Frauenstreik

Heute gehen die Frauen auf die Strasse: Wie streiken Basels mächtige Kulturfrauen?

Der Pin machts vor: erhobene Faust für die Gleichberechtigung.

Der Pin machts vor: erhobene Faust für die Gleichberechtigung.

In Basel sitzen sie an den Hebeln der Kultur: Elena Filipovic, Katrin Grögel, Sonja Kuhn, Katrin Eckert, Anna Schmid, Ines Goldbach und Sabine Himmelsbach. Was sagen sie zum Frauenstreik?

Elena Filipovic, Direktorin Kunsthalle Basel

Frauenstreik – Ja/Nein?

Es waren meine Mitarbeiterinnen, die mich auf den Frauenstreik aufmerksam gemacht haben – worauf wir eine sehr interessante Diskussion im ganzen Team hatten. Es ging darum, wie man als kulturelle Institution Stellung bezieht, wie weibliche Angestellte sich solidarisieren können und was es für uns bedeutet, wenn der Streik in die für uns turbulenteste Woche des Jahres fällt – während der Art Basel, wenn Tausende von Menschen die Kunsthalle Basel besuchen. Wir haben viele Frauen im Team, das hatte die Kunsthalle Basel schon immer, auch wenn ich ihre erste Direktorin bin. Es schockiert mich zwar immer wieder, dass ich die erste weibliche Leitung in der 180-jährigen Geschichte des Hauses bin – aber die Gründe dafür liegen im Geist der damaligen Zeit: Als Frauen nicht als gleichwertiges Gegenüber von Männern behandelt wurden. In dem Sinne: Die Kunsthalle Basel muss und wird am Frauenstreik unbedingt Position beziehen.

Streiken Sie?

Ich stehe solidarisch ein für diese wichtige Sache. Es ist nicht ganz einfach, weil wir zurzeit mit Dora Budor und Geumhyung Jeong zwei Künstlerinnen zeigen, die beide die Klischees über das Verhältnis von Frauen zur Technologie thematisieren. Mir ist wichtig, dass sie in dieser Woche die ihnen gebührende Sichtbarkeit erhalten. Das bedeutet für mich aber auch, dass ich im Haus sein muss. Wäre der Streik an einem anderen Tag im Jahr, könnte ich meine Solidarität anders zeigen. So werde ich aber symbolisch streiken – und um 11 Uhr und 15:24 Uhr meine Arbeit für 15 Minuten niederlegen.

Und Ihre Angestellten?

Einige werden streiken, andere haben sich dagegen entschieden. Aber natürlich habe ich allen Frauen freie Wahl gelassen. Mir war wichtig, dass es ihr persönlicher Entscheid ist. Ich habe gehört, dass andere Unternehmen ihren Angestellten untersagen zu streiken - was mich schockiert. Es zeigt, wie viel in der Schweiz noch getan werden muss. Ich hoffe sehr, dass der Streik nicht nur Bewusstsein schafft und Debatten fördert, sondern dass sich durch ihn auch wirklich grundlegend etwas ändert: vom Pay Gap über Kinderbetreuung und Vaterschaftsurlaub bis hin zur Repräsentation von Frauen in Sammlungen, Galerien und Ausstellungen.

 

Katrin Grögel und Sonja Kuhn, Co-Leiterinnen Abteilung Kultur Basel-Stadt

Frauenstreik – Ja/Nein?

Ja, natürlich. Auch im Kulturbereich sind wir von der Chancengleichheit weit entfernt. Um diese zu erreichen, braucht es weiterhin ein Engagement – gerade in der Kulturförderung.

Streiken Sie?

Wir werden am Anlass mit den Regierungsrätinnen Elisabeth Ackermann und Eva Herzog um 11 Uhr im Rathaushof teilnehmen.

Und Ihre Angestellten?

Das ist der Entscheid unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mal sehen, wozu sie sich entschliessen.

 

Katrin Eckert, Leiterin Literaturhaus Basel

Frauenstreik – Ja/Nein?

Ja, Frauenstreik unbedingt. Es bewegt sich einfach zu wenig in Sachen Gleichstellung, vor allem, was die Lohngleichheit und die angemessene Vertretung von Frauen in der Politik und in den Führungsetagen der Wirtschaft angeht. Ausserdem haben die kürzlich veröffentlichten Studien über Gewalt an Frauen gezeigt, wie inakzeptabel die Situation auch in diesem Bereich ist. Und wenn ich mir die Studien der Universität Rostock zur Sichtbarkeit der Frauen in den Medien und im Literaturbetrieb anschaue, sprechen die Resultate auch eindeutig dafür, ein starkes Zeichen zu setzten.

Streiken Sie?

Ja. Ich habe schon 1991 gestreikt, und es ist ernüchternd, dass wir weitgehend für die gleichen Anliegen auf die Strasse gehen. Aber wenn man sieht, wie sich die rechtskonservativen Kräfte in Europa formieren, wird es wohl in den nächsten Jahren auch jenseits der Grenze noch sehr nötig bleiben, für Frauenrechte ein- und aufzustehen.

Und Ihre Angestellten?

Ja, das ganze Team, das ausschliesslich aus Frauen besteht, beteiligt sich am Streik. An welchen Aktivitäten wir teilnehmen, wissen wir noch nicht genau.
Interessant wäre sicher der Abgesang auf den literarischen Kanon in Zürich, aber auch in Basel gibt es viele tolle und wichtige Aktionen.

 

Anna Schmid, Direktorin Museum der Kulturen Basel

Frauenstreik – Ja/Nein?

