Gastkommentar
Im Rausch des «Schulz-Effekts»

Gastkommentar zu den Aufgaben der Medien im Wahlkampf. Roger Blum ist gebürtiger Baselbieter und war Publizistikprofessor an der Uni Bern. Seit April 2016 ist er Ombudsmann für die SRG Deutschschweiz.

Roger Blum
Roger Blum
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In Deutschland sprechen alle vom «Schulz-Effekt». (Archivbild)

In Deutschland sprechen alle vom «Schulz-Effekt». (Archivbild)

Keystone/EPA/SASCHA STEINBACH

1966 hingen in Basel Wahlplakate, auf denen der 42-jährige Gerichtspräsident, Jazz-Musiker und Fasnächtler Lukas («Cheese») Burckhardt mit aufgestelltem Regenmantelkragen zu sehen war. Er kandidierte als Regierungsrat. Für die zwei freien Sitze spannten seine Liberaldemokraten mit den Freisinnigen zusammen, und sie waren dann auch mit ihm und Arnold Schneider erfolgreich.

Weil das Plakat so einschlug, wiederholten die Liberaldemokraten den Gag ein Jahr später bei der Ständeratswahl und bildeten auch den Kandidaten Alfons Burckhardt mit aufgestelltem Regenmantelkragen ab. Man hoffte auf einen «Burckhardt-Effekt». Diesmal aber waren Freisinnige und Liberaldemokraten Konkurrenten: Der bisherige FDP-Ständerat Eugen Dietschi wurde sowohl vom Sozialdemokraten Willi Wenk als auch vom Liberaldemokraten Alfons Burckhardt herausgefordert.

Der «Burckhardt-Effekt» schien zu funktionieren: Im ersten Wahlgang lag Alfons Burckhardt an der Spitze, und Redaktor Heinz Kreis, der die Stimmen von Burckhardt und Dietschi zusammenzählte, titelte in den liberalen «Basler Nachrichten»: «Wahl von Alfons Burckhardt zum Ständerat gesichert!» Doch es kam anders: Die enttäuschten Freisinnigen blieben im zweiten Wahlgang entweder zu Hause oder unterstützten Willi Wenk, der dann auch gewählt wurde. Von einem tatsächlichen «Burckhardt-Effekt» konnte also keine Rede sein.

In Deutschland sprechen jetzt alle vom «Schulz-Effekt». In der Tat bescherte der neue Parteivorsitzende und Kanzlerkandidat Martin Schulz seiner SPD rund 15 000 Neueintritte und einen um 12 Prozent höheren Wähleranteil in den Umfragen. Der frühere Präsident des Europäischen Parlamentes hat zweifellos Charisma. Doch im ersten Test, bei der Landtagswahl im Saarland, verpuffte sein Effekt, die SPD verlor Stimmenanteile und blieb auf der bisherigen Sitzzahl hocken.

Zwar ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Vor der Bundestagswahl im September gehen die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein über die Bühne – mit einer etwas besseren Ausgangsposition für die SPD als an der Saar. Aber der «Schulz-Partei» kann durchaus dasselbe passieren wie den Basler Liberaldemokraten 50 Jahre zuvor: viel Euphorie im Vorfeld – und dann eine Wahlpleite.

Besonders merkwürdig ist, wie leicht sich die deutschen Medien vom «Schulz-Effekt» anstecken lassen. Vor der Saar-Wahl schwärmte sogar die eher konservativ orientierte und CDU-nahe «Welt» von einem roten Erfolg. Und ein Leitartikel der liberalen «Zeit» gibt Schulz Ratschläge, was er koalitionspolitisch tun muss, damit der «Schulz-Effekt» weiterhin spielt. Viele Journalistinnen und Journalisten scheinen Angela Merkel als Bundeskanzlerin bereits abgeschrieben zu haben.

Da irren sich aber Medienleute in ihrer Rolle: Sie haben nicht die Wahl zu machen. Dafür sind die Parteien da. Die Aufgabe der Medien ist es, Parteien und Wahlkämpfe kritisch zu begleiten – beschreibend, analysierend, nachfragend und durchaus auch kommentierend. Aber in einem nüchternen Zustand und nicht berauscht vom «Schulz-Effekt.»

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