Über den Rand seines Bildschirms hinweg sieht Ulrich Blumenbach vom Kleinbasler Wettsteinquartier über den Rhein. Die sich verfärbenden Baumkronen rahmen mit dem St. Alban-Tor ein pittoreskes Zeugnis aus anderer Zeit. Aktuell hat der Übersetzer den Roman «Witz» in Arbeit – nach «Solo für Schneidermann» ist das der voluminöse zweite Roman von Joshua Cohen, den er aus dem amerikanischen Englisch ins Deutsche überträgt. Wo genau hält er sich denn auf beim Übersetzen eines immerhin 820-seitigen Werks? Ulrich Blumenbachs Antwort kommt schnell, ist kurz und bündig: «Dort!»

Der prägnant ausgesprochene Einsilber bezeichnet weder Laptop noch Blick aus dem Fenster. Er meint nicht weniger als das Land, in das ein Text seinen Interpreten mitnimmt. «Mit jedem Buch tauche ich in neue Welten ein.» Übersetzen setzt mentale Reisen in Gang, verzweigt sich in soziokulturelle Recherchen, mündet ins Wissen über religiöse Traditionen, führt in ferne Klimazonen und politische Systeme. Der Kosmos jedes Buchs spannt einen anderen Filter auf, schürt neue Interessen, nimmt vorübergehend Einfluss auf die persönliche Musik- oder Filmauswahl. Für «Witz» zählt unter anderem ein koscheres Kochbuch zur Pflichtlektüre. «Es geht um den Sachgehalt jedes Werks, den ich mir aneignen muss, um es adäquat übersetzen zu können.»

Home Office und Sprachrohr

Mancher Kollege, manche Kollegin haben mit dem Übersetzen den stillen Alleingang gewählt und arbeiten vorzugsweise im Hintergrund. Blumenbach hat auch die öffentliche Seite des Berufs kennen gelernt. «Nach dem Tod des US-amerikanischen Autors David Foster Wallace wurde ich im deutschen Sprachraum sozusagen zu seinem Stellvertreter. Man traute mir zu, halbwegs autoritativ über ‹Unendlicher Spass› zu sprechen». Das war nach 2008. Da waren Blumenbachs Kinder noch klein und die häufigen Reisen eine Irritation jener Home-Office-Tage, die am Rand der Denk- und Schreibarbeit den väterlichen Betreuungsanteil möglich machten. Heute sind Elena und Raphael 18 und 13 und bringen ihre eigene Jugendsprache in den deutsch-schweizerischen Haushalt ein.

Es war eine familiäre Entscheidung, nach Basel zu ziehen. Wobei der Wohnsitz am Rheinknie für den im niedersächsischen Lüneburg aufgewachsenen Übersetzer beruflich Kompromisse einschliesst. Wer übersetzt, muss versuchen, sprachlich am Puls der Zeit zu bleiben. «Das wäre in deutschen Grossstädten wie Frankfurt oder Berlin einfacher.» Kommt hinzu, dass das Honorar deutscher Verlage nicht Rücksicht nimmt auf die Lebenshaltungskosten in der Schweiz.

Die Auszeichnung mit dem Basler Kulturpreis ist für Ulrich Blumenbach darum einiges mehr als ein symbolisches Zeichen, in Basel angenommen und anerkannt zu sein. Das Preisgeld von CHF 20.000 erlaubt ihm, über mehrere Monate sorgenfrei zu arbeiten.

Die Liste seiner ins Deutsche übertragenen Bücher ist lang, eine Auftragslücke habe es glücklicherweise noch nie gegeben. Wie aber hat sich der Beruf des literarischen Übersetzers verändert?

Die Szene ist heute professionalisiert, es gibt mehr Aus- und Weiterbildungen, national und international finden Tagungen und Stammtische statt. Doch auch auf die tägliche Arbeit an der Sprache wirkt der heutige Literaturbetrieb ein. «Als ich zu übersetzen anfing, hat mir mein Anglistikstudium noch sehr genützt, weil ich viel Literatur kannte. Heute muss ich mich viel intensiver mit Populärkultur auseinandersetzen.» Für die Gegenwartsliteratur heisst das auch, dass der 52-Jährige gewisse Dinge gar nicht mehr selber übersetzen kann. «Ich werde schlichtweg zu alt und rezipiere die entsprechenden Kunstformen wie meinetwegen Mangas nicht.»

War eigene literarische Autorschaft je eine Perspektive? Die Frage begegnet ihm nicht zum ersten Mal. «Ich fürchte, ich bin nicht traumatisiert genug!» Er sagt das lachend und ernst zugleich. Mit aller Achtung vor den persönlichen und weltgeschichtlichen Tragödien, die Literatur denkbar und notwendig machen. «Ein Übersetzer ist ein Schriftsteller ohne Stoff. Er hat nur die Sprache.» Das sind Sätze eines Spracharbeiters, der im selbst gewählten Schatten der Weltliteratur nach dem Genialen sucht, ohne es für sich in Anspruch zu nehmen.

Basler Kulturpreis: Verleihung am Montag, 31. 10., um 18.15 Uhr im Basler Rathaus.