Am 20. April 1962 zierte Karl Barths Konterfei das Cover des weltweit renommierten «Time Magazine». Anlässlich seines ersten US-Besuchs wurde er in einer fünfseitigen Titelstory porträtiert. Unter den US-amerikanischen Protestanten, so das Magazin, habe seine Ankunft für ein solches Aufsehen gesorgt, als wäre der Papst bei einer Versammlung der Jesuiten aufgetaucht.

Das Coverfoto zeigt Barth mit strengem, ja mürrischem Blick – eine Erscheinung, die dem Hollywood-Klischee eines deutschen Professors entspreche, wie das «Time Magazine» meinte («Barth looks like a Hollywood type-cast of a German professor»).

Andere internationale Zeitungen bildeten den Theologen aus Basel mit einem gelösten Lächeln an der Seite seines legendären Kollegen und Bürgerrechtlers Martin Luther King ab. Es war eine Beziehung, die, trotz unterschiedlicher Auffassungen in der Theorie, von gegenseitigem Wohlwollen geprägt war.

Damals, in den 1950er- und 1960er-Jahren, erlebte der in Basel lehrende und oft im Gefängnis predigende Barth den Höhepunkt seiner Popularität. Auch der «Spiegel» widmete ihm im Dezember 1959 als «Gottes fröhlicher Partisan» eine Titelstory, und Radio SRF bezeichnete ihn in einem Beitrag zum 50. Todesjahr im Dezember 2018 als «Popstar der Theologie».

Heute ist der Name Karl Barth ausserhalb von Fachkreisen nicht mehr so geläufig wie damals. Würde man auf dem gleichnamigen Platz im Basler Gellert-Quartier, wo Barth zur Welt kam und lange Jahre lebte, nach dem Namensgeber fragen, stiesse man wohl auf viele Fragezeichen.

Mozart und die grosse Liebe

Ganz anders an der Bruderholzallee 26, wo Karl Barth von 1955 bis zu seinem Tod 1968 in einem typischen Einfamilien-Reihenhaus wohnte. Dort ist seit 1971 das Karl Barth-Archiv untergebracht, das im Jahr 2015 mit der Gründung des Karl Barth-Zentrums für reformierte Theologie offizieller Bestandteil der Theologischen Fakultät der Universität Basel wurde. Der Bau hat noch immer den Charakter eines Wohnhauses. Ist es ja auch noch, denn der Theologe und Historiker Peter Zocher, Archivleiter und Herausgeber der Karl Barth-Gesamtausgabe, lebt im Haus, in dem nicht nur Forscher, sondern jährlich auch bis zu 250 Besucher aus aller Welt verkehren.

Die von Porträts bekannter Theologen gesäumte Treppe führt zu Barths ehemaligen Arbeitszimmern. Zocher weist als erstes auf ein Mozart-Porträt hin, das über dem Durchgang vom einen ins andere Zimmer hängt. «Von Mozart gibt es hier mehr Porträts als von jedem Theologen», sagt er. Tatsächlich verstand Barth seine über alles geliebte Musik Mozarts als «Gleichnis des Himmels». 1955 schrieb er in einem Aufsatz in der NZZ, «dass ich, wenn ich je in den Himmel kommen sollte, mich dort zunächst nach Mozart und dann erst nach Augustin und Thomas (von Aquin), nach Luther, Calvin und Schleiermacher erkundigen würde».

In den die Wände säumenden Bücherregalen finden sich wohl hundert Werke über den Komponisten. Und natürlich auch die eigenen Werke, die eine Bibliothek füllen könnten: Alleine seine «Kirchliche Dogmatik» enthält über 9000 grosse Seiten. Bei Barths Gesamtausgabe ist Zocher mittlerweile bei Band 54 angelangt – «und es werden sicher noch 20 weitere erscheinen», sagt der Herausgeber.

Dazu kommen 13'000 bis 14'000 Briefe, die der Vielschreiber hinterlassen hat. Neben Korrespondenzen mit Theologen der Zeit finden sich auch berührende Liebesbriefe darunter. Sie richteten sich aber nicht etwa an seine Ehefrau Nelly Barth, mit der er an der Bruderholzallee lebte, sondern an die 13 Jahre jüngere Deutsche Charlotte von Kirschbaum, mit der er ab 1926 nicht nur in einer produktiven Arbeitsgemeinschaft, sondern in grosser Liebe verbunden war. Und die pikanterweise unter dem selben Dach lebte.

Genosse Pfarrer

Das entspricht nicht gerade dem Idealbild eines frommen Theologen. Aber auch sonst wird man Barth mit dem Attribut «fromm» nicht wirklich gerecht. Er war nicht nur ein Ausnahme-Gelehrter – «er nahm zu nahezu allen theologischen Fragen Stellung, stellte sie in zentralen Punkten in Frage und formulierte damit in seinen Schriften die Theologie im 20. Jahrhundert neu», sagt Zocher. Er war auch abseits oder an den Rändern seines theologischen oder seelsorgerischen Wirkens stets eine schillernde Figur.

Das begann bereits 1911, als er nach seinem Studium in Bern, Berlin, Tübingen und Marburg und einem Job als Hilfspfarrer in Genf, als Pfarrer in die aargauische Industriegemeinde Safenwil kam. Dort traf er auf eine Gemeinde mit Arbeitern, die für wenig Lohn sechs Tage in der Woche in den Fabriken oder in Heimarbeit schuften mussten.

