Gare du Nord

Postkarten aus dem Konzentrationslager

«Alles klappt» wird ab 19. Oktober im Gare du Nord zu sehen sein. (zvg / homepage garedunord)

«Alles klappt» wird ab 19. Oktober im Gare du Nord zu sehen sein. (zvg / homepage garedunord)

Der Gare du Nord eröffnet seine Saison mit einem Musiktheater des tschechischen Komponisten Ondřej Adámek.

«Es geht uns gut.» – «Alles klappt.» Die Postkarten, die Ondřej Adámeks Grossvater aus dem KZ Theresienstadt versandte, klingen heute befremdlich. Aufgrund der Zensurbehörde, die alle Post prüfte, die aus dem Lager kam, war allerdings gar nichts anderes möglich. Immerhin erfüllte auch eine solche Nachricht den Zweck eines Lebenszeichens.

Adámek nahm diese «fake good news» als Ausgangspunkt für das Musiktheater «Alles klappt». Trotz dem positiv klingenden Titel beschäftigen sich der Komponist und die Librettistin und Regisseurin Katharina Schmitt mit schrecklichen Umständen. Anhand der Postkarten und weiteren Archivmaterialien aus dem jüdischen Museum in Prag gehen sie den Spuren der ehemaligen Inhaber der Gegenstände nach: Es sind Geschichten von Flucht und Deportation während des Zweiten Weltkriegs.
Adámek und Schmitt entwickelten das Stück für die Münchner Biennale 2018. Das Musiktheater wurde in enger Zusammenarbeit mit den Performern komponiert, Sänger und Perkussionisten waren unmittelbar in den Entwicklungsprozess involviert.

Bürokratische Sprache wird aufgebrochen

Zuerst hätten alle gemeinsam den Sprachklang des Archivmaterials und der Postkartentexte untersucht, sagt Adámek in einem Interview mit dem «European Network of Opera Academies». Daraus habe sich dann die Partitur ergeben. So wird in «Alles klappt» die Sprache zerschnitten, neu montiert und auf den Kopf gestellt. Es geht nicht nur um die Bedeutung der Wörter, sondern auch um deren Klang und die Verkörperung dieses Klangs.
Dieser performative Umgang bricht die oberflächliche Bedeutung des bürokratischen Sprachmaterials auf. Für den Perkussionisten Miguel García war dieser performative Aspekt sehr inspirierend, wie er im gleichen Interview sagt. Als Perkussionist müsse García sich sowieso ständig bewegen, und wenn diese Bewegungen nun mitkomponiert würden, sei das sehr interessant für ihn.

Die acht Performer fungieren auf der Bühne wie Archivare, die durch den Kontakt mit den Objekten die Geschichten der ehemaligen Besitzerinnen und Besitzer heraufbeschwören. So werden die unsichtbaren und unhörbaren Schicksale, die hinter den fein säuberlich katalogisierten Nummern stehen, hör- und sichtbar gemacht: Die Archivalien beginnen plötzlich zu sprechen und führen in die Tiefen der Geschichte.

Nach dem Erfolg, den «Alles klappt» letztes Jahr an der Münchner Biennale feiern konnte, eröffnet das Stück nun nicht nur die Saison des Gare du Nord, sondern auch dessen neue Reihe «Later Born». Darin werden die Auswirkungen der Zeit des Nationalsozialismus auf die nachfolgenden Generationen künstlerisch beleuchtet. «Alles klappt» verspricht, zum idealen Auftakt zu werden.

 

«Alles klappt», Gare du Nord
Schweizer Erstaufführung
Sa, 19. und So, 20. Oktober
www.garedunord.ch

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