Stimmen-Festival
Muffler: «Nach Bob Dylan, Leonard Cohen und Pink musste Elton John kommen»

Markus Muffler, der künstlerische Leiter des Stimmen-Festivals, spricht mit der bz über die Essenz seines Festivals und die Konkurrenz. Bereits seit 21 Jahren finden die Konzerte im Lörracher Burghof statt.

Moritz Kaufmann
Drucken
Künstler, die etwas zu sagen haben, sind ihm wichtig: Markus Muffler (geboren 1963) im Foyer des Lörracher Kulturzentrums Burghof, dessen CEO er ist.

Künstler, die etwas zu sagen haben, sind ihm wichtig: Markus Muffler (geboren 1963) im Foyer des Lörracher Kulturzentrums Burghof, dessen CEO er ist.

Nicole Nars-Zimmer

Herr Muffler, der Name Ihres Festivals – «Stimmen» – ist ganz dem menschlichen Singorgan gewidmet. Wenn Sie ein Festival zusammenstellen, wie wichtig ist da die Stimme?

Markus Muffler: Weil Stimmen so ein zentrales Thema hat, kann man Genres abdecken, die die Stimme grundsätzlich zum Inhalt haben. Das heisst automatisch, dass es Instrumentales nicht gibt. Also DJs oder instrumentaler Jazz. Aber in den anderen Genres – ob nun Klassik, Jazz, Rock, Pop, Soul – ist die Stimme das zentrale Instrument. Die Stimme ist ja auch das ureigenste Instrument überhaupt. Ich finde es ein sehr schönes Thema. Man kann Workshops machen, Ensembles holen, Amateurchöre wie bei «Lörrach singt».

Wenn Sie einen Künstler buchen, schauen Sie ganz speziell auf seine Stimme?

Wenn wir die grossen Rockshows buchen, steht die Stimme nicht unmittelbar im Zentrum. Aber was macht einen Sänger aus, ausser seine Stimme? Ein grosses Charisma. Schauen wir uns dieses Jahr an: Ein Pete Doherty von den Babyshambles, das ist nun mal ein Typ, der hat jetzt keine Wahnsinnsstimme, aber ist ein Typ ...

... das wäre die nächste Frage gewesen. Pete Doherty ist eigentlich kein guter Sänger ...

... aber er hat eben eine spezielle Stimme. Oder Thom Yorke, der Sänger von Radiohead: Der hat auch keine Wahnsinnsstimme, aber sie ist prägnant und macht die Musik der Band aus. Oder eben Elton John: Er ist eine der wichtigsten männlichen Stimmen des Pop, neben John Lennon oder David Bowie. Das ist auch der Kern: Wer hat was zu sagen? Wenn man es zu streng nimmt, ist man unfrei. Das möchte ich auch nicht.

Bedingen sich Stimme und Charisma?

Es gibt Sänger oder Sängerinnen wie Edith Piaf, die sind klein, schüchtern, unscheinbar. Dann fangen sie an zu singen und berühren Tausende. Es gibt Sänger, die stehen auf die Bühne, strahlen etwas aus, die müssen nicht viel machen. David Bowie oder Freddie Mercury. Manchmal bedingt es sich – aber es muss nicht sein.

Wie wichtig war es denn für Sie, dass Elton John dieses Jahr spielt, nachdem er letztes Jahr absagen musste?

Sehr wichtig. Es hat ja sehr schnell wieder zugesagt. Wir hatten schon grosse Stars: Bob Dylan, Leonard Cohen, Pink. Da muss Elton John einfach rein.

Wer muss denn sonst noch bei Ihnen spielen?

Es gibt genügend Künstler. Aber wir müssen immer berücksichtigen, wie gross unsere Kapazität ist. Ich habe die Telefonnummer von Prince nicht. Da müssen wir halt andere Wege gehen. Die ganze Entwicklung hin zu den Megashows, die macht uns natürlich schon zu schaffen.

War es denn früher einfacher, exklusive Acts zu buchen?

Das geht schon noch, aber es ist halt eine Frage des Geldes. Wir haben nun mal 5000 Plätze bei uns auf dem Marktplatz. Einen grösseren Platz haben wir derzeit nicht. Für Stimmen ist ja immer auch wichtig, dass der Spielort auch passt.

