Es will fast immer etwas wachsen auf Mireille Gros’ Papier. Linien gehen in Knospen über, verbinden sich zu Netzen und Geweben, ertasten das Volumen einer Muschel oder mäandern als weiche Sterne im Raum. Jedes Blatt hält die Ahnung über einen Ursprung wach: Kein Keimling ist der Künstlerin zu klein, kein Strich zu banal, um nicht die Möglichkeit werdenden Lebens anzudeuten oder den unscheinbaren Beginn eines Körpers.

Und wenn Mireille Gros über Jahrzehnte immer neue Bücher mit Zeichnungen, Notizen, Fotografien oder sprachlichen Fundstücken füllte, ist das kein Zufall. Handlich im Format, erlaubt ihr das visuelle Tagebuch ein unablässiges, analoges Sammeln von Eindrücken.

Schon lange ihre eigene Meisterin

Das Kunstmuseum Basel schafft nun einen Zugang zum ganz persönlichen Fundus der Basler Künstlerin. «Archives intimes» heisst die Ausstellung. Sie konzentriert sich auf vier Vitrinen der Grafikkabinette im Obergeschoss des Hauptbaus – und damit auf einen Auszug auf annähernd dreissig Jahre des stillen Beobachtens und der produktiven Nachdenklichkeit.
Mireille Gros, 1954 in Aarau geboren und seit 1977 in Basel wohnhaft, ist schon lange ihre eigene Meisterin.

Ihr Schaffen entspringt einer Haltung, die den Plan, das Konzept, die Absicht verwirft. «Nicht, wie ich etwas tue, ist entscheidend, sondern: wie ich dahin komme, dass etwas geschehen kann.» Einer Werkentwicklung, die immer wieder Neues nachzuweisen sucht, setzt Mireille Gros die Kontinuität entgegen und eine Offenheit gegenüber allen, auch ganz beiläufigen Erscheinungen.

«Meine Bücher schöpfen aus dem Chaos oder entstehen zumindest absichtsfrei und absichtsfroh», zitiert der Saaltext die Künstlerin. Ein Wasserfleck auf einem Papier kann ihr Vorzeichnung sein, aber auch «Kunstformen der Natur», wie sie in antiquarisch erstandenen Büchern anzutreffen sind.

Gespeicherte Beobachtungen

«Eigentlich ist ja alles schon da und hängt auch alles miteinander zusammen», ist Mireille Gros überzeugt. Wobei in ihrer Stimme gleichzeitig helle Freude liegt wie ungebremste Dringlichkeit, die Kunst in Schutz zu nehmen als einen Raum, der zweckfrei, nur zur Anschauung existieren darf.

Unablässig lehnt sich Mireille Gros dagegen auf, dass die Welt mit ihren Ambitionen den Zauber der Wirklichkeit schon im Keim erstickt. «Man kann am Gras nicht ziehen, weil man will, dass es schneller wächst.» Wo und wann sie dieses Sprichwort gehört und notiert habe, weiss sie nicht mehr. In anderen Sprachen und Kulturen aber sieht sie immer wieder das herausfordernde Glück, Ideen aufzugeben – bis hin zu Vorstellungen über sich selbst.

«Am eigenen Ort hältst du Dinge für natürlich, die an einem anderen Ort ganz anders sind.» So hatte sie aus ihrem Atelieraufenthalt in Mali 2002 einen neuen Sinn für Geräusche gewonnen und Jahre später aus Peking die Erfahrung, dass es sich lohnt, dem Zufall Raum zu geben.

Das kleinformatige, gebundene Buch war und ist in jeder Welterkundung Mireille Gros’ Begleiter. Ein kleiner Speicher, ein analoger «Bewusstseinsfinder», der die unübersichtliche Beobachtung aufnimmt – ungefiltert, absichtslos, ohne Wertung. Traumwandlerisch mutet diese Handschrift immer wieder an.

Im Format, das ursprünglich keine Veröffentlichung anstrebte, trifft spontan Erdachtes und zufällig Aufgelesenes aufeinander. Sprachliche Schätze versöhnen die lineare Logik des Denkens mit der Sinnlichkeit von Handschrift und Zeichnung. Dass im Französischen «par coeur» für «auswendig» ans Herz und damit ans Innerste rührt, ist Mireille Gros ebenso aufgefallen wie das Wissen, dem sie im afrikanischen Bamako begegnete.

«tisser la parole» – die Sprache weben – den Ausdruck hat sie mehr als einmal auf eine Buchseite notiert. Wörter sind wie Textilien. Und die Sprache ein Geflecht aus dehnbaren Linien: Der elementare, feine Strich geht allem voraus.

Dicht ist das Material, das sich unter dem Glas der Vitrinen drängt. Es lässt eine wiederkehrende Ordnung erkennen: Die Bewegung ins Offene, der mehr von Farbe als von Raum bestimmte Ausschnitt. Und unbedingt die Liebe zum Detail. Die Andeutung von etwas Kleinem verweist immer auch auf das bunte Gesetz des gesamten Kosmos.

Kunstmuseum Basel Mireille Gros, «Archives intimes». Bis 9. Juli. Am Donnerstag, 11. Mai, findet um 18.30 Uhr ein Gespräch statt mit der Künstlerin und Anita Haldemann, Kuratorin der Ausstellung.