Von Herzen
Liebe, Geld und Lego: Das Basler Wunschbuch hält die unterschiedlichsten Träume fest

Noch bis zum 4. Januar liegt im Hof des Rathauses das Wunschbuch auf. Es füllt sich von Tag zu Tag mehr mit Anliegen aller Art.

Michel Massmünster und Iris Meier
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Was sie wohl gerade dem Wunschbuch anvertraut?

Was sie wohl gerade dem Wunschbuch anvertraut?

Nicole Nars-Zimmer

Da liegt es, das Wunschbuch, unter den Arkaden des Basler Rathauses. Schwerfällig und bedeutungsschwanger auf seinem Holzbett vor dem Gemälde «Herodes von Hyrcanus». Drei Jungs mit Pelzkragen, die eben noch den Weihnachtsbaum im Innenhof bestaunt haben, stellen sich vor das wuchtige Buch, blättern einige der grossen Seiten um und kritzeln hinein. Seit 1994 – und damit als erstes in der Schweiz – lädt das Basler Wunschbuch dazu ein, ihm seine Anliegen zu offenbaren.

Man möchte meinen, in einem Wunschbuch würde einfach drauflosgewünscht, aber nein. Touristen denken, es sei der Ort, um zu markieren, dass sie da waren: «Mädelswochendende: Simone, Susanne, Sabine». Andere nutzen die Gunst der Stunde, um ihrem «Schnüggel» eine Liebeserklärung zu machen, die gleichzeitig privat und öffentlich ist. Die ernsten Wünsche zur persönlichen Gesundheit erinnern an Fürbittbücher katholischer Kapellen. Daneben Skizzen von Körperteilen, die sonst eher auf Klotüren zu entdecken sind. Das Wunschbuch ist also Kirche, Klotür und Dorflinde zugleich.

Selten wenden sich die Wünsche an die Regierung, wie man es bei diesem Standort erwarten würde. Häufiger werden andere Repräsentanten der Macht, etwa Petrus («dass es schneit»), Mutter Natur, Santa Claus, Gott oder das Schicksal angesprochen. So vielseitig die Adressaten, so vielseitig die Wünsche. Und doch lassen sich Wunsch-Typen bestimmen.

Romantische Wünsche

Wünschen hat etwas Romantisches. Manchmal bleibt die begehrte Person abstrakt: «Ich wünsche mir, endlich meinen Traumengel zu finden.» Andere haben ihn bereits gefunden und wollen einfach mit «meiner lieben Marianne» zusammen bleiben.

Beim namenlosen «Lieb Dich» träumen sich wohl viele Lesende gerne in das adressierte «Dich». Auch grafisch gibt das romantische Wunschgenre einiges her: Das Buch ist voller gezeichneter Herzen in allen Grössen und Dicken.

Lebensplanungswünsche

Konkreter wird der Wunsch einer gemeinsamen Zukunft, wenn ein Umzug ansteht. «Dass es uns in der neuen Wohnung gefällt, dass wir wenig streiten und dass wir trotz Umzug noch ein paar Tage wegfahren können.»

«Please let me study in Switzerland», wünscht sich eine andere Person. Von wo mag sie kommen? Und welche Studienordnungen, Gesetze und Kontingente bestimmen, ob der Wunsch in Erfüllung geht?

Materielle Wünsche

Ob die Regierungsräte wohl auch heimlich einen Wunsch reinkritzeln, wenn sie nach ihren Sitzungen am schweren Buch vorbei gehen? Da steht auf jeden Fall «Polizeilego» und anderswo «eine Million».

Im grossen Ganzen stammen die materiellen Wünsche eher von den Kleinen. In Kinderschrift stehen sie da, all die Ponys und Starwars-Figuren. Kinder, die noch nicht schreiben können, halten ihre Hand aufs Wunschbuch und umranden sie mit einem Kugelschreiber. Die Kita-Leitenden schreiben die Wünsche dazu: «Eine Kuh zum spielen». Nicht weit davon steht: «Ich bin 24 und wünsche mir auch eine Kuh zum Spielen.»

Altruistische Wünsche

Den Kindern reinen Materialismus zu unterstellen, wäre allerdings weit daneben gegriffen. Anouk (9) wünscht, dass niemand frieren und niemand hungern soll. Weitere altruistische Wünsche ergänzen den kleinen Kosmos des privaten Liebesglücks zwischen den «Honignüssli und Pupslis» (sic!). Ein Paar aus dem Libanon wünscht den Schweizern das Beste: «We carry from our country Lebanon to yours the deepest regards». Viele italienische und spanische Texte wünschen für den andern, nicht für sich selbst.

Existenzielle Wünsche

Hin und wieder schwindet die Leichtigkeit, mit der man durch das Wunschbuch blättert, wenn die existenziellen Wünsche vor einem liegen. Sie beschreiben Situationen, in denen wenig anderes mehr hilft als wünschen. Dass die Schwester gesund wird. Dass der Sohn wieder mit einem spricht.

Wenn man diese Wünsche liest, wäre man gerne ein Geist in einer Wunderlampe aus Tausendundeinernacht. Aber da sind wir: im 21. Jahrhundert, im Basler Rathaus. Und blättern weiter. Die Nähe zur realistischen Erfüllung und der Imperativ des nächsten Wunsches verschafft Erleichterung: «Der FCB muss Meister werden!!!»

Politische Wünsche

Wünsche nach einem besseren Leben und mehr Gerechtigkeit rufen die Möglichkeit einer anderen Zukunft der ganzen Gesellschaft an und sind damit auch politisch. Es waren wohl kaum die drei Jungs mit dem Fuchspelz an der Kapuze, die Folgendes verfasst haben: «Ich wünsche mir, dass keine Tiere mehr für Pelz gequält werden!» Andere geraten in ihren politischen Statements gar ins Reimen: «I wünsch mir vo früh bis spoht, dass d’ Sommaruga z Bern bald goht!»

Weniger nach Reimen zumute ist es wohl der Person, die folgenden Eintrag verfasst hat: «Mein grösster Wunsch ist, dass meine Familie die Aufenthaltsbewilligung bekommt und wir alle glücklich hier leben.»

Wen interessierts?

Da liegt es, das Wunschbuch. Die Lage im Hof des Rathauses wirft die Frage auf, ob es Einfluss auf die Politik hat. Vielleicht war aber gar nicht die Nähe zur Macht entscheidend, als man es von seinem ehemaligen Standort am Barfi ins Rathaus verlegte, sondern die Nähe zum Staatsarchiv: «Leider werden die Einträge in den Basler Wunschbüchern nur archiviert, ohne genauer gelesen oder/und analysiert zu werden. Was macht dies für einen Sinn?», schreibt eine Frau.

Man könnte sich fragen, ob die Möglichkeit des Wünschens der Bevölkerung schon ein Gefühl von Zufriedenheit geben soll, ohne Veränderungen notwendig zu machen.

Lesen im Vorbeigehen

Ist das Basler Wunschbuch bloss Futter für den Reisswolf und Opium fürs Volk oder Appell an die Regierung und Ort der öffentlichen Debatte? Regierungssprecher Marco Greiner sagt dazu: «Mitglieder des Regierungsrates und des Grossen Rates verweilen manchmal beim Wunschbuch, blättern darin und lesen einzelne Einträge. Sie vermitteln auch ein Stimmungsbild der Bevölkerung. Die Wünsche sind sehr unterschiedlich. Viele beziehen sich nicht auf Dinge, die sich im konkreten Einflussbereich der hiesigen Politik befinden.»
Wir wünschen Ihnen, liebe Lesende, ganz nach ihren Vorlieben: Ewigi Liebi, und/oder Starwars-Lego! Und eine frohe Weihnachtszeit!

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