Stadtcasino
Museumskrimi und obercooler Tanz auf dem Vulkan

Die Kremerata Baltica und der Cellist Nicolas Altstaedt spielten Werke von Joseph Haydn, Béla Bartók, Modest Mussorgsky und Astor Piazzolla.

Anja Wernicke
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Am Dienstagabend gab es im Stadtcasino ein grossartig gespielter, musikalischer Museumskrimi.

Am Dienstagabend gab es im Stadtcasino ein grossartig gespielter, musikalischer Museumskrimi.

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Warum schon wieder Modest Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung», warum können die Leute dieses Stück nicht einfach zu Hause auf CD hören? Das mag man sich fragen, wenn dieser Klassiker, ja fast schon Schlager des Konzertbetriebs, der es dank Emerson Lake & Palmer sogar einmal in die Pop-Charts geschafft hat, mal wieder auf einem Programm steht. So geschehen in der AMG-Sinfonieorchesterreihe am Dienstagabend im Stadtcasino. Doch die Interpretation der Kremerata Baltica, die eine Streichorchester-Version von Jacques Cohen aus dem Jahr 2009 spielten, wischten alle Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Aufführung weg. Es war kein Abnudeln der bekannten Melodien, keine Effekthascherei, sondern ein grossartig gespielter, musikalischer Museumskrimi.

Nur mit ein wenig Schlagwerk verstärkt, schaffte das Kammerorchester den Balanceakt, der dieses Stück schnell in Richtung Kitsch kippen lässt. Zu Beginn das Werkes, bei der ersten, breit und ausladend artikulierten «Promenade», überraschte zunächst der volle, weite Klang, den das Kammerorchester trotz seiner kleinen Besetzung erreichen kann. Weiter ging es überaus pointiert, sehr schnell und energisch, eher rhythmisch als melodisch gedacht, fast die Töne nur markierend mit dem mystischen Satz «Der Gnom». Mit Verzierungen und einem gedämpft melancholischen Klang verlieh der erste Geiger dem anschliessenden Satz «Das Alte Schloss» einen folkloristischen Touch. Auch das «Ballett der noch nicht ausgeschlüpften Küken» gelang überaus zart und spritzig.

Ärger mit dem Cellisten

So sehr die Interpretation von Mussorgskys Klassiker ein Glück war, da man sich ganz auf die Musik konzentrieren und diese aus einer neuen Perspektive erfahren konnte, so ärgerte der Auftritt des Cellisten Nicolas Altstaedt mit Joseph Haydns Cellokonzert in C-Dur. Man bleibt bei seinem theatralischen Gestenspiel, das teilweise an einen ungezogenen Knaben mit zu viel Bewegungsdrang erinnert, ratlos zurück: Hat er wirklich so einen Charakter oder ist hier einfach sehr viel bewusst und gewollt, à la Lang Lang geschauspielert?

Egal wie die Antwort lautet, ärgerlich ist, dass man überhaupt darüber nachdenken muss. Denn Nicolas Altstaedt ist zweifellos ein grosses Talent, und sein leicht von der Hand gehendes Spiel, dem man fast nie eine Schwierigkeit ansieht, ist bewundernswert. Doch manchmal erscheint er dabei ein wenig zu launisch «obercool», zu altklug überlegen. Man vermisst die Ecken und Kanten, wie sie die Kremerata beim Mussorgsky oder auch bei Béla Bartóks Divertimento für Streichorchester, das sie überaus wütend und energisch spielten, gebracht hat.

Der Haydn sowie auch Astor Piazzollas «Grand Tango» lösen sich auf in einen Sturm aus virtuoser Leichtigkeit, auf dem Altstaedt mit kalkuliert angezogener Handbremse hinweggleitet. Nur wenn er zwischendurch, wie unkontrolliert mit dem Fuss aufstampft, scheint er zeigen zu wollen, dass hinter dem schöngeistigen Virtuosen auch ein Vulkan schlummert.