«Oh, ich liebe japanische Kunst!» Die ältere Dame steht vor der kleinen Hebebühne, auf der ein Mann gerade damit beschäftigt ist, das erste E von LEIKO IKEMURA mit einem glänzenden Belag zu überziehen. Sie schaut aufgeregt nach ihrer Freundin. «Diese Ausstellung müssen wir unbedingt besuchen», sagt sie, als diese hergelaufen kommt. Ihre Augen glänzen. «Die Japaner haben wundervolle Techniken, ganz anders, als was wir uns hier gewohnt sind.»

Es tut uns leid, das jetzt schon so sagen zu müssen, aber: Der Besuch dieser Frau wird leider etwas anders, als sie sich vorgestellt hat. Leiko Ikemura ist geborene Japanerin – damit hat es sich aber auch schon mit der Zuschreibung. Ikemuras Kunst ist in keinster Weise besonders «japanisch», hat also null Exotisier-Potenzial. Einzig mit dem «ganz anders, als wir es gewohnt sind», wird die Dame recht behalten.

Leiko Ikemura ist 1951 in der japanischen Präfektur Mie geboren. Sie studiert zunächst spanische Literatur an der Uni von Osaka und wechselt mit Anfang 20 nach Spanien, wo sie in Sevilla an der Kunsthochschule das Fach Malerei belegt. Von 1979 bis 1983 lebt sie in der Schweiz, erst in Luzern, dann in Zürich.

Nicht in ihrer Herkunft, sondern in der europäischen Kunstgeschichte findet sie Inspiration. Bei Arnold Böcklin, Konrad Witz. Die Zuschreibung «japanische Künstlerin» empfindet sie als Reduktion, und das ist sie auch: Ikemura schafft keine «japanische» Kunst, genauso wenig wie ihr das Label «europäisch» gerecht wird. Vorschnelle Kategorisierungen wie diese sind höchstens Ausdruck einer Hilflosigkeit, die sich bemerkbar macht, sobald man sich ihrem Werk stellt. Wie soll man diese Schluchten nennen, die sich da vor einem auftun?

Verbindungen statt Chronologie

Schluchten sind es in der Tat, und Leiko Ikemura macht es uns auch in Basel nicht leicht. Die Ausstellung folgt lose ihrer künstlerischen Entwicklung – angefangen bei den kämpferischen Zeichnungen jener Achtzigerjahre in Zürich bis hin zu jüngsten Werken wie die vier Kriegerinnen, die mit Schwertern in der Hand und zu Schlitzen verengten Augen aus den Monotypien gegenüber des Eingangs blicken.

Nach drei Jahren in Zürich wird Ikemura nach Nürnberg als Stadtzeichnerin berufen, dort entstehen erste Skulpturen. Darauf die ersten Einzelausstellungen und 1987 eine Ausstellung in Basel, im heutigen Kunstmuseum Basel | Gegenwart. Stationen, die sich eigentlich gut linear erzählen lassen würden. Doch der Lauf der Ausstellung folgt natürlichen, nicht chronologischen Gesetzen: Er hangelt sich nicht von Jahr zu Jahr, sondern entlang von Verbindungen. Frühe Werke hängen gegenüber ihren zehn Jahre älteren Entsprechungen. Sie ergänzen sich, als gehörten sie in dieselbe Zeit.

Eine Figur mit drei Fangarmen von 1996 steht einer Armee aus kleinen, hybriden Fabelwesen aus Terrakotta gegenüber, die Ikemura Anfang der Neunziger zu modellieren begann. Die Figur steckt ihre Ärmchen in Mund- und Augenhöhlen, während die Wesen schweigend zuschauen. Hinter der Wand in ihrem Rücken hängt eine Gruppe von «Schattenmädchen» – berockte Frauen-Silhouetten aus rotbrauner Farbe und Wasser, das an den unteren Bildrand gelaufen ist, als hätte Ikemura sie stehen und hinunterfliessen lassen. Sie hängen neben fliegenden Mädchenfiguren auf dunkel eingefärbten Leinwänden – auch sie seltsam ephemer, ohne Beine, ohne Gesichtszüge.

«Ich gehöre nirgendwo hin»

Wer hier einen geschlechterkritischen Bezug sehen will, wird nicht lange suchen müssen. Wenn man sie so verstehen will, erzählen Ikemuras Werke von Frauen ohne Stimmen, vom Ringen mit sich selbst, seinem Körper, der Projektionsfläche, die man als Frau unweigerlich abgibt. Doch Ikemura belässt es nicht beim Kommentieren des weiblichen Körpers. Sie fühlt sich hinein, im wahrsten Sinne des Wortes. «Ich versuche, schneller zu sein als mein Denken», sagte sie einmal in einem Interview. Wer ihre Bilder betrachtet, schaut in die Gedanken einer Frau, noch bevor sie durch die Mühle der Vernunft getrieben wurden. In eine weibliche Seele, man will fast sagen: die kollektive, urweibliche Seele.

Ikemura malt keine Abbilder, keine Darstellungen. Ihre Kunst entspringt keinem Kanon, folgt keinem Diktum. Ihr Thema ist das menschliche Urgewebe: Was hält uns zusammen, verbindet uns über Körper, Kontinente, Generationen hinweg? Damit erklärt sich auch die Nebenrolle, die Kategorien wie Herkunft, Zeit und Geschlecht in der Ausstellung spielen. Sie verblassen vor Ikemuras Bestreben, Menschlichkeit abzubilden. Genau so, denkt man nach dem Besuch, muss diese Künstlerin gezeigt werden.

Nach Stationen in Köln und Berlin ist Ikemura heute Professorin an der Joshibi-Universität für Kunst und Design in der Präfektur Kanagawa. Vor kurzem ist ihre Autobiographie erschienen. Sie heisst: «Ich gehöre nirgendwo hin».

   

Leiko Ikemura Nach neuen Meeren. Bis 1. September, Kunstmuseum Basel, Neubau.