Morgestraich

Im Bett. 35 Minuten vor Abmarsch

Vier Wecker waren es. Vier. Einen auf halb drei gestellt, einen auf Viertel vor, einen auf drei Uhr und den grosszügigen letzten auf vier nach drei. Was mich dann aber aus dem Schlaf reisst, ist das Telefon der Verabredung: «Bist du schon parat? Wir sind da und freuen uns schon.» Um fünf vor halb vier. NUR FÜNFUNDDREISSIG MINUTEN VOR DEM MORGESTRAICH UND ICH BIN NOCH ZU HAUSE. In Unterhosen. Ungeduscht.

Himmel!

«Ja, also verschlafen», stöhne ich ins iPhone, verfluche innerlich die Welt, nur kurz unter die Dusche, «bestellt ein Taxi, bitte, vor eure Haustüre!». Also, Wasser marsch, einseifen, aufwachen, aber zackzack. Während ich dann förmlich ins Hosenbein des Kostüms stolpere, noch ein Telefon: «Das Taxi ist da, aber der Fahrer will keine Minute warten, er sagt, er fahre sofort ab.» «Steigt ein und fahrt schon mal bei mir vor.» Bei mir, das ist gleich um die Ecke.

Wörtlich. Immerhin: In acht Minuten geduscht und vollkostümiert, Rekord, aber keine Zeit, keine Zeit, ab in die Schuhe, bravo: Schnürsenkeldrama. Einer rutscht immer aus dem Haken am Wanderschuh. Verfluche das Ding natürlich gehörig, während unten ein sensationell miesepetriger Chauffeur im Taxi sitzt, die Verabredung hinten. Hopp, runter, einsteigen, noch zwanzig Minuten bis Morgestraich, «zur Harmonie, los!». Abfahrt. Runterkommen. Ja, Mann, es wird reichen.

Endstation. Aussteigen. Zahlen. Zahlen? Der Taxometer zeigt irgendwas mit 21 Franken an, springt dann auf etwas mit 23 Franken. Sonderbar. Egal. Eine Fünfzigernote wirds schon tun, runde notfalls auf 25 auf. Der Fahrer aber, er hält die Note schon in der Hand, entgegnet in Eiseskälte: «Kein Wechselgeld dabei, da!».

Tatsächlich, nur Noten im Portemonnaie. Keine einzige Münze. Was soll das? Aber die Zeit läuft. Noch 13 Minuten bis Morgestraich. Keine Diskussionen jetzt. Keine fünf Franken? «Nein, gerade kein Wechselgeld dabei», drückt mir als Retourgeld Noten in die Hand, ich springe raus, innerlich immer noch am Wüten, denn es sind noch 12 Minuten bis zum Morgestraich, immerhin stehen wir direkt hinter der Harmonie am Nadelberg ein.

Was ist das für eine Fasnacht?

Jetzt durchatmen, TIEF DURCHATMEN. DAS FÄNGT JA GUT AN. Auf 30 Franken aufgerundet, denke ich, so viel zum guten Morgestraich. Ach ja, ich arbeite ja noch dazuhin, also aufpassen, aufmerksam bleiben. Zeit? Temperatur? Alle Gerätschaften für Social Media am Start? Oder schmiert das Handy wegen der Kälte, der Wecker und der Anrufe nach einer Minute wieder ab?
Durchatmen.

Durchatmen? Keine Zeit. Einstehen, will mir ja die Fasnacht nicht entgehen lassen und Social Media geht ja auch nebenbei, wahrnehmen tu ich sowieso. Vier Minuten bis Morgestraich, gewaltige Druggedde am Noodlebärg, von hinten links drängeln Touristen durch, Elsässer, ein paar Inder, die das Spektakel geniessen wollen, Himmel auch, was gäbe ich für einen Morgestraich ohne Zuschauer! Und einen, der nicht morgens um vier stattfindet, wer tut sich sowas auch an.

Es ist 3.59 Uhr am Montagmorgen. Für einen Moment, einen klitzekleinen, unaushaltbaren Moment wird es totenstill. Die Gasse wie ein angespannter Muskel, der darauf wartet, kraftvoll zu entspannen. Warum ist es noch nicht dunkel? Dieser eine Moment: Stille.
Dann geht ENDLICH das Licht aus.

Morgestraich, vorwärts, Marsch!

Klamme Finger auf Holz, taube Lippen touchieren das Mundstück. Ich bin da. Traum statt Albtraum. Im Dunkeln wanken wir Kopflaternen nach. Irgendwo stellt irgendeine Laterne irgendwas Politisches infrage. Egal. Hier sind all diese Menschen im Dunkeln. Sie gehören dazu. Ob sie zuschauen oder mitmachen.

Stunden später, zweite oder dritte Beiz. Ich schaue in mein Portemonnaie. Ach ja, da war ja mal eine Fünfzigernote drin. Jetzt sind da eine Zwanzigernote und eine Zehnernote. Macht zwanzig Franken, die eine Taxifahrt kostete.

Meistgesehen

Artboard 1