Corona-Blau

Ikarus träumt blau: Yves Kleins spirituelle Revolution

Der Traum von der grenzenlosen Freiheit der Kunst und des Menschen: Yves Klein (1960).

Der Traum von der grenzenlosen Freiheit der Kunst und des Menschen: Yves Klein (1960).

Blau ist die Farbe der unbegrenzten Dimension, der Götter und der Dichtung. Für Yves Klein war sie die Farbe der spirituellen Revolution.

Im Sommer 1946 lag ein junger Mann am Strand von Nizza, blinzelte in den blauen Himmel und dachte nach. Seit er das Licht der Welt erblickt hatte, war er von Kunst umgeben. Sein Vater war Landschaftsmaler, seine Mutter gehörte zu den ersten informellen Malerinnen in Paris. Er hatte die Kunst mit Mutters Milch aufgesogen und doch trieben ihn Zweifel um.

Der Achtzehnjährige am Meeresufer war von der Ahnung ergriffen, dass der eigentliche, der spirituelle Inhalt der Kunst nicht in einen Bilderrahmen zu zwingen sei. Frei und grenzenlos sollte sie doch sein, wie dieser blaue, mediterrane Himmel über ihm. Und so schuf er tagträumend ein Objet trouvé, mit welchem er die Fesseln der Kunst für immer sprengen wollte. Ein immaterielles Gemälde, niemandem und somit allen gehörend, unendlich in seiner Ausdehnung, heiter wie dieses  Blau, rätselhaft wie das Universum. Im Geiste signierte er den Himmel und schrieb an seinen Rand: Yves Klein.

Götter leben im Himmel. Deshalb haben sie manchmal eine blaue Haut, wenn sie Menschengestalt annehmen, wie der indische Gott Krishna oder der ägyptische Amun. Die islamischen Mystiker, die Sufis, tragen bisweilen himmelblaue Gewänder, zum Zeichen ihrer Beschäftigung mit dem Himmel. Auch das Gewand der Maria ist blau, ebenso zahlreiche Gewölbe christlicher Kirchen, wie etwa dasjenige in der Basilika San Francesco in Assisi oder jenes von Giottos Scrovegni-Kapelle in Padua. Eines der berühmtesten Gotteshäuser des Islam ist die blaue Moschee in Istanbul.

Blaue Blume, Blauer Reiter

Die Farbe strahlt weltweit durch die Kunstgeschichte und geistert durch die Träume der Künstler. Novalis lässt seinen Heinrich von Ofterdingen von einer blauen Blume träumen, Symbol für den Sinn des Lebens und die Poesie. Picasso tauchte die menschliche Kreatur in ein melancholisch blaues Licht. Franz Marc und Wassily Kandinsky bündelten mit dem «Blauen Reiter» die Vision einer neuen Kunst.  Die ultimative Setzung der Farbe Blau blieb jedoch jenem jungen Mann am Strand von Nizza vorbehalten.

1955 betrat Yves Klein die Pariser Kunstszene. Zuvor hatte er sich in Tokyo den 4. Dan im Judo erkämpft. Und auch seine Kunst war eine Art Kampfansage an den damals modischen Tachismus und abstrakten Expressionismus. Kleins Bilder waren monochrom, zeigten also nur eine einzige Farbe – vor allem ein intensiv leuchtendes Blau. Die Farbflächen sollten als reine Meditationsebenen den Geist für die Energie des Universums empfänglich machen.

Bald wurde ihm der Name «Yves Le Monochrome» angedichtet. Von den Leinwänden breitete sich sein Blau auf Fundgegenstände, Schwämme und Büsten aus. Klein bemalte damit seine nackten Modelle und druckte mit ihnen, begleitet von einem Orchester, blaue Torsos auf riesige Leinwände. Sein Freund Jean Tinguely baute Maschinen, auf welchen das universale Blau endlos im Kreis rotierte wie eine Galaxie. 1958 sendete Klein ein politisches Manifest an den amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower. Sein Titel: «The Blue Revolution».

Der Sprung ins Leere

1960 liess «Le Monochrom» seine Farbe als International Klein Blau (IKB) patentieren. Gleichzeitig begann er, mittlerweile Gründungsmitglied der Künstlergruppe «Nouveaux realistes», Blattgold als sakrale Farbe zu verwenden und stellte blau gefärbte Gipsabgüsse seiner Künstlerfreunde davor. Sein Traum von einer immateriellen, gänzlich befreiten Kunst war im Kunstbetrieb endgültig zum profanen Werk mutiert.

1958 hatte er noch einen letzten, spektakulären Ausbruchsversuch aus der Kunstfalle unternommen. Er strich die völlig leer geräumte Galerie Iris Clert monochrom weiss und lud das Publikum zur Teilnahme an «Le Vide», der «Leere», als Ausdruck «des Urzustandes malerischer Sensibilität.» 3000 Personen sollen dem Anlass beigewohnt haben, und es wird kolportiert, dass die servierten blauen Drinks den Urin der Besucher eingefärbt hätten. 

1960 unternahm dieser Ikarus der Moderne nochmals einen Versuch, den Himmel zu erobern: die in einer vom Künstler selbst produzierten Ausgabe der Zeitung «Dimanche» propagierte Performance «Sprung in die Leere». Der Künstler reckt auf dem Bild die Arme zu Flügeln und den Kopf himmelwärts – in Erwartung des kommenden Sturzes. Vielleicht hatte er da bereits erkannt, dass sein Traum von der grenzenlosen Freiheit der Kunst und des Menschen der Schwerkraft der Erde erliegen würde. 1962 starb Yves Klein, erst 34-jährig, an Herzversagen.

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