Eins vorweg: Ich habe sie verurteilt. Ich fand sie gehaltlos, oberflächlich, generisch. Eine Schlagerpuppe, so glatt, dass man an ihr abrutscht. Helene Fischer, Teflon für Anspruchsvolle!
Dachte ich. Ohne je an einem ihrer Konzerte gewesen zu sein. Und dann wurde ich hingeschickt. Und alles kam anders.

Der Abend beginnt mit einem T-Shirt. «Ultras Helene» steht da in fetten Buchstaben, neonpink auf schwarz und darüber ein kleines Krönchen. Es sitzt am sorgfältig trainierten Körper seines Trägers, ein Mann um die Dreissig, der sich gerade ein Dosenbier vom Stand geholt hat. «Soll ich dir sagen, was die Frau so verdammt gut macht? Sie ist einfach geil!» - «Sehr, sehr geil», sagt sein Freund, auch muskulös, auch mit T-Shirt. «Wie in dieser Aldi-Werbung!» Sie prosten sich zu. «Oder wars Lidl?»

Die beiden sind von einer süddeutschen Kleinstadt hergereist, die T-Shirts haben sie auf Amazon gekauft. Sie kennen jedes Lied von Helene Fischer auswendig. Und nein, ihre Freundinnen sind heute nicht dabei. Wieso auch? Das ist ein Bro-Date. Sagens und machen sich auf den Weg zu ihren Sitzplätzen.

Harte Arbeit, grandioses Konzept

Helene Fischer ist ein beinhart kalkuliertes Phänomen. Innert zehn Jahren hat sich die Russlanddeutsche vom säuselnden Schlagersternchen zur Göttin des Schlagerolymps entwickelt. Früchte harter Arbeit, sagen Fans. Früchte eines grandiosen Konzepts, sagen Marketingexperten. Beides ist richtig: Helene Fischer hat sich ihre eigene Nische geschaffen und in der ist sie unerreichbar. Stadion statt Musikantenstadl, Hotpants statt Dirndl, Beats statt Keyboard.

Das gefällt den Menschen, auch in Basel. Das St. Jakob-Stadion ist zwar nicht ausverkauft, aber gut gefüllt mit glücklichen Fans: eine Woge von pastellfarbenen Blusen, kurzärmligen Karohemden und kleinen Strickjäckchen, leger über die Schultern gelegt. «Bünzlitum aus allen Poren», raunt meine Begleitung über ihren Aperol Spritz hinweg, der grellorange Katalysator des Abends. Auch sie ist eher unfreiwillig hier.

Die Blase, in der wir uns bewegen, ist meilenweit entfernt, hinten in der Stadt, in den selbstgerechten Hipsterhöhlen des Kleinbasels, wo man sicher sein kann, kaum je einen Helene Fischer Fan anzutreffen. Und wenn, dann ironisch. Man pflanzt Geranien, man trägt Tennissocken, man hört Helene Fischer. Man stellt seine Abscheu zur Schau, wie eine Trophäe.
Das Publikum hier macht es genau umgekehrt. Wo man hinblickt ironiefreie, glückliche Gesichter. Und dann Riesengeschrei. «Da ist sie!»

Herz statt Politik

Auftritt Helene Fischer: Denim Hotpants über Denim-Overknee-Stiefeln. Dazu Strasstop mit bunter Fransenschärpe. Feuerbälle, Konfetti, Glitzer. Lärm. «Heute Abend gehör ich nur euch!» Dann sprühen regenbogenfarbige Rauchfontänen aus dem Bühnendach. Passend zum momentanen Gay Pride Month. Damit hat es sich dann aber auch schon mit Statement. Es geht um Schlager und Schlager muss das Herz beben lassen, nicht das politische Gewissen. Helene Fischer liefert auch gleich den passenden Soundtrack dazu: «Herzbeben, lass uns leben, wir wollen was erleben (...) Muss tanzen, immer weiter, ich vergesse den Verstand.»

Ausschnitt des Konzerts in Basel.

Während vor mir eine blonde Kleinfamilie frenetisch klatscht (Mutter), filmt (Vater) und auf Instagram rumhängt (Sohn), versuche ich, nachzudenken. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die sich einbildet, Musik müsse gehaltvoll sein. Damit meine ich Texte wie «I was carried to Ohio in a swarm of bees / I’ll never marry but Ohio don’t remember me.» Was das bedeutet? Keine Ahnung. Aber ich hab viel darüber nachgedacht.

Es muss nicht immer Hirntraining sein, manchmal tuns auch ein paar wummernde Bässe in einem Keller. Die sind inhaltlich mindestens so anspruchslos wie die Schlagerparty hier, werden von mir aber trotzdem als wertvoller eingestuft. Wieso eigentlich? Und ist der Unterschied denn wirklich so gross? Die Menschen hier sehen gar nicht so anders aus als jene um 3 Uhr morgens an der Technoparty. Glückselig, zusammen.

Hut ab vor der Superlative

Helene Fischer hat sich mittlerweile umgezogen, sie trägt jetzt Glitzerbody und Krone. Wenn Schlager einen Messias bräuchte, sie wäre ihn. Die Beyoncé aus Rheinland-Pfalz. Sie ruft: «Ich hoffe von Herzen, dass ihr diesen Abend spürt, dass ihr ihn riecht und vor allem fühlt - in eurem Herzen!» Die Frau vor uns greift sich ans Herz. Wirklich: ans Herz.

Und da geschieht es. Wer nicht dabei war, wird es nicht verstehen, so leer klingen diese Sätze ohne das Spektakel drum herum. Aber in diesem Moment ist alles aufrichtig, diese glitzernde Sängerin, diese pastellfarbene Menge. Und wir, die Snobs, sind bekehrt. Nicht voyeuristisch bekehrt, wie man das vielleicht bei jungen Nacktmullen ist, wenn man merkt, dass die ja in Wahrheit ganz herzig anzuschauen sind, nein: wahrhaftig bekehrt.

«Ich kann diese Frau nicht hassen», sagt meine Begleitung und meint damit nicht nur Helene Fischer, sondern auch alles, was sie definiert. Dieser Abend ist darauf ausgerichtet, uns zu berühren, es ist unmöglich, sich ihm zu entziehen. Darin liegt sein Wert: Das hier ist eine eindrückliche, aufwendige Show mit einer Frau, die sich richtig ins Zeug legt und Fans, die sie dafür lieben. So eine Superlativenjagd ist nicht jedermanns Sache, aber wer Musik macht und damit Stadien füllt, hat einen näheren Blick verdient - auch von Menschen, die sich nicht mit dieser Musik identifizieren.

Als sich Helene Fischer nach zweieinhalb Stunden sichtlich erschöpft verabschiedet («Unsere Herzen sind verbunden!»), schieben wir uns in Richtung Ausgang. Draussen steht an einem der Bratwurststände eine Frau, deren T-Shirt es auf den Punkt bringt. Da steht mit silbernen Strasssteinen auf weissem Stoff: «This is real».