Der schönste Tag im Leben ist einer, an dem das Portemonnaie besonders locker sitzt. Bei den Hochzeiten wird mehr Geld ausgegeben als je zuvor. Das Business floriert und besetzt immer neue Nischen im Hochzeitssegment. Messen gibt es in Basel zuhauf, Ende Januar gibt’s noch eine weitere. Im Lokami an der Rheinpromenade findet am 27. Die Bridal Tea Time statt, eine Messe «nur für Frauen».

Die Idee der Hochzeitsplanerin Sonja Kath: «Wir haben gemerkt, dass die Männer etwas widerwillig mitgeschleppt werden. Sie haben einfach nicht die Musse, die es bei gewissen Themen einfach braucht», sagt Kath. So sei das Thema Dekoration eines, womit man die Männer schnell vergraule. An der «Women’s only»-Messe könnten sich die Bräute nun in Begleitung ihrer Mütter oder Trauzeuginnen völlig ungestresst beraten lassen.

So viele Messen, so viele Pärchen

Das Angebot ist freilich das Gleiche wie bei jeder anderen Hochzeitsmesse von der «Magic Moments» in der Elisabethenkirche bis hin zur «MariNatal» in Münchenstein oder der Hochzeitsmesse in Rheinfelden. Alle Fragen werden an diesen Ausstellungen beantwortet – auch solche, die man bis zum Besuch gar nicht hatte. Schneiderinnen beraten die Braut zum Hochzeitskleid. Keyboarder und DJs bieten ihre musikalischen Dienste an. Juweliere nehmen die Masse des Ringfingers, Cateringfirmen erzählen, welchen exklusiven Wein sie im Angebot haben, Konditoren werben für ihre Hochzeitstorten, Floristinnen für ihre Blumen, Fotografen sind da, Coiffeure, Hochzeitsplaner, Kutscher, Gestalter von Hochzeitswebsites, Zeremonienleiter für freie Trauungen, Carunternehmen, Dekofirmen und Reisebüros, welche die Flitterwochen planen.

Dass immer mehr Messen auf den Markt drängen, mindert den Erfolg der Einzelnen nicht. Die grösste Hochzeitsmesse der Region, die «MariNatal» in Münchenstein, verzeichnete gemäss Messeleiter Roger Villiger im vergangenen Herbst keinen Rückgang. 2700 Besucherinnen und Besucher verzeichnete das Event. Die Hochzeit hat einen Wandel hinter sich, und die Hochzeitsindustrie freuts. Denn wo das Label Hochzeit prangt, da lassen sich schnell einmal doppelte, dreifache Preise verlangen. Die Vertreter des Business finden, das sei gerechtfertigt. Kath etwa sagt, der Aufwand sei ungleich höher für eine Hochzeit als für einen runden Geburtstag. «Bei einer Hochzeit kommen viele Sonderwünsche, da braucht es schon mehr Vorbereitung. Auch die Fotografen sind heute oft den ganzen Tag im Einsatz und nicht nur am Fest.»

Weg vom Schwellenritus

Die Hochzeit ist in den vergangenen Jahrzehnten vom persönlichen Meilenstein in der Biografie zum Happening für das ganze Umfeld geworden. Auch die Kirche ist vom Wandel betroffen. Heute finden bei den Reformierten jährlich nur noch etwa dreissig bis fünfzig Hochzeiten vor dem Altar statt. «Die Kirche hat die Monopolstellung verloren», sagt Pfarrer Benedict Schubert vom Pfarramt St. Peter.

Doch auch bei den Paaren, die kirchlich heirateten, seien Veränderungen zu beobachten. «Früher war die Hochzeit ein Schwellenritus», sagt Schubert, man habe den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt gefeiert. Heute seien die Daten für die Hochzeit oft zufällig gewählt, all die Paare, die Schubert traue, wohnten bereits unter gemeinsamem Dach. Häufig haben sie schon Kinder. Manchmal habe er den Verdacht, dass man dann ein umso grösseres Fest veranstalten müsse, um diese Zufälligkeit zu kaschieren. Komme hinzu, dass durch die ganze Facebook- und Instagramkultur ein Konkurrenzdenken entfacht werde. Jeder will sich in noch besserem Licht zeigen. «Es herrscht eine kompetitive Grundstimmung», beobachtet Schubert.

Er entspannt die Heiratswilligen

Seine Aufgabe sieht er unter anderem darin, die Heiratswilligen zu entspannen, zu sagen: Ihr müsst die Welt nicht neu erfinden. Was die finanzielle Last angeht, fühlt sich Schubert immer wieder an die Zeit erinnert, als er in Angola arbeitete. «Neun Jahre war ich dort tätig, und immer wieder war ich mit Leuten konfrontiert, die sich das Kleid für die Hochzeit nicht leisten konnten.» Stets rief er ihnen in Erinnerung: «Ihr kommt für den Segen.» Den bekämen sie auch ohne perfektes Brautkleid – und auf Basel übertragen: Auch ohne den ganzen Nippes, der auf den Hochzeitsmessen als absolutes Must angepriesen wird – und offenbar auch Abnehmer findet.

Im Schnitt geben junge Heiratswillige heute zwischen 30 000 und 40 000 Franken aus, schätzen die Experten. Nicht inbegriffen sind da die Flitterwochen und die Eheringe. Für einen Hochzeitsfotografen sind schnell einmal 3000 Franken nötig, die passende Location 6000 Franken. Für das Essen veranschlagt man ein Budget von 150 bis 200 Franken pro Person. Bei 80 Gästen, und die sind relativ schnell erreicht, wird das Essen zum grössten Kostenpunkt.

Locations machen viel Geld

Geplant wird immer länger, denn am grossen Tag soll nichts dem Zufall überlassen werden. Sylvia Steul-Schmitt organisiert die Hochzeitsmesse in Rheinfelden (D) und sagt: «Früher begannen die Paare ein halbes Jahr vor der Hochzeit mit der Planung – heute informieren sie sich bis zu zwei Jahre vor der Trauung.» Das ist auch nötig, denn Hochzeitslokale sind Monate, die beliebten gar bis zu zwei Jahre im Voraus ausgebucht. Im Bottminger Schloss beispielsweise muss für Gesellschaften ab 20 Personen sogar ein halbes Jahr vorher reserviert werden. Der stellvertretende Geschäftsführer des Bottminger Schlosses, Christoph Meier, beobachtet, dass seine Gäste am Tag X sehr generös sind.

Die Individualisierung ist auch im traditionsreichen Bottminger Schloss angekommen. «Während früher zwischen Fleisch, vegetarisch und Fisch unterschieden wurde, geben die Leute heute alle möglichen Allergien an», sagt Meier. «Und da sind sogar solche drunter, da frag ich mich, obs die wirklich gibt», fügt er mit einem Lachen hinzu. Die Hochzeitslocations wittern das grosse Geschäft und greifen auch zu zweifelhaften Methoden. Die «Tageswoche» machte vor einem Jahr publik, mit welchen Tricks beispielsweise das beliebte Basler Hochzeitslokal Ostquai arbeiten soll. Die Zeitung berief sich auf mehrere Quellen, die dem Besitzer des Gebäudes vorwarfen, intransparente Rechnungen zu stellen – weit über dem Offertenpreis.

Schuldenfalle Hochzeit

Damit der schönste Tag im Leben den gesteigerten Erwartungen der Ehepaare entspricht, schrecken sie oft auch nicht davor zurück, einen Kredit aufzunehmen. Jürg Gschwend von der Budget- und Schuldenberatung Plusminus Basel-Stadt sagt: «Dass Paare sich verschulden für eine Hochzeit, habe ich etliche Male erlebt.» Die Ehepaare nehmen dafür sogenannte Konsumkredite auf. Gschwend sagt, dass die Paare, die am Ende bei ihm auf der Schuldenberatung landen, schätzungsweise Kredite in der Höhe von 20'000 bis 30'000 Franken aufnehmen.

«Gerade auch Paare aus anderen Kulturkreisen stehen unter Druck, weil die Hochzeitsgesellschaften meist noch mehr Menschen umfassen als bei Schweizern.» Einen Kredit in diesem Umfang zurückzuzahlen dauere meist zwischen drei bis fünf Jahren – eine lange Zeit. «Die persönliche Situation kann sich jederzeit ändern, etwa durch einen plötzlichen Jobverlust.» Mit dem Risiko, dass der Kredit zur Schuldenfalle und der schönste Tag im Nachhinein zu einem Albtraum verkommt.