Grundsätzlich klar und deutlich Ja. Frauen werden nach wie vor zu wenig gehört und zu wenig ernst genommen. Deshalb müssen sie ihre Anliegen öffentlich machen. Es wird leider kein «echter» Streik, denn die meisten Frauen dürfen seitens der Arbeitgeber nicht streiken und müssen dafür freinehmen. Dennoch sollen sie auf die Strasse.

Streiken Sie?

Ich kann leider nicht, ich bin an einer Tagung.

Und Ihre Angestellten?

Einige werden streiken. Freinehmen dürfen sie selbstverständlich dafür. Aber es gibt klare Richtlinien vom Kanton – wir sind ja ein Staatsbetrieb. Diese schreiben vor, dass den Mitarbeiterinnen – falls gewünscht – «im Rahmen der betrieblichen Möglichkeiten eine Teilnahme ermöglicht werden soll, wobei die Grundversorgung sowie der Service public stets aufrechtzuerhalten sind. Eine Teilnahme am Frauenstreik hat in der Freizeit zu erfolgen.»

 

Ines Goldbach, Direktorin Kunsthaus Baselland

Frauenstreik – Ja/Nein?

Die Macht und Kraft der Strasse sind gross, das zeigen gerade die Freitags-Demos zum Klimaschutz oder der erste Frauenstreiktag 1991 in der Schweiz, der viel bewirkt hat. Ein Wachrüttler, und doch denke ich, ist es wichtig, dass man die Gleichberechtigung und Unterstützung von Frauen täglich leben muss und nicht mit einem Tag der Aufmerksamkeit abhandeln kann. Statt einmal Frauenstreiktag wäre es wichtig, Frauen massgeblich zu unterstützen und ernster zu nehmen. Neulich hörte ich im Zug zwei männliche Mitreisende: «Stell dir vor, Frauenstreiktag und unsere Kindertagesstätte ist geschlossen. Jetzt bleibt meine Frau zu Hause bei den Kindern.» So kann das nicht weitergehen, vor allem mental. In meiner Leitungsfunktion ist es mir daher sehr wichtig, wie ich meine Mitarbeiterinnen in unterschiedlichen Bereichen fördern und die Vereinbarung von Beruf und Familie ermöglichen kann, mit allem, was dazu gehört, nicht nur auf dem Papier. Auch treibt mich um, wie wir Künstlerinnen unterschiedlichster Generationen auf ihrem Weg stärken können. Das sind Aufgaben, die ich mir jeden Tag setze.

Streiken Sie?

Der Frauenstreiktag fällt leider auf die Art-Basel-Woche, eine der für uns wichtigsten Wochen im Jahr. Daher werde ich wohl eher nicht oder wenn, dann nur kurz auf die Strasse gehen. Wenn ich in meinen Kalender blicke, sehe ich, dass ich mich an dem Tag mit zwei Künstlerinnen treffe. Ich streike daher am 14. Juni wohl nicht aktiv, engagiere mich aber hoffentlich ebenso für Solidarität, Zusammenhalt, ein Miteinander und eine nachhaltige Förderung von Frauen.

Und Ihre Angestellten?

Wir sind ein reiner Frauenbetrieb von vier Frauen inklusive mir. Auch unsere Präsidentin ist eine Frau. Würden wir am 14. Juni alle streiken, müsste das Kunsthaus geschlossen bleiben und auch die Ausstellungen darin, etwa die Schau der grossen Performance- und Videopionierin Simone Forti. Das scheint mir nicht produktiv. Wir haben aber über den Tag gesprochen und meine festen Mitarbeiterinnen sind an diesem Tag nicht im Kunsthaus. Ich habe ihnen, soweit sie an dem Tag gearbeitet hätten, frei gegeben und einen Ersatz organisiert. Ob sie streiken, sich die Art Basel ansehen, KünstlerInnen treffen oder die Zeit anders sinnvoll nutzen, möchte ich ihnen überlassen. Wichtiger scheint mir, dass wir die Wichtigkeit für die Fragen dieses Tages anerkennen – nicht nur an diesem Tag, sondern an 365 Tagen im Jahr.

 

Sabine Himmelsbach, Direktorin HeK Haus der elektronischen Künste Basel

Frauenstreik – Ja/Nein?

Zum Frauenstreik sage ich grundsätzlich Ja, denn er generiert Aufmerksamkeit für die vielen Aspekte, bei denen leider noch keine wirkliche Gleichberechtigung herrscht. Wir als HeK solidarisieren uns mit den Anliegen des Frauenstreiks und werden uns auch als Institution entsprechend positionieren.

Streiken Sie?

Während der Art Basel Woche ist es natürlich für mich persönlich schwierig zu streiken, denn als Direktorin des HeK freue ich mich auf unsere internationalen Gäste und möchte präsent sein, um unser Haus und unsere Programme vorzustellen, bei denen wir grossen Wert auf die Repräsentation von Frauen legen. Für mich hat das nichts mit Quote zu tun, sondern mit einem Streben nach Inklusion und ausgewogener Repräsentation. Selbst werde ich auf jeden Fall – wenn auch nur für einen kurzen Zeitraum - am Streik teilnehmen.

Und Ihre Angestellten?

Für die MitarbeiterInnen des HeK ist es natürlich während der Art Basel-Woche auch nicht einfach zu streiken, aber wir haben für alle eine zufriedenstellende Lösung gefunden. Einige von uns werden am Nachmittag aktiv am Streik teilnehmen. Diejenigen, die arbeiten müssen, zeigen sich mit einer Plakette solidarisch. Jeder wird Gelegenheit haben, zumindest teilweise aktiv dabei zu sein.

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