1824 gegründet
Pensionskasse für ledige Basler Bürgerinnen wird aufgelöst

Von «wohlwollenden Männern» wurde vor fast 200 Jahren eine Pensionskasse für ledige Basler Bürgerinnen eröffnet. Sie hat heute noch 14 Mitglieder.

Miriam Glass
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Pfarrer Johann Jakob Uebelin machte sich Gedanken. Die Sorge des Diakons zu St. Theodor in Basel, der von 1793 bis 1873 lebte, galt den ledigen Bürgerinnen Basels, beziehungsweise deren Altersvorsorge. Wie sollten die alten Fräuleins anständig durchs Leben kommen, wenn sie nicht auf die Ersparnisse eines Gatten zurückgreifen konnten?

Johann Jakob Uebelin fand eine Lösung für dieses Problem: 1824 gründete er, zusammen mit Freunden und Gönnern, die Freiwillige Pensionskasse für ledige Bürgerinnen der Stadt Basel. Der Zweck der Kasse war, «unseren ledigen Mitbürgerinnen, besonders nach ihrem Eintritt ins höhere Alter, eine Erleichterung ihres Durchkommens zu verschaffen, die ihrem Ehrgefühl auf keine Weise zu nahe treten, sondern als Frucht ihrer eignen, wechselseitigen Ersparnisse angesehen werden soll.» Die ersten Jahresrenten betrugen acht Franken.

Relikt aus anderem Jahrhundert

Die Kasse existiert bis heute. 14 ledige Damen beziehen eine Rente, die inzwischen bei rund 1000 Franken pro Jahr liegt. Bisher trafen sich die Pensionärinnen, von denen die älteste im Jahr 1918 geboren ist, regelmässig zur Generalversammlung im Café Kirschgärtli. Doch nun wird die Kasse, die zu einer Genossenschaft umgewandelt wurde, aufgelöst. «Sie ist ein Relikt aus einem anderen Jahrhundert», sagt Corinna Hug, Schreiberin der Pensionskasse. Die wenigsten der alten Damen sind noch in der Lage, an den Sitzungen der Genossenschaft teilzunehmen. Schon seit Jahren gibt es keine neuen Mitglieder mehr, die Beiträge zahlen.

Die Eintritte gingen insbesondere stark zurück, nachdem 1948 die Eidgenössische Alters- und Hinterbliebenenversicherung (AHV) in Kraft getreten war. Zudem waren immer mehr Ledige erwerbstätig und profitierten vom Ausbau der Pensionskassen in Staat, Gewerbe und Industrie. 1995 wurde beschlossen, keine weiteren Mitglieder mehr aufzunehmen. Geschiedene Frauen kamen als Neumitglieder zu keinem Zeitpunkt infrage.

Dank Fonds gehalten

Gehalten hat sich die Kasse dank einem Grundstock an Geldern aus einem Fonds, den Carl Merian-Iselin im Jahr 1904 eröffnet hatte. Merian-Iselin hat «volle 30 Jahre lang mit vorbildlicher Treue und Aufopferung für die Kasse gewirkt und ihr noch in seinem Testamente ein Kapital zum Zwecke der Erhöhung der Pensionen an die älteren Berechtigten in hochherziger Weise zugewendet», heisst es in einem Bericht zum 100-jährigen Bestehen der Pensionskasse.

Um Gelder musste die Pensionskasse jedoch schon in den 1860er-Jahren per Brief werben. Man suchte «wohldenkende Menschenfreunde», die als Stifter die Pensionskasse unterstützen würden. Von den anfänglichen Ehrenmitgliedern war das letzte 1967 verstorben. Nun sollten andere «mit Glücksgütern gesegnete Bürger und Bürgerinnen» in die Bresche springen. Der Merian-Iselin Fonds wurde mehrmals durch Legate vermögender Baslerinnen und Basler vermehrt.

Fräulein wird zu Frau

In der Verwaltung der Pensionskasse finden sich ausschliesslich klingende Basler Namen: Die Burckhardts und die Vischers, die Merians und Iselins, die Bernoullis, die Speisers und Stroux’ übernahmen die Ämter des Kassiers, Schreibers oder Präsidenten der Kasse.

Heutige Präsidentin ist Frau Barbara Burckhardt-Vischer. Auch sie sagt: «Die Institution ist veraltet.» Zusammen mit Elfride Roschat amtet Barbara Burckhardt nun als Liquidatorin der Kasse.

Die Dokumente zur Freiwilligen Pensionskasse für ledige Bürgerinnen, von denen einige im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv zu finden sind, belegen gesellschaftliche Veränderungen. So ist zum Beispiel in einem Protokoll von 1979 unter dem Punkt «Allfälliges» zu lesen: «Die Kassierin hat festgestellt, dass die Bezeichnung ‹Frau› in letzter Zeit gegenüber der Bezeichnung ‹Fräulein› zugenommen hat. Sie schlägt vor, künftig für die Mitglieder der Pensionskasse die Bezeichnung ‹Frau› zu verwenden. Der Vorschlag wird zustimmend zur Kenntnis genommen.»

Geheime Wünsche erfüllen

In alten Quittungen ist vermerkt, wie die Beiträge ausbezahlt wurden: Im Jahr 1907 beispielsweise waren die Rentenbezügerinnen «ersucht, Ihr Betreffnis von 75.– jeweilen Nachmittags auf dem Bureau der löbl. Chr. Merian’schen Stiftung, St. Elisabethenstrasse Nr 8, gegen mitfolgenden Schein zu beziehen.»

Festgehalten sind auch Veränderungen in der Höhe der Beiträge. Sie stiegen von vier Franken jährlich im Gründungsjahr auf 30 Franken pro Jahr.

Im Mai 1975 stellte die Verwaltung anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Kasse fest, es sei «eine Genugtuung», dass die 66 Rentenberechtigten ihren Anteil «freudig und dankbar entgegennehmen». Er betrug für das Jahr 1974 350 Franken. Ein «Batzen», der «manch geheimen Wunsch zu erfüllen vermag», schreibt die Verwaltung und listet auf, was die Pensionärinnen sich für Extras leisteten: «Abonnement SBB, Monatsmarken BVB, Zuschuss für Reisen usw.»

Nun wird der letzte «Batzen» ausbezahlt. Das Nettovermögen der Stiftung betrug im Dezember 2011 136560 Franken. Die zwei Liquidatorinnen werden es an die verbliebenen Mitglieder verteilen. Danach ist die Freiwillige Pensionskasse für ledige Bürgerinnen der Stadt Basel Vergangenheit.

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