Historisch
Nur knapp entging das St. Johanns-Tor dem Abbruch

Errichtet, um die Bevölkerung zu schützen, wurde es zum Wahrzeichen des St. Johannsquartiers. Nur knapp konnte das St. Johanns-Tor vor 145 Jahren vor dem Abbruch bewahrt werden.

Simon Erlanger
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1844 wurde die Mauer durchbrochen und ein Eisenbahn-Tor erstellt. Bald darauf wäre das St. Johanns-Tor fast abgebrochen worden.

1844 wurde die Mauer durchbrochen und ein Eisenbahn-Tor erstellt. Bald darauf wäre das St. Johanns-Tor fast abgebrochen worden.

Staatsarchiv Basel-Stadt

Die Häuser der Fischer lagen verstreut entlang der alten Landstrasse, die von Basel aus ins Elsass führte. Neben der Strasse betrieb der Kreuzritterorden der Johanniter seit 1206 eine Niederlassung samt Spital. Die entstehende St. Johanns-Vorstadt lag exponiert ausserhalb des Basler Mauergürtels von 1200 und damit Räubern und marodierenden Rittern schutzlos ausgeliefert.

So etwa brannte Graf Rudolf von Habsburg 1272 die Vorstadt völlig nieder. Die Häuser waren schnell wieder aufgebaut, doch auf den Schutz einer Mauer mussten die Santihanslemer noch 90 Jahre warten. Erst sechs Jahre nach dem verheerenden Erdbeben von 1356 beschloss der Basler Rat, einen weiteren Mauerring zu erbauen, der auch die Vorstädte umschliessen sollte.

Mit ermöglicht wurde der Mauerbau von der zweiten Basler jüdischen Gemeinde, welche aus wirtschaftlichen Gründen nach 1360 von der Obrigkeit in der Stadt wieder zugelassen wurde. Die erste Basler jüdische Gemeinde war 1349 im Zuge der Pest-Pogrome auf einer Rheininsel verbrannt worden.

Kaum militärischer Wert

Die neue Mauer wurde zweieinhalbmal so lang wie die alte Mauer von 1200. Sie erhielt fünf massive und repräsentative Tore, darunter das St. Johanns-Tor.

Erstmals schriftlich erwähnt wird es in einer Wachtordnung von 1374. Schon kurz nach dem Bau waren Tor und Mauer wehrtechnisch veraltet. Mit dem Aufkommen von Schiesspulver und Artillerie verminderte sich der militärische Wert der Basler Stadtbefestigung weiter. Noch lange aber diente sie der sichtbaren Abgrenzung der Stadt, dem Schutz vor Räubern und umherziehenden Banden sowie repräsentativen Zwecken. Dies wurde mit der Ausschmückung der von weither sichtbaren Tore ersichtlich. Mit ihren Stadttoren trumpfte die reiche Handelstadt Basel nach aussen auf und erschuf sich eine unverwechselbare Silhouette und damit eine eigene Identität.

Am St. Johanns-Tor erkennt man den verminderten militärischen Wert am Umbau des sogenannten Vorwerks und am Einfügen von Fenstern auf der Stadtseite des Tors schon vor 1448. 1482 liess die Stadt das Tor durch Malereien verzieren.

Besonderes Augenmerk galt dem Dach. Ursprünglich bestand die Spitze des Turmes aus einem hölzernen Aufbau mit Pyramidendach. Dieses wurde 1582 durch ein von Zinnen umgebenes schräges Pultdach ersetzt. Der Zinnenkranz diente nur noch der Zierde.

Ein Versuch, das Tor militärisch zu modernisieren, bewirkte 1670 das Anbringen eines Erkers mit Schiessscharten sowie ein Bollwerk beim Tor, wohin Geschütze auf die extra verbreiterten Wälle gebracht werden konnten. Dies war alles keine Herausforderung für die französische Festung im nahen Hüningen. Sie wurde 1679 vom Sonnenkönig Louis XIV. den Baslern vor die Nase gesetzt. Erbaut wurde das damals hochmoderne Fort mit seinem sternförmigen Grundriss und seinen zahlreichen Wällen und Schanzen vom berühmten Festungsarchitekten Vauban.

Glücklicherweise wurden das St. Johanns-Tor und die Basler Mauern seit dem 14. Jahrhundert nie in einem Ernstfall getestet. Basel blieb jahrhundertelang verschont. Erst im Zug der endgültigen Niederlage Napoleons nahm die kaisertreue französische Besatzung der Festung Hüningen am 16. und 17. August 1815 die Stadt Basel unter Artillerie-Beschuss. Das St. Johanns-Tor überstand dies unbeschädigt.

Ein neues Tor für die Eisenbahn

Gefährdet war das St. Johanns-Tor erst durch den Einbruch der Moderne im 19. Jahrhundert. Zwar waren Mauer und Tor noch lange durch Wachmannschaften besetzt. Langsam, aber sicher begann der endgültige Niedergang der alten Befestigungen. Diese sollten den Anforderungen der neuen Zeit weichen.

Entscheidend war dabei der Prozess der Öffnung Basels nach der Kantonstrennung mit der politischen Liberalisierung, der wirtschaftlichen Modernisierung und der Industrialisierung der Stadt. Ein Meilenstein war dabei der Bau der Eisenbahn, welche die neue Zeit symbolisierte. Schon 1844 verband die «Compagnie du Chemin de Fer de Strasbourg à Bâle» die Stadt mit dem entstehenden französischen Eisenbahnnetz. Vor dem St. Johann-Bollwerk wurde ein provisorischer Bahnhof erstellt. 1845 wurde dann auf dem Schällemätteli der erste Basler Bahnhof eingeweiht. Damit aber die Bahn mitten in die Stadt fahren konnte, wurde nicht weit vom St. Johanns-Tor die Mauer durchbrochen und ein Eisenbahntor gebaut, das dann jeden Abend geschlossen wurde. Die Zufahrt erfolgte über eine Holzbrücke, die man im Kriegsfall niedergebrannt hätte. Entworfen wurde das Eisenbahntor vom Basler Architekten Melchior Berri.

Vom Abbruch bedroht

1859 beschloss schliesslich der Rat der Stadt die Schleifung der Stadtmauern samt der Tore und die Errichtung von neuen und grosszügigen Quartieren ausserhalb der Altstadt. Auch das St. Johanns-Tor sollte gemäss einem Grossratsbeschluss von 1870 abgebrochen werden. Dank des Einsatzes einiger Bürger, die das Tor für 3000 Franken restaurierten, blieb das St. Johanns-Tor erhalten.

Nun erst wurde es zum eigentlichen Wahrzeichen des neu entstehenden Arbeiter- und Industriequartiers. Dem romantischen Zeitgeschmack entsprechend wurde das Tor mit einem kitschigen Spitzdach versehen. Die Santihanslemer konnten sich ein Jahrhundert lang nicht daran gewöhnen, und so stellte die Stadt bei der Gesamterneuerung von 1985 den alten Zustand wieder her.

Heute verleiht das St. Johanns-Tor dem Quartier, das sich in einem radikalen Transformationsprozess befindet, Identität und historische Kontinuität. Genutzt wird es von Vereinen wie etwa den Basler Polizeischützen, der Fasnachtsclique Muggetätscher und dem Artillerie-Verein Basel-Stadt.

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