Basel
Kurden stehen mit dreitägigem Hungerstreik gegen Erdogan ein

Mit einem dreitägigen Hungerstreik protestieren rund 20 Kurden auf dem Basler Claraplatz gegen die Gewalt im Südosten der Türkei. Ihre dort lebenden Angehörigen leiden unter dem türkischen Militäreinsatz.

Annika Bangerter
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Rund 20 Kurden sind von Freitag bis Sonntag in den Hungerstreik getreten. Sie demonstrieren auf dem Basler Claraplatz.

Rund 20 Kurden sind von Freitag bis Sonntag in den Hungerstreik getreten. Sie demonstrieren auf dem Basler Claraplatz.

Nicole Nars-Zimmer niz

In roten Buchstaben prangt «Hungerstreik» auf der Brust. Rund 20 Kurden tragen eine solche weisse Weste; darauf aufgedruckt sind ein Bild der unteren Gesichtshälfte des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und der Satz «Ihr kennt den Mörder unserer Kinder». Die Wut und Ohnmacht schlägt den Passanten in der Symbolik entgegen. Die Stimmung unter den Streikenden am Basler Claraplatz hingegen ist friedlich und ruhig.

In Decken gewickelt sitzen sie auf Bänken, spazieren auf und ab. Sie demonstrieren gegen den türkischen Militäreinsatz im Südosten des Landes. Dort toben seit einem halben Jahr erbitterte Kämpfe zwischen türkischen Sicherheitskräften und kurdischen Aufständischen. Rund 200 000 Menschen sind inzwischen auf der Flucht.

Kein Kontakt möglich

Zübeyde sitzt mit einer Freundin im blauen Baldachin-Zelt. Sie ist aus Oberentfelden AG angereist, um von Freitag bis Sonntag in den Hungerstreik zu treten. Sie will damit auf das Leiden der kurdischen Zivilbevölkerung aufmerksam machen. «Die Ausgangssperre der Regierung verbietet, dass die Menschen ihre Häuser verlassen können. Ihre Vorräte sind aufgebraucht, sie hungern», sagt Zübeyde. Auch ihr Bruder und ihre Schwester leben in den belagerten Städten und sind von der Aussenwelt abgeschnitten. Seit sechs Wochen hat Zübeyde nichts mehr von ihnen gehört: Die Telefonverbindung ist tot.

Während sie erzählt, dröhnen draussen Sprechgesänge über den Platz. «Die türkische Armee muss raus aus Kurdistan» oder «Der Terror heisst Erdogan» – so übersetzt Ali. Er ist im Organisationsteam von Dem-Kurd, das den Hungerstreik koordiniert. Dem Aufruf folgten um die 20 Kurden aus der ganzen Nordwestschweiz. Tagsüber stehen sie am Claraplatz, nachts schlafen sie in einem Vereinslokal in der Nähe. Auch Lava aus Reinach hat dort übernachtet. Sie ist vor fünf Jahren aus der kurdischen Region im nördlichen Syrien geflohen. Jetzt demonstriert auch sie gegen das System Erdogans. «Er kämpft gegen alle Kurden. Deshalb stehen wir gemeinsam gegen ihn ein», sagt Lava.

Für sie ist es der erste Hungerstreik. Sie friere ein wenig, will aber nicht weiter über ihr Befinden sprechen. Ihr Hungerstreik soll die hiesige Bevölkerung aufrütteln. «Die Welt hat zugesehen, wie die Kurden in Kobane und im Sindschar-Gebiet alleine gegen die Terrormiliz IS gekämpft hat. In der Türkei werden seit Wochen Zivilisten getötet. Nun muss die internationale Gemeinschaft endlich handeln», sagt Lava.

Für die Demonstranten auf dem Claraplatz hat der Terror einen Namen: Erdogan. Doch was ist mit der PKK? Was mit der kurdischen Jugendorganisation YDG-H, die gemäss verschiedenen Beobachtern auch Sprengsätze detonieren lässt und Schussattentate auf Polizisten und Soldaten verübt? Das sei in erster Linie Selbstverteidigung, sagen die Streikenden.

Politiker zu Besuch

Am Samstagnachmittag schaute auch SP-Grossrat Mustafa Atici auf dem Claraplatz vorbei. Er verfolgt die Innenpolitik der Türkei seit Jahren. Die Gewalt habe jüngst eine neue Dimension erreicht, sagt der Politiker mit kurdischen Wurzeln. «Mit all den getöteten Zivilisten ist der Konflikt so schlimm wie nie zuvor.» Die Bevölkerung in der Türkei werde gegeneinander aufgehetzt, der Graben zwischen Türken und Kurden vertiefe sich.

«Diese Entwicklung ist gefährlich. Auf beiden Seiten finden Radikalisierungen statt, insbesondere bei den Jugendlichen. Das schadet dem gesellschaftlichen Zusammenleben langfristig», sagt Atici. Er fordert, dass sich auch die Kurden von jeglicher Gewalt distanzieren und er fügt an: «Wenn aber so viele Zivilisten getötet werden wie jetzt, habe ich auch keine Antwort mehr auf die Geschehnisse.»

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