Nähkästchen

Modedesignerin Tanja Klein über guten Stil und Mut in der Coronakrise: «Ich will nicht daran zerbrechen»

Das Nähkästchen in heimatlichen Gefilden: Tanja Klein hat den Begriff «Mut» erwischt.

Das Nähkästchen in heimatlichen Gefilden: Tanja Klein hat den Begriff «Mut» erwischt.

Die Basler Modedesignerin Tanja Klein plaudert aus dem Nähkästchen. Über Visionen und die Auswirkungen des Lockdowns.

Frau Klein, welchen Begriff haben Sie aus dem Nähkästchen gefischt?

Tanja Klein: Mut.

Was macht für Sie einen mutigen Menschen aus?

Sie oder er muss sicher mit beiden Beinen fest im Leben stehen; Selbstsicherheit ist eine gute Basis für mutige Entscheidungen.

Ist Mut zu haben eine Voraussetzung dafür, dass man im Leben – sowohl privat als auch beruflich – Erfolg hat?

Sicher. Wer Mühe hat, Entscheidungen zu treffen und dann auch dazu zu stehen, wird besonders als Unternehmer nur schwer vom Fleck kommen.

Sie sind seit bald 20 Jahren mit Ihrem Label Kleinbasel aktiv und als Modedesignerin lokal, aber auch national eine feste Grösse. Was gehört zu den mutigsten Entscheidungen, die Sie in Ihrer Karriere gefällt haben?

Dass ich mich entschieden habe, mit dem eigenen Label «Kleinbasel by Tanja Klein» zu starten und später den Laden mit der eigenen Kollektion zu eröffnen. Davor war ich als Schneiderin tätig, machte Auftragsarbeit. Mit den Kleinserien produzierte ich neu auf eigenes Risiko. Ich wusste: Mir gefällt dieser Stil, so möchte ich arbeiten.

Mutig. Damals gewann Fast Fashion an Fahrt. Sie standen und stehen immer noch für das Gegenteil: hochwertige, nachhaltig produzierte und langlebige Kleidung.

Ach, manchmal ist man ja auch mutig, weil man nicht alles weiss (lacht). Ich hatte einfach diese Vision und die verfolgte ich. Fast Fashion war und ist für mich eine komplett andere Welt.

Wie reagierte Ihr Umfeld damals auf Ihre Pläne?

Skeptisch. Das Fazit war, dass es nicht funktionieren konnte. Und trotzdem ging ich den Weg.

Das ist eben mutig.

Ja wahrscheinlich, andere würden sagen, das war ignorant, weil ich nicht hören wollte (lacht). Aber ein gutes Gefühl trieb mich an.

Wie viel Tanja Klein steckt heute noch in Ihren Kollektionen drin? Hinter dem Label steht unterdessen ein ziemlich grosses Team.

Viel. Die Ideen für die Silhouetten, die Details und der Stil sind von mir. Das Farbkonzept, die Stoffauswahl und die Lederarten für die Taschen werden im Team festgelegt. Aber auch beim Einkauf der Stoffe und Entwerfen und Entwickeln der Prints mische ich mit.

Sie gehören zu den liebsten Adressen der stilbewussten Baslerin. Bald schon wird die Herbstkollektion lanciert. Geben Sie uns einen Vorgeschmack darauf?

Das Farbkonzept besteht aus gedeckten Naturtönen wie etwa Dunkelblau, -rot und -braun. Weit schwingende Röcke im 60er-Jahre-Stil werden auch dabei sein sowie langhaarige Mäntel und Kunstfelljacken.

Sie entwerfen nach eigener Aussage zeitlose Kleidung, beweisen Mut, indem Sie sich den Trends oftmals widersetzen. Wie sehr aber lassen Sie sich dabei von der aktuellen Mode inspirieren?

Natürlich fliesst das mit ein. So finden sich etwa Bauchtäschli in der aktuellen Kollektion, da konnte ich nicht widerstehen, weil ich ein Kind der 90er-Jahre bin. Auch Farb- und Printtrends werden aufgegriffen.

Wie würden Sie den Stil von «Kleinbasel» beschreiben?

Es ist sicher ein kleidsamer, schicker Stil, der urban und alltagstauglich ist. Keine Styles, die monatelang im Schrank hängen, um dann einmal zu einem Event getragen zu werden. Meine Entwürfe sind mit Turnschuhen tagsüber, aber auch abends mit hohen Schuhen tragbar.

Was macht guten Stil aus?

Er hat sicher nur bedingt mit Mode zu tun. Stil ist, wenn man in jeder Situation passend angezogen ist – egal, ob die Kleidung neu oder alt ist.

Die Kleidersünde schlechthin für Sie?

Kurzarmhemden bei den Herren. Das geht einfach nicht.

Apropos: Seit 2017 führen Sie eine kleine Herrenkollektion. Mutig.

Es ist tatsächlich schwierig. Den Männern fehlt oftmals der Mut, etwas Neues auszuprobieren. Sie sind auch preissensibler als Frauen, die Coronakrise hat das noch verstärkt. Aber wir bleiben dran!

Nach dem Lockdown haben Sie sich entschieden, keinen Ausverkauf mehr bei der aktuellen sogenannten First-Season-Kollektion durchzuführen. Wie sind nun die Reaktionen darauf? In der Stadt hat der Sale längst begonnen.

Von Berufskollegen durchs Band gut, sie finden es mutig. Von Seiten der Kundinnen kam noch nicht viel Feedback, aber es gab bereits Einzelne, die das nicht nachvollziehen können. Es stellt ein Risiko dar, das ist mir bewusst. Aber ich möchte das jetzt durchziehen. Es stellt eine Wertschätzung dar gegenüber unserer Arbeit, aber auch gegenüber der Stammkundin, die manchmal ein Kleid bereits im März kauft und sich doch veräppelt fühlt, wenn es vier Monate später 20 Prozent günstiger zu haben ist.

Wie kam es zu diesem radikalen Entscheid?

Aus der Not heraus. Wegen des Lockdowns entging uns wie vielen anderen sehr viel Umsatz. Ich möchte damit ein Umdenken bewirken.

Wie geht es Ihnen wirtschaftlich nach dem Lockdown?

Die Verluste sind nicht mehr aufholbar; März bis Mai machen wir normalerweise den grössten Umsatz. Aber wir erholen uns langsam, profitieren etwa von Schweizer Tagestouristen, die nun Basel besuchen und erstmals bei uns einkaufen.

Was ist Ihre Strategie, damit Sie in dieser schwierigen Zeit nicht den Mut verlieren?

(überlegt) Das kommt gar nicht in Frage. Ich will einfach nicht daran zerbrechen. Jetzt zahle ich peu à peu den Kredit ab, den ich vom Staat erhalten habe und den ich brauchte, um die Löhne zahlen zu können. Dieser Laden hier an der Schneidergasse ist meine Stube! Und ich möchte noch lange Kleider entwerfen.

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