Nähkästchen
Marco Chiudinelli: «In der Pampa lernt man ein Land kennen»

Ex-Tennisprofi Marco Chiudinelli plaudert aus unserem Nähkästchen. Über Vorbilder, Verletzungen, Bergdörfer in Spanien und beste Freunde.

Rahel Koerfgen
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Marco Chiudinelli hat ein neues Leben begonnen. Und aus unserem Nähkästchen den Begriff «Helden» gefischt.

Marco Chiudinelli hat ein neues Leben begonnen. Und aus unserem Nähkästchen den Begriff «Helden» gefischt.

Kenneth Nars

Herr Chiudinelli, worüber plaudern wir?

Über Helden. Ich habe in meiner Kindheit definitiv zu vielen Helden hochgeschaut.

Wer war das zum Beispiel?

Es begann mit Diego Maradona an der WM 1986 in Mexiko. Als Fünfjähriger hat mich fasziniert, wie er alles überstrahlt hat. Später waren es diverse FCB-Spieler und der Basketballer Michael Jordan; von ihm hingen riesige Poster in meinem Zimmer. Leider aber war ich im Basketball eine ziemliche Niete, obwohl ich einen Korb im Zimmer installiert und geübt hatte.

Ein Tennisspieler war nicht dabei?

Doch, zu meiner Anfangszeit beim Basler LTC. Spieler, die sich in der Top 30 der Schweizer Rangliste befanden, waren die Heroes. Und klar habe ich für Ivan Lendl geschwärmt, auch die Schweizer Jakob Hlasek und Marc Rosset haben mir imponiert.

Und heute gibt es bestimmt Kinder, die zu Ihnen hochschauen. Was raten Sie
einem jungen aspirierenden Profi?

Man muss sich bewusst sein, dass das Leben der meisten Spieler niemals so glamourös ist wie jenes der Tennisgötter. Die Realität ist, dass man besonders zu Beginn der Karriere an Turnieren teilnimmt, die irgendwo in der Pampa stattfinden. Man ist mit dem Bus unterwegs, teilt sich das Hotelzimmer mit einem Mitstreiter. Vom Leben der Superstars lassen sich viele blenden. Die Wenigsten schaffen es da hin.

Haben Sie manchmal mit diesem Leben gehadert?

Nein. Ich habe als Bub davon geträumt, die Welt zu erkunden. Entsprechend habe ich die Reisen genossen. Gerade in der Pampa lernt man Land und Leute richtig kennen. In spanischen Bergdörfern etwa läuft zwischen 14 und 17 Uhr gar nichts, die Strassen sind leergefegt. Das hat mich immer ein wenig an den Film «Spiel mir das Lied vom Tod» erinnert – ich mag Westernfilme. Abends ging dann die Post ab.

Sie haben rund 60 Länder bereist. Könnten Sie sich vorstellen, im Ausland zu leben?

Nein, ich möchte in der Schweiz bleiben. Hier fühle ich mich zuhause.

Wie gut kennen Sie Basel, die Region?

Obwohl ich viel unterwegs war, habe ich mich online immer über die Geschehnisse informiert. Ich bin also kein Fremder. Allerdings kann ich meine Ausgangsabende hier an einer Hand abzählen. Aber erst kürzlich war ich in einer Bar an der Rheingasse etwas trinken, das hat mir gefallen.

Ein Held ist ein kühner, mutiger Mann, einer, der ein Ungeheuer erschlagen kann. Wie David gegen Goliath. An welchen Sieg gegen einen «Riesen» erinnern Sie sich am liebsten zurück?

Der emotionalste Sieg, als ich vor Freude geweint habe, war mein Einzug in die dritte Runde der US Open 2009, ich hatte Michail Juschni geschlagen. Davor war ich verletzt, ich wusste lange nicht, ob ich jemals wieder spiele. Auch schön war mein Sieg gegen Marat Safin, ehemalige Nummer eins. Ihn habe ich als Junior bewundert. Dank dieses Siegs schaffte ich es erstmals in die Top 100 der Weltrangliste.

Sie schafften es fast in die Top 50. Verletzungen warfen Sie aber immer wieder zurück. Wie haben Sie sich jeweils aufgerafft?

Ich nahm diese Ausfälle als Challenge an, habe nicht gehadert. Solche erzwungenen Auszeiten können einen mental und körperlich stärker machen. Ich habe auch gelernt, meine Gesundheit zu schätzen.

Sie wurden von vielen Verletzungen geplagt. Haben Sie schon früher mit dem Gedanken gespielt, zurückzutreten?

Nein. Es gab mal einen Moment im 2008, da habe ich fast den Glauben daran verloren, dass ich wieder spielen kann.

Wer gab Ihnen – ausser Sie selber – Kraft?

Die Familie. Und meine Freunde.

Roger Federer gehört seit der Jugend zu Ihren besten Freunden. Was schätzen Sie am meisten an ihm?

Das ist wie bei einer normalen Freundschaft. Am wichtigsten ist die Ehrlichkeit. Vertrauen auch, und Verlässlichkeit. Das bringt Roger mit, und er hat sich durch den grossen Erfolg nicht verändert, ist auf dem Boden geblieben. Das ist nicht gespielt, sondern echt. Wir sehen uns zwar nicht oft, aber wenn, verbringen wir eine gute Zeit zusammen.

Früher habt Ihr nächtelang Videogames gespielt. Heute auch noch?

(lacht) Nein.

Sie sind Ende Oktober vom Profitennis zurückgetreten. Haben Sie schon Entzugserscheinungen?

Überhaupt nicht. Im Moment spiele ich null Tennis. Ich habe gar keine Lust. Sehen Sie, ich habe das Tennis geliebt, es war meine Passion. Dieses Gefühl kommt bestimmt wieder, aber ich brauche Zeit, mich daran zu gewöhnen, Tennis «just for fun» zu spielen.

Sind Sie müde?

Jein. Aber ich habe gerade viel um die Ohren.

Sie starten also mit einer vollen Agenda in ein neues Leben.

Es läuft einiges! Neben dem Amt als Botschafter des Neubaus des TC OId Boys treffe ich mich derzeit mit vielen Leuten, um meine Zukunft abzustecken.

Sie sind auf Jobsuche.

Kann man so sagen.

Ist etwas spruchreif?

Im kommenden Jahr werde ich einen Kurs zum Sportmanager an der Uni St. Gallen absolvieren. Eine Trainerausbildung möchte ich auch machen. Meine zukünftige Tätigkeit muss allerdings nicht unbedingt mit Tennis zu tun haben. Ich möchte noch andere Dinge sehen. Eventmanagement reizt mich. Vieles ist möglich, das ist spannend.

Und privat, was ist da möglich?

Meine Freundin und ich stehen vor einem ganz neuen Abschnitt: Plötzlich habe ich viel mehr Zeit, bin hier, da ich nicht mehr reisen muss. Wir sehen uns jetzt viel öfter, teilen den Alltag. Das ist noch ungewohnt, aber schön. Längerfristig würde ich sicher gerne eine Familie gründen. Aber eins nach dem andern.

Was macht für Sie im Alltag einen wahren Helden aus?

Eine Ex-Freundin von mir ist ausgezogen, um in Afrika zu arbeiten. Sie hat gesagt, das mache sie glücklich. Weil sie im Kleinen etwas Grosses bewirken und zum Guten verändern könne: Leuten helfen, die Hilfe dringend nötig haben. Das ist für mich wahres Heldentum.

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