Podiumsgespräch

Herr Tanner, werden Sie eigentlich von Bill Gates finanziert?

Am Montagabend diskutierten der Basler Epidemiologe Marce Tanner und der Solothurner Journalist Christoph Pfluger über die Auswirkungen des Coronavirus. Ein Podium, bei dem das Publikum bereits von Beginn