Das neue Basler Theater
Neustart mit einer Basler Dramaturgie

Basels neuer Theaterdirektor Andreas Beck erklärt, was baslerisch ist an seinem Theater, warum er die «Zauberflöte» und «Jesus Christ Superstar» ins Programm genommen hat und warum Jahrtausendealte Stücke wie «Ödipus» heute so aktuell sind.

Christian Fluri und Matthias Zehnder
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Baut das Theater Basel inhaltlich um: Der neue Theaterdirektor Andreas Beck.

Baut das Theater Basel inhaltlich um: Der neue Theaterdirektor Andreas Beck.

Kenneth Nars

Sie sind in Basel angekommen – was ist für Sie der grösste Unterschied zu Wien?

Chowanschtschina: Plädoyer für das Stadttheater

Sehr aktuell ist das Thema von Modest Mussorgskis Oper «Chowanschtschina», mit der Beck seine erste Saison eröffnet. Der Titel heisst genau gelesen: die Intrige Chowanski oder gar der Saustall Chowanski. Es geht um Machtkämpfe und ums Volk, das benutzt wird und sich benutzen lässt. Ein russisch-ukrainisches Team – auch das ist aktuell – bringt die Oper, die erstmals in Basel gespielt wird, auf die Bühne: der junge Regiestar Vasily Barkhatov und der Dirigent Kirill Karabits. Beck setzt das Werk, bei dessen Finale 121 Menschen auf der Bühne singen, auch als Plädoyer für das Stadttheater mit seinen einmaligen Möglichkeiten. (flu)

Engel in Amerika: Schonungslose Anklage

In Amerika gilt es als moderner Klassiker, in der Schweiz ist es bis heute kaum gespielt worden: «Angels in America», Tony Kushners episches Theaterstück über Liebe, Homosexualität, Aids, Politik und Tod. Kushner lässt seine Figuren heftig, emotional und ungefiltert aussprechen, was damals, 1993, noch so sehr tabuisiert war, dass sein Stück in den USA zum Teil zensuriert wurde. Die so poetischen wie heftigen und hellsichtigen Anklagen seiner Protagonisten erschüttern bis heute – sprachlich und inhaltlich. Regisseur Simon Stone möchte sich vor allem auf die Kritik am Neoliberalismus konzentrieren. (spe)

Schlafgänger: Annäherung an die Flüchtlinge

«Schlafgänger» zu lesen, erfordert Konzentration, Anstrengung und Fantasie. Die junge Schweizer Autorin Dorothee Elmiger erzählt keine Geschichte mit einer Handlung. Vielmehr assoziiert sie Bilder, Gedanken, Bruchstücke zu einer traumwandlerischen Gesamtatmosphäre. So umkreist sie das Thema Migration. Immer wieder geht es ums Fallen, ums Verschwinden, sich unsichtbar Machen. Flüchtlinge schmirgeln sich die Fingerabdrücke weg, damit die alte Identität einem neuen Leben nicht im Wege steht. Julia Hölscher bringt diesen Stoff nun als Uraufführung auf die Bühne. Ein gewagtes, anspruchsvolles, aber wichtiges Unterfangen. (spe)

LSD – Mein Sorgenkind: Aus der Perspektive des Nüchternen

Dass auch Thom Luz als Hausregisseur für das Theater Basel engagiert werden konnte, ist ein Glücksfall. Der «Nachwuchsregisseur des Jahres 2014» ist ein Meister versponnener Stimmungen aus Licht und Ton. Nun möchte er sich und uns als Nächstes etwas vorstellen, das unvorstellbar ist: einen LSD-Trip. Im Zentrum des Musiktheaters wird Albert Hofmanns weltweit erster LSD-Trip stehen: Der Erfinder der Substanz erlebte ihre Wirkung auf einer Velofahrt durch Basel. Luz möchte sie aus der melancholischen Perspektive des nüchtern Gebliebenen erzählen. Ohne die üblichen psychedelischen Klischeebilder. Da möchten wir mitfahren. (spe)

Die Wohlgesinnten: Wiener Erfolgsstück bald in Basel

Bei einem Stück können wir mit Sicherheit sagen, dass es gut sein wird, denn wir haben es schon gesehen: «Die Wohlgesinnten». Antonio Latellas Dramatisierung des Romans von Jonathan Littell war am Schauspielhaus Wien zu Recht ein Publikumserfolg. Nun nimmt Andreas Beck es in Basel wieder auf. Littell betrachtet den Holocaust aus der Täterperspektive durch die Augen des fiktiven SS-Offiziers Maximilian Aue. Ein sensibler Intellektueller verkommt zum sadistischen Mörder. Thiemo Strutzenberger – ein grosser Schauspieler, der nun Teil des Basler Ensembles wird – spielt diesen Mann gefangen in einem fiebrigen Albtraum. (spe)

Die Bacchen: 2600-jähriges Stück über heutigen Terror

Was Euripides 406 vor Christus schrieb, soll uns heute etwas über eines der schrecklichsten Probleme erzählen: «Die Bacchen» sei eines der wenigen Stücke, das den Terror im Nahen Osten in irgendeiner Form fassbar machen könne, sagt Andreas Beck. Denn Euripides lässt rationales Denken und bedingungslosen Glauben aufeinanderprallen. Der bekannte Gegenwartsdramatiker Roland Schimmelpfennig hat das Drama neu bearbeitet, der preisgekrönte Regisseur Robert Borgmann wird es als Uraufführung für Basel inszenieren. Sogar wenn dieser Abend nicht gelingen sollte, interessant wird er bestimmt. (spe)

Der Menschenfeind: Ist die Wahrheit zumutbar?

Peter Licht ist hier vor allem als deutscher Popmusiker bekannt. Dabei ist er, behaupten wir hier mal, der bessere Autor. Seine Texte sind leicht absurd und doch sehr zugänglich, lustig und ernsthaft traurig und – wenig erstaunlich – hochmusikalisch. Licht und Beck waren in Wien bereits ein bewährtes Team. Für Basel nimmt Peter Licht sich nun eines neuen Stoffes an: Er schreibt eine moderne Fassung des Menschenfeinds, frei nach der Komödie von Molière. Ist ein Miteinander komplett ohne Trug und Schein erstrebenswert? Ist die Wahrheit überhaupt zumutbar? Auf solche Fragen will Licht sein Licht werfen. (spe)

Melancholia: Barockmusik trifft auf heutige Jugend

Der Regisseur Sebastian Nübling, der Choreograph Ives Thuwis und der Dirigent und Barockspezialist Andrea Marcon schaffen mit barocker Musik, die nicht für die Oper geschrieben worden, ja meist vor der Erfindung der Oper entstanden ist, ein Stück über Melancholie. Es wird ein Musik-Tanz-Theater, das mit dem Jungen Theater Basel realisiert wird und mit «La Cetra Barockorchester Basel». Es handelt von heutigen Jugendlichen, die mit Aktivität direkt bombardiert werden. Es fragt nach dem Wesen der Melancholie. Nübling schliesst mit «Melancholia» auch an sein erstes Musiktheater «Dido und Aeneas» 2006 in Basel an. (flu)

object present: Junge Tanzkunst aus Israel

Mit «object present» präsentiert Ballettdirektor Richard Wherlock jungen Tanz aus Israel. Die beiden Choreographen Itzik Galili und Hofesh Shechter zeigen «Romance Inverse» und «Violet Kid». Galili hat zur Minimal Music von Steve Reich eine sinnliche Choreographie geschaffen. Es geht um die hypnotische Energie, die er auf den Tanz überträgt. Shechters Stück handelt von Gewaltausbrüchen, von Selbsthass von unkontrollierten Energien und unerwarteten Wendungen. Hier wird Wherlocks herausragende Compagnie mit neuer Tanzkunst konfrontiert. Spielort ist das Schauspielhaus, wo das Publikum enger auf dem Geschehen sitzt. (flu)

Donnerstag aus «Licht»: Eines der grossen Werke der Moderne

Karlheinz Stockhausen gehört zu den stilbildenden Komponisten der Nachkriegszeit. Sein Mammut-Werk «Licht» ist ein auf sieben Tage angelegter Zyklus über den Menschen und die Religionen der Welt, die Stockhausen darin verwebt. «Donnerstag» ist das erste Werk des Zyklus und wurde 1981 uraufgeführt. Für dieses Grossunternehmen, dessen erste musikalische Proben bereits im Juni beginnen, gewann Operndirektorin Laura Berman die junge, international gefragte Opernregisseurin Lydia Steier. Dirigent ist Titus Engel. Das ganze Grosse Haus wird gespielt. Der Saisonschluss wird zugleich die Saisoneröffnung im Herbst 2016. (flu)

Was machen Sie in Basel anders als in Wien?

Was machen Sie und Ihre Truppe anders als Ihre Vorgänger?

Ist Theater noch nötig im Zeitalter von Netflix und Youtube?

Inwiefern ist das Theater Basel ein baslerisches Theater?

Und wie haben Sie sich Basel genähert?

Was für Zustände sind das?

Wo sieht man dieses Fragen sonst noch im Spielplan?

Wenn sie von Basel aus denken, welche Rolle spielt ein so russisches Stück wie Mussorgskis Oper «Chowanschtschina»?

Täuscht der Eindruck oder haben Sie weniger Opern?

Im Schauspiel erwartet man in Basel einen Wandel. Wie ist das in der Oper? Verändern sie die Ästhetik?

Wir zeigen andere, neue Handschriften. So holen wir Nübling mit «Melancholia» in die Oper. Da steigert sich etwas und knüpft gleichzeitig an die Barocktradition mit dem Dirigenten Andrea Marcon in Basel an. Lydia Steier ist jetzt gerade der neue Name, sie macht sich an den Stockhausen. Olivier Py, der den Verdi macht, ist ein alter Hase, der noch nie in Basel inszenierte. Mit Julia Hölscher nimmt sich eine Hausregisseurin der «Zauberflöte» an. Ich hätte es ungeschickt gefunden, wenn wir mit Namen wie Bieito, die typisch für Delnon waren, in der ersten Saison weitergefahren wären.

Warum bringen Sie den alten Musical-Schmöker « Jesus Christ Superstar»?

Wir haben verschiedene Musicals betrachtet. Manchmal verändern sich ja die Verhältnisse zu den Stoffen. Ich muss da sagen: Der Stoff und die Musik von «Jesus Christ Superstar» sind echt gut.

Im Spielplan findet sich eine Häufung von antiken Stoffen. Sind die mythologischen Fragen wichtiger geworden?

Das würde ich so nicht sagen. Der italienische Regisseur Antonio Latella beispielsweise unterzieht «Ödipus» einer neuen Lektüre. Roland Schimmelpfennig kam von sich aus mit «Die Bacchen» von Euripides. Bei «Antigone», der «Fremde» und «Ödipus» geht es um die Subjektfrage. Wir reflektieren damit nicht die klassische Bildung, sondern wollen die Fragen dieser Stücke neue stellen, weil es virulente Fragen sind, die uns im Alltag vor lauter Tun oft vergessen gehen. Wie heisst es so schön? Empört Euch! Wir empören uns zu wenig.

Ist gutes Theater ein gut besuchtes Theater?

Nicht immer, muss man leider feststellen. Nicht immer ist eine volle Vorstellung eine künstlerisch gute Vorstellung und umgekehrt. Der Frage begegnet man ja immer wieder: Warum findet, was man gut findet, nicht oder nicht sofort ein Publikum? Manchmal ist es sehr erfreulich und eben glückvoll, manchmal harzt es und man braucht Geduld.

Was ist für Sie ein erfolgreiches Theater?

Erfolgreich ist ein schwieriger Begriff. Das kann künstlerisch oder wirtschaftlich oder auch im Sinne des Feuilletons gemeint sein. Erfolgreich kann es nur sein, wenn es ein miteinander ist. Es wird immer Vorstellungen geben, die es verdient hätten, besser besucht zu werden.

Wann haben Sie Ihr Ziel erreicht?

Im Rückblick kann ich sagen: Wien waren acht erfolgreiche Jahre. Im Tun konnte ich das nicht sagen. Es ist ja immer ein Trial und Error, es verlangt immer Fingerspitzengefühl. Immer dann, wenn man sich sicher fühlt, wird es schwierig. Erfolg ist nie zu trauen.

Baselland schreibt rote Zahlen, es drohen weitere Etat-Kürzungen.

Dieses Haus ist ein A-Haus. Dabei ist es wie bei einem Schiff: Wenn fünf Millimeter unter dem Kiel fehlen, dann läuft es auf Grund. Dann kann an nicht sagen: Da hat›s doch aber noch viel Wasser. Wenn der Kiel unten streift, kentert das Boot. Und dann geht etwas verloren, für viele Jahre, was heute zentral ist in Basel.