Margrit Stamm, Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft, eine Art der Intelligenz am Hep-Weiterbildungsnachmittag, der im Rahmen der diesjährigen Bildungsmesse Didacta in Basel stattfand.

Während die akademische Intelligenz überall akzeptiert und das ganze Schulsystem darauf ausgelegt ist, wird die praktische Intelligenz noch immer kritisch beäugt. «In unserer Gesellschaft wird die praktische Intelligenz unterschätzt. Die akademische Intelligenz gilt als wichtiger», erklärt auch Stamm. Auch bei der Selektion, wenn Arbeitgeber ihre Lehrlinge aussuchen, spiele die praktische Intelligenz kaum eine Rolle, so Stamm. «Diese Entwicklung ist problematisch, weil die praktische Intelligenz entwertet wird.»

Trend der Akademisierung

Ein Problem, das vor allem mit der Akademisierung der Gesellschaft zu tun hat. «Die Menschen, die gebildeter sind, gelten als gescheiter. Das ist aber nicht so. Es gilt nur noch nicht als modern, wenn man auch die praktische Intelligenz stärker gewichtet.» Dieser These schliesst sich auch Rudolf Strahm an, der ebenfalls als Referent am Weiterbildungsnachmittag teilnahm. «Der Trend geht hin zur Akademisierung, vor allem in den Städten», so Strahm.

Unter dem Referatstitel «Die Akademisierungsfalle» erläuterte Strahm, wieso nicht alle an die Uni müssen. «Die Vorteile einer arbeitsnahen Ausbildung sind, dass zum Fachwissen auch gleich das nötige Handwerk und die Umsetzungsfähigkeit hinzukommen.» Ausserdem würden die Jugendlichen in einer Berufslehre auch eher Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Verantwortungsbewusstsein lernen. Ein Maturitätsabschluss garantiert auch nicht, einen Job zu bekommen.

Dies untermalt auch eine Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Während Länder wie die Schweiz (30 Prozent), Österreich (18 Prozent) und Deutsch (46 Prozent) eine eher tiefe Maturitätsquote und gleichzeitig eine sehr tiefe Jugendarbeitslosigkeit haben, kämpfen Länder wie Spanien und Griechenland trotz hoher Maturitätsquoten (Spanien 51 Prozent, Griechenland 68 Prozent) und daher scheinbar guter Bildung mit einer extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit: In beiden Ländern sind über die Hälfte der Jugendlichen arbeitssuchend.

Den Grund dafür sieht Strahm in der dualen Berufsbildung. Während in der Schweiz die Berufsbildung in über 230 Berufen möglich ist, setzen die Griechen, die Spanier und auch die Kroaten – die drei Länder mit den meisten jugendlichen Arbeitslosen – auf eine vollschulische Bildung ohne jeglichen Praxisbezug. Dass die einzigen vier Länder in Europa, die neben der Schweiz auch auf duale Berufsbildung setzen – namentlich Dänemark, Holland, Österreich und Deutschland – ebenfalls eine tiefe Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen aufweisen, ist für Strahm ein weiteres Indiz. «Die geringe Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz hat allem voran mit der dualen Berufsbildung zu tun.»

Laut Strahm ist es statistisch erwiesen, dass jemand, der eine Berufslehre absolviert hat, einem dreimal kleineren Risiko unterliegt, arbeitslos zu werden oder es langfristig zu bleiben. Doch diese Werte beschränken sich nicht ausschliesslich auf Personen zwischen 15 und 24 Jahren, sondern setzt sich ab dem 25. Lebensjahr fort. Die dualen Berufsbildungsländer Schweiz und Deutschland haben Arbeitslosenquoten von 3,5 beziehungsweise 5 Prozent, während Griechenland (26 Prozent) und Spanien (24 Prozent) mit die höchsten Zahlen haben.

Doch die Entscheidung für eine Lehre ist nicht nur für den Lernenden selber, sondern auch für den Arbeitgeber besser, wie in der Wirtschaft deutlich wird. «Berufsbildungsländer haben die grösste Exportkraft in Europa», so der alt Nationalrat Rudolf Strahm. Die Schweiz hat dabei im Vergleich – die Transitländer Holland und Dänemark ausgenommen – gar den grössten Export pro Kopf aufzuweisen.

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