Diese Begegnung «mit der wirklichen Problematik des wirklichen Lebens» weckte in ihm die Leidenschaft für sein sozialistisches politisches Engagement (er trat später der Sozialdemokratischen Partei bei). «Dies hatte zur Folge, dass (…) mein eigentliches Studium sich auf Fabrikgesetzgebung, Versicherungswesen, Gewerkschaftskunde und dergl. richtete und mein Gemüt durch heftige, durch meine Stellungnahme auf Seiten der Arbeiter ausgelöste, lokale und kantonale Kämpfe in Anspruch genommen war», notierte er.

1919 begründete Barth mit seinem ersten Kommentar zum Römerbrief von Paulus seine Laufbahn als theologischer Revolutionär. Erschüttert von den Pamphleten seiner theologischen Lehrern in Deutschland, die mit wenigen Ausnahmen den Ersten Weltkrieg als gottgegebenes Ereignis begrüssten, suchte er nach einer neuen religiösen Grundlage, die sich vereinfacht auf die Formel «Gott ist Gott» bringen lässt.

Damit wandte er sich klar von der Vereinnahmung Gottes durch die Menschen ab. Gott sei grundsätzlich anders und entziehe sich damit jeglichem menschlichen Zugriff, so Barths Auffassung, die auch ein durchaus erkanntes Dilemma enthielt. 1922 schrieb er in einem Aufsatz:

«Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre erweisen.»

Diese Worte, sagt die reformierte Theologin und Reinacher Pfarrerin Florence Develey, seien eine subversive Weichenstellung für die Theologie des 20. Jahrhunderts gewesen. «Sich an Gott zu halten bedeutete so zwangsläufig, sich gegen das herrschende damalige nationalsozialistische Regime zu stellen, das die Überordnung der Herrenrasse als vermeintlich göttliche Ordnung etablieren wollte.» Bis heute gibt es ihres Erachtens in der Theologie keinen Weg, der ohne die wegweisenden Worte Karl Barths gegangen wird.

Den Hitlergruss verweigert

Bereits zu seinen Lebzeiten machte ihn seine Devise weit über die Grenzen hinaus bekannt. 1921 folgte der nicht promovierte Theologe dem Ruf auf eine neugeschaffene Professur für reformierte Theologie in Göttingen. Die akademische Laufbahn führte ihn dann über Münster nach Bonn. Dort wurde er mit der Arbeit an seinem Hauptwerk «Die kirchliche Dogmatik» zu einem weltweit bekannten Theologen, dessen Schriften auch ausserhalb des Fachkreises zur Kenntnis genommen wurden.

Er äusserte sich zugleich zunehmend kritisch gegenüber der weitum propagierten Anpassung des Evangeliums an die deutsche Volksseele. Bei der bildungsbürgerlichen Prominenz kam das gut an. Thomas Mann schrieb 1933 in sein Tagebuch: «Was für ein unerschrockener, braver und frommer Mann».

Bei den Machthabern, Hitler war inzwischen Reichskanzler, eckte Barth mit seinem Widerstand gegen die Gleichschaltung von Kirche und Staat an. Seine Weigerung, den Schwur auf den Führer abzugeben und die Vorlesungen mit dem «Deutschen Gruss» zu beginnen, läutete das Ende seiner Laufbahn im Deutschen Reich ein. 1935 kehre er schliesslich in die Schweiz zurück und wurde Professor an der Universität seiner Geburtsstadt Basel.

Zurück in der Schweiz engagierte er sich vehement im Kampf gegen die Nationalsozialisten. Bei Kriegsausbruch meldete er sich als 54-jähriger freiwillig für den Aktivdienst, und zwar an der Waffe und nicht am Schreibtisch, wohin ihn die Armee zuteilen wollte.

Auch nach dem Krieg blieb Barth unerschrockener Nonkonformist und weigerte sich, im beginnenden Kalten Krieg einseitig für den Westen Stellung zu beziehen, was ihm im Zuge des anwachsenden Antikommunismus der Nachkriegszeit viel Kritik einbrachte. Seinen Kritikern begegnete er 1948 mit den Worten, dass er kein Kommunist sei, «aber allerdings der Meinung, dass der Kommunismus jedenfalls nur durch eine ‹bessere Gerechtigkeit› der westlichen Welt und nicht durch allzu billige Negationen, in denen sich die westliche Angst jetzt Luft macht, abzuwehren sein wird».

Barth war und blieb bis zu seinem Tod ein diskussionsfreudiger Kämpfer. Aber einer, der durchaus humorvoll auftreten konnte. In einem Beitrag im «Deutschlandfunk» erinnerte sich Barths letzter Assistent Eberhard Busch, dass sein Lehrer mal auf die Frage, was er gegen das Papsttum habe, geantwortet habe: «Ich habe nichts dagegen, ich möchte gerne für 14 Tage Papst sein.

Ich würde drei unfehlbare Entscheidungen treffen. Erstens: Die Kirchenfarbe ist nicht mehr Lila, sondern preussisch-blau. Die Zweite: Mozart wird selig gesprochen. Die Dritte: Nur Frauen werden als Kardinäle eingesetzt, so dass der nächste Papst eine Päpstin wäre. Und dann würde Papst Karl Barth zurücktreten.»

   

Vor hundert Jahren veröffentlichte Karl Barth seinen ersten Kommentar zum Römerbrief des Paulus – ein Werk, das die reformierte Theologie revolutionierte. Evangelische Kirchen in Deutschland und der Schweiz haben deshalb zusammen mit Theologischen Fakultäten das Jahr 2019 zum Karl Barth-Jahr erkoren.

Infos unter: www.karl-barth-jahr.eu