Corona-Blues

Miles Davis, blaue Noten und ein aufgewärmter Truthahn

Miles Davis bei einer Aufnahme für das Album "Kind of Blue" im Jahr 1959.

Miles Davis bei einer Aufnahme für das Album "Kind of Blue" im Jahr 1959.

Ist die Stimmung gedrückt, haben Jazz und der Blues die richtigen Klänge parat.

Inwiefern der Blues mit der Farbe Blau zu tun hat, ist Gegenstand von Mutmassungen. Naheliegend ist jedoch die Erklärung, dass er sich von der englischen Wendung «feeling blue» ableitet, die einen melancholischen oder traurigen Zustand beschreibt. In Schriftform taucht die Farbe als Gefühlszustand erstmals 1785 auf (Francis Grose: «A Classical Dictionary of the Vulgar Tongue»). Hier findet man neben dem Eintrag «to look blue» (verwirrt, bestürzt oder enttäuscht wirken) auch die Wendung «blue devils» als Synonym für «low spirits».

Diese niedergeschlagenen Gemüter gaben 1798 einem Einakter von George Colman dem Jüngeren den Titel. Ein junges Paar hofft auf die Zustimmung des Brautvaters zur Hochzeit, doch dieser hatte in letzter Zeit ohnehin schon viel Pech, wie es in dem zwischen Komödie und Drama pendelnden Stück heisst. Die Liebenden machen also wenig Hoffnung.

Auch im Blues sind Unglück und Unheil besonders in Liebesangelegenheiten ein häufiges Thema. So finden sich in W.C. Handys «St. Louis Blues» – mit Jahrgang 1903 womöglich der erste Song mit dem Begriff «Blues» im Titel – die Zeile «I hate to see that evening sun go down / Cause my baby, he's gone left this town.» Sinngemäss: Ist der Geliebte weg, ist ein Sonnenuntergang nur Dreck.

Im Blues wird reell empfundenes Leid ausgedrückt – oder zumindest so getan als ob. So hat Muddy Waters auf dem Zenit seines Erfolges unterschieden zwischen jenem Blues, den er als erfolgreicher Musiker nun in Chicago spiele, und jenem, den er in seinen jungen von Armut geprägten Jahren gefühlt habe: Nur ersteres sei der pure Blues. Doch längst nicht alle Blueser sahen das so. B.B. King etwa schrieb in seiner Autobiografie («Blues All Around Me», 1996), es ärgere ihn, dass der Blues stets mit Tragödie assoziiert werde.

Nicht ganz auf der Höhe

So wenig sich der Blues klar definieren lässt, so mehrdeutig ist auch das Konzept der bluenotes. Die expressiven und vom (klassischen) Standard abweichenden Tonhöhen sind prägend für den Klang von Jazz und Blues. Hier sticht vor allem die verminderte Quinte, der sogenannte Tritonus, ins Ohr. Im Blues trifft man das sechs Halbtöne umspannende Intervall sehr häufig an, das im christlichen Mittelalter als «diabolus in musica» verboten war. Bluenotes können aber auch Abweichungen im microtonalen Bereich sein – in Viertel- oder Achteltönen, die sich in der regulären Notation nicht erfassen lassen.

Der südafrikanische Musikologe Peter van der Merwe hat eine schöne, weil auch für Laien verständliche Definition gefunden: «Die Bluenote kann verschiedene Dinge bezeichnen. Ihnen allen ist jedoch gemein, dass sie tiefer sind als erwartet.» Irgendwie also nicht ganz auf der Höhe, womit sich der Kreis zu den «low spirits» schliesst.

Ungeahnte Höhen hingegen hat ein Album erklommen, das die Farbe Blau im Titel trägt: Mit über fünf Millionen verkauften Einheiten gilt «Kind of Blue» von Miles Davis als die meist verkaufte Jazz-Platte aller Zeiten. Hatte sich der Komponist und Trompeter sonst nicht um die Titel seiner Werke gekümmert, so sei ihm bei seinem 1959-er-Album viel an der Namensgebung gelegen, wie Ashley Kahn in «Kind of Blue: The Making of the Miles Davis Masterpiece» schreibt.

Zwar basieren nur zwei der fünf Stücke auf der Form des im Blues üblichen 12-Takters – «Freddie Freeloader» und «All Blues» –, doch lebt das Album von einem durchgehenden «blauen» Grundgefühl: Es strahlt eine «gewissen Traurigkeit» aus, wie sich der Titel übersetzen liesse. Wie es für ihn üblich war distanzierte sich Davis in späteren Jahren von seinem melancholischen Meisterwerk. Er wolle nicht mehr so klingen wie auf «Kind of Blue», sagte er 1986 in einem Interview. Ihm fehle das Gefühl dafür. So zu musizieren sei für ihn wie «aufgewärmter Truthahn». Auch das ist irgendwie traurig.

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