Wie meinen Sie das?

Es ist keine Kunst, auf irgendeinem Acker eine Bühne aufstellen, Zäune rundherum und einem Künstler Geld in die Hand zu drücken. Das kann jeder. Aber darum geht es bei uns nicht.

Macht ihnen die Eventisierung der Festivallandschaft zu schaffen?

Wir sind vielleicht im Moment nicht «Up to date». Aber langfristig werden Festivals wie wir oder auch das Montreux Jazz Festival überleben. Festspiele über mehrere Wochen, wo es um Musik geht. Bei den dreitägigen Festivals hingegen, da bin ich überzeugt, wird ein grosses Festivalsterben eintreten. Es gibt mittlerweile so viele Festivals, wo sollen denn die ganzen Leute herkommen? Irgendwann knallt’s.

Das Besondere bei Stimmen ist also nicht nur die Stimme, sondern auch die Stimmung?

Ja genau. Das Gesamtpaket.

Warum sind den die grossen Festivals trotzdem eine Konkurrenz?

Bei den grossen Festivals ist ja die Musik oft nicht so wichtig. Da geht’s ums Campen, Leute kennenlernen, eine Party feiern. Ich kenne das ja auch von früher. Nur war es damals noch nicht so systematisch. Heute ist es ein Event. Nur gibt es da ein Problem.

Nämlich?

Nehmen wir das Southside-Festival, zirka 140 Kilometer von hier und das Zwillingsfestival Hurricane in Norddeutschland. Die Bands werden dafür exklusiv gebucht. Dann dürfen sie nicht bei uns spielen, obwohl wir sechs Wochen später stattfinden. Das ist nicht nachvollziehbar für mich. Zu uns kommen die Leute wegen der Musik, nicht wegen des Events. Das ist in Deutschland ein Problem. Und wir sind eingeklemmt, wir sind ja nahe an der Schweiz. Das macht es manchmal schwierig.

Stimmen gibts seit 21 Jahren, ist also längst dem Stimmbruch entwachsen.

(lacht) Ja, wir sind langsam ein junger Erwachsener, der sich Gedanken um einen Job macht und vielleicht Familie gründet?

Am Dienstag geht's los!

Schon am Samstag fand in Lörrach das im Rahmen des Stimmen-Festivals organisierte Chor-Event «Lörrach singt» statt. Am Dienstag gehts dann mit den Bezahl-Konzerten los. Den Anfang macht die amerikanische Band Calexico, die mit ihrem einzigartigen Americana-Sound ein Highlight des diesjährigen Programms ist. Weitere Höhepunkte sind der englische Folk-Barde Billy Bragg, die schwedischen Garage-Rocker The Hives oder die nigerianisch-stämmische Hip-Hop-Soul-Sängerin Nneka. Und natürlich die Legende Elton John – er musste im vergangenen Jahr krankheitsbedingt absagen.

www.stimmen.com

Was haben Sie denn noch für Möglichkeiten, Neues zu entwickeln?

So ein französisches Schwesterchen wäre nicht schlecht. Das Überbrücken der Grenze nach Frankreich ist überraschend schwer. Dabei bin ich sehr frankophil. Ich arbeite dran, mit Frankreich grenznah einen Spielort zu finden, damit wir dieses Dreiland wirklich auch leben.

Und in der Schweiz?

Also fürs Baselland gibt’s auch noch Ideen. In Basel-Stadt gibt es halt sehr viel Zersplitterung. Das ist für uns nicht unbedingt ein Problem. Stimmen in Basel-Stadt? Es braucht einen Partner, eine Venue, es muss halt passen.

In Basel gibts ja auch viel Konkurrenz ...

... ja, jetzt gibts ja auch noch das Basel Open Air ...

... mit teilweise den gleichen Bands, die Sie letztes Jahr hatten ...

Ja. Ich weiss nicht, ob das so eine gute Idee ist.

Läuft denn der Vorverkauf bei Ihnen gut bis jetzt?

Er läuft ganz o. k. Wir würden uns freuen, wenns noch ein bisschen anzieht. Es war halt auch WM. Da hatten die Leute ganz anderes im Kopf.

Aktuelle Nachrichten