Strassenbau
Historische Pflastersteine: Aus dem Boden, aus dem Sinn?

Hermann Hesse und Friedrich Dürrenmatt gingen schon darüber: Die historischen Pflastersteine, die zur Zeit beim Tiefbauamt lagern. Im Rahmen der Umgestaltung in der St. Alban-Vorstadt sollen sie wieder in den Einsatz kommen, lautet eine Forderung.

Chloé Oberholzer
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Vor 50 Jahren überteert: Die roten Pflastersteine.

Vor 50 Jahren überteert: Die roten Pflastersteine.

bz Basel

Läuft man mit achtsamem Blick durch die Strasse in der St. Alban-Vorstadt, fällt auf: Unter dem Belag der asphaltierten Fahrbahn sind stellenweise alte Pflastersteine sichtbar. Es handelt sich dabei um Vögtlinshofer-Steine.

Mehrere Jahrhunderte lang bestand die Strasse ausschliesslich aus den rötlichen Steinen. Vor über 50 Jahren waren diese dann aus praktischen Gründen überteert worden, weil die Strecke als Zubringer zur Wettsteinbrücke genutzt wurde. Die Zubringerfunktion wurde später aufgehoben. Der Teerbelag blieb.

Nach der Jahrtausendwende sah die Sachlage dann ganz anders aus: Ein Teil der Pflästerung wurde im Zuge von Bauarbeiten beim Seniorenzentrum «Ländliheim» im Bereich zwischen Malzgasse und St. Alban-Tor entfernt. Da jedoch die Steine, über die schon Hermann Hesse und Friedrich Dürrenmatt gegangen waren, für historisch wertvoll befunden wurden, lagerte das Tiefbauamt diese ein und versprach, sie bei einer späteren Sanierung wiederzuverwenden.

Neue Steine entbehren jeglicher historischer Grundlage

Im Rahmen eines Projekts sollte 2003/04 der Platz rund um den Schöneck-Brunnen einladender gestaltet werden. Dafür hätten sich die eingelagerten Steine zwar angeboten, das Projekt wurde aber nie umgesetzt. Grund: Anwohnerinnen und Anwohner befürchteten, dass durch die Pflästerung mehr Verkehrslärm entstehen würde. Die Steine blieben eingelagert.

Am 10. Februar stimmen die Basler Stimmbürger darüber ab, ob es zu einer Umgestaltung in der St. Alban-Vorstadt kommt. Nun setzen sich ausgerechnet die Anwohner für eine Wiederverwendung der Steine ein. So schreibt der Verein «Erhalt des Trottoirs» auf seiner Website, dass der Sanierungsplan mit neuen Steinen jeglicher historischer Grundlage entbehre und das Baudepartement Basel-Stadt lieber die schon vorhandenen Steine aufbereiten und wiederverwenden solle.

Auch unabhängig vom Abstimmungsresultat steht fest: Saniert wird die Strasse so oder so. «Die Steine unter dem Teerbelag müssen bei der Sanierung auf jeden Fall entfernt werden», sagt Daniel Hofer vom Bau- und Verkehrsdepartment (BVD). Wie früher üblich, bilden die Pflastersteine in der St. Alban-Vorstadt nämlich eine Art Gewölbe, das die Strasse trägt.

Dies entspricht jedoch nicht mehr dem heutigen Strassenbau. «Wenn wegen Bauarbeiten die Strasse aufgegraben wird, hält das Gewölbe über die ganze Strasse nicht mehr. Es kommt zu Verwerfungen, und der Belag kann aufbrechen. Eine Neugestaltung mit Vögtlinshofer-Steinen in der Fahrbahn kommt gemäss heutigen Vorgaben nicht mehr infrage», so Hofer.

Die Steine könnten giftig sein

Was passiert also bei der Sanierung mit den Steinen? Da das Bauprojekt ohne Urnengang nicht ausgearbeitet werde, könne man dazu noch keine konkreten Angaben machen, heisst es vom BVD. «Grundsätzlich werden beim Tiefbauamt alle Steine, deren Zustand dies erlaubt, für die Instandhaltung von bestehenden Vögtlinshofer-Pflästerungen verwendet.» Sollten daran aber noch Teerreste kleben, wäre das ein potenzielles Problem. Diese könnten giftig sein – eine Wiederverwendung des Steins wäre in diesem Fall ausgeschlossen.

«Generell hat man eingelagerte Steine bei solchen Bauprojekten häufig vor Ort verwendet, zum Beispiel für Randsteine», meint Daniel Hofer. Ob das auch in der St. Alban-Vorstadt der Fall sein wird oder ob die Steine dort gleichermassen aus Boden und Sinn verschwinden, wird sich nach der Abstimmung zeigen.

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