Leitartikel
Warum der Journalismus immer ein Filter sein muss

Die Menschheit optimiert sich bis zum Gehtnichtmehr. Gleichzeitig sondert sie täglich ungefiltert Meinungen und «Wahrheiten» ab. Wie geht das zusammen?

Patrick Marcolli
Patrick Marcolli
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Wo Rauch ist, muss heutzutage nicht immer Feuer sein.

Wo Rauch ist, muss heutzutage nicht immer Feuer sein.

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Ältere Semester mögen sich erinnern: Die TV-Musiksendung «Ohne Filter» und «Ohne Filter extra» versprach ab den Achtzigerjahren Sounds in ihrer direktesten, also authentischsten Form. Konzerte pur, «unplugged», lange bevor dieser Begriff für Furore sorgte. Filter jeglicher Art, auch beim Rauchen, waren damals reserviert für Warmduscherinnen und Warmduscher.

Die Kehrseite der Social Media ist eine Klimaerwärmung im virtuellen Raum

So gesehen haben sich die Zeiten nicht geändert. Filterlos ist, mal vom Rauchen abgesehen, absolut en vogue. Möglich machen es vor allem das Internet und die «sozialen» Medien. Jede und jeder kann und darf sich kurz und spontan äussern und seiner Sicht auf die Dinge Ausdruck verleihen. Das ist grundsätzlich nicht falsch und die Apologeten dieser neuen Zeit weisen mit einigem Recht darauf hin, dass dadurch eine globale Basisdemokratisierung eingesetzt hat.

Die Kehrseite davon ist aber eine Art von Klimaerwärmung im virtuellen Raum. Auch an der Basler Politik lässt sich dies ablesen. So nahm beispielsweise kürzlich eine Meldung schwindelerregende Fahrt auf, dass Regierungspräsident Beat Jans den Hafen sperren wolle. Früher spielten Kinder «Stille Post», heute betätigt sich ein Haufen Erwachsener, die sich zu Influencern geadelt sehen, als Verbreiter solcher News. Unter ihnen sind nicht nur Politikerinnen und Politiker oder Kulturschaffende oder Wirtschaftslobbyisten, sondern immer wieder auch Journalistinnen und Journalisten (der Schreibende nimmt sich im Fall der Hafensperrung als Mitauslöser der Newslawine selbst an der Nase).

Die Medien laufen Gefahr, sich selbst zum Durchlauferhitzer zu machen

Das wirft die wichtige Frage auf, wie die traditionellen Medien mit ihren professionellen Newsverbreitern, den Journalistinnen und Journalisten, in diesem erhitzten virtuellen Klima agieren. Redaktorinnen und Redaktoren sind wache Menschen mit einem besonders guten Gespür dafür, was rund um sie herum läuft. Im Gegensatz zu früher aber, da dieser Berufsstand persönliche Kontakte vom Stammtisch bis in hohe politische Sphären pflegte, prasseln auf ihn quasi im Minutentakt (Wort-)Meldungen ein. Die Gefahr, sich selbst zu einem Durchlauferhitzer zu reduzieren und dadurch zum Bewirtschafter einer allgemeinen oder vor allem gruppenspezifischen Empörung zu werden, ist deutlich grösser geworden, die Anforderungen an unseren Berufsstand deutlich höher.

Beispiele aus dem journalistischen Alltag gefällig? Was tun wir, wenn sich eine neue virtuelle Gruppe darüber aufregt, dass ein dunkelhäutiger Mensch in einem Basler Ladengeschäft seiner Ansicht nach diskriminiert wurde? Schreiben wir das Porträt einer Frau, die sich weigert, eine Maske zu tragen im Wissen, dass dies zu Abo-Abbestellungen führt und uns vorgeworfen wird, einer angeblichen Coronaleugnerin Raum zu geben? Verzichten wir in einem Titel in der Zeitung auf die weibliche Form und nehmen dabei in Kauf, dass sich in den Social Media ein kleiner Shitstorm über dem Autor oder der Autorin zusammenbraut? Dürfen und sollen wir Begriffe, die grad auf einer imaginären roten Liste stehen, nicht verwenden, selbst wenn wir sie kritisch hinterfragen? Wie gehen wir damit um, dass gerade in Basel immer mehr, aber auch immer diversere Gruppierungen ihre Meinungen auf Demonstrationen kundtun?

Die ungefilterte Meinungsäusserung steht im Kontrast zu unserer Optimierungswut

Und haben wir den Mut, in heikle Bereiche vorzustossen und jemandem, der sich in einschlägigen, zum Beispiel fremdenfeindlichen Foren mit den entsprechenden semantischen Codes äussert, eine spezifische Gesinnung zu attestieren – im Wissen darum, dass dies ebenso zu einem Shitstorm aus jener Ecke und rasch zu juristischen Interventionen führen kann? Die Antwort auf all diese Fragen kann nur darin liegen, dass wir nie «ohne Filter» arbeiten dürfen, nie ohne Reflexion, ohne offene Diskussion.

Der Drang zur ungefilterten Meinungsäusserung steht in einem eigentümlichen Kontrast zur Optimierungswut unserer Gesellschaft (wir rauchen aus gesundheitlichen Gründen nur noch mit Filter!). Alles will und muss wohlbedacht und diskriminierungsfrei sein. Und doch reagiert auch die identitäre Linke mit denselben kruden Mitteln und derselben Verbissenheit auf vermeintliche Verstösse gegen ihren Kodex, welche der Gegenseite vorgeworfen werden. Sie sieht in ihrem Eifer und ihrer Geschichtsvergessenheit (die sie als Geschichtsbewusstsein bezeichnet) nicht, dass ihr die reaktionären Kräfte auf den Fersen sind, sie bald eingeholt und gestoppt haben werden. Die Folgen werden schlimm sein.

Vieles davon haben wir den Social Media zu verdanken. Nebst allen positiven Aspekten einer erleichterten und sozial gesehen barrierefreien Kommunikation befördern sie Scheindebatten, ihre User verbreiten auch viel Schwachsinn. Die Zersplitterung dessen, was wir als Wirklichkeit empfinden, schreitet fort und produziert einen Sturm im Wasserglas nach dem anderen.

Ein kleines, aber feines Beispiel dafür ist die oben erwähnte Sperrung der Uferstrasse im Rheinhafen: Nach viel sozialmedialem Gedöns und sogar einem kollegialen Rüffel an die Adresse des Regierungspräsidenten durch Polizeidirektorin Stephanie Eymann lief noch am selben Abend die offizielle Verlautbarung durch den Ticker. Sie entsprach im Wesentlichen der Erstmeldung vom Vormittag.

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