Kunstmuseum Basel

Lichtgestalten: Ein prächtiger Scherbenhaufen

Das Kunstmuseum Basel zeigt Glasmalerei aus altmeisterlicher Hand – und betreibt damit auch gleich noch Mentalitätsgeschichte.

Buntes Glas in guten Stuben und behäbigen Wirtshäusern: Die Schweizer Wappenscheibe strahlt nicht nur Biederkeit, sondern auch Traditionsbewusstsein aus, das bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Man könne sich schon fragen, warum die Glasmalerei in der hiesigen Kulturgeschichte eine so prominente Rolle einnehme, sinnierte Kunstmuseumsdirektor Josef Helfenstein bei der Präsentation der neuen Ausstellung «Lichtgestalten». «Vielleicht gehören die Scheiben ja irgendwie zur föderalistischen DNA der Schweiz», so der Direktor.

Ariane Mensger, Kuratorin am Kupferstichkabinett, führte diesen Gedanken weiter aus und bezeichnete die Glasgemälde als eine Art von Währung, mittels der sich die Alte Eidgenossenschaft ihres Zugehörigkeitsgefühls versicherte. Als etwa Basel dem Bündnis 1501 beitrat, wurden für das neu hergerichtete Rathaus die Wappenscheiben der 13 Stände angefordert und im heutigen Regierungsratssaal eingesetzt, wo sie noch immer zu besichtigen sind. «Eine Ausnahme», betont Mensger.

Leuchtreklame aus dem Mittelalter

Diese Sitte der gegenseitigen Scheibenschenkung wurde erst durch das Erstarken politischer Institutionen und bürgerlicher Kreise möglich. Das grosse und kostspielige Glasfenster löste sich aus dem kirchlichen Zusammenhang und wanderte nach der Reformation ganz in den profanen Gebrauchskontext ab.

Mensger zitiert in diesem Zusammenhang den Mittelalterexperten Valentin Groebner, der die Glasgemälde der Renaissance und des Barocks als «Leuchtreklame» bezeichnete. Tatsächlich sind die Scheiben oft ähnlich angelegt, auf maximale Wirkung sozusagen. Dazu gehören der architektonische Zierrat und die Landschaften, die den Blick der Betrachter mit zunehmender Raffinesse in die Bildtiefe ziehen. Ebenso wichtig sind die Wappen der Schenkenden oder der Beschenkten, flankiert von Schildbegleitern, die auch einmal als leicht bekleidete und «körperlich ausdefinierte Damen» auftreten dürfen, wie sich Mensger ausdrückt: mittelalterliche Pin-ups also.

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Zwanzig Glasgemälde hängen in der Ausstellung neben 60 sogenannten Scheibenrissen aus dem Kupferstichkabinett, die als Vorstudien dienten. Dabei handelt es sich um nicht vollständig ausgeführte Zeichnungen, die nur als «Arbeitsmaterial» verwendet und je nach Bedarf angepasst wurden. Dafür aber leuchten die Namen der Schöpfer umso heller, wie der Untertitel zur Ausstellung ankündet: «Zeichnungen und Glasgemälde von Holbein bis Ringler».

An den Entwürfen beteiligt waren also keinesfalls nur anonyme Glasmaler, sondern Meister wie Urs Graf, Niklaus Manuel, Hans Holbein der Jüngere oder der niederländische Glasmaler und Wiedertäufer David Joris, dem in Basel der Ketzerprozess gemacht wurde. In einigen Fällen sind sowohl der Scheibenriss als auch das Glasbild erhalten und laden zum direkten Vergleich ein – Mensger spricht vom «Sechser im Lotto».

Ein gutes Jahrhundert dauerte die Glanzzeit der Schweizer Wappenscheiben, die Stück für Stück aus einzelnen «Scherben» zusammengesetzt wurden. Zuletzt waren sie auch in den Bauernstuben und Handwerksstätten angekommen. Und so passen sie eben doch zum Selbstverständnis der Schweiz: Stückwerk zwar, aber was für eine Vielfalt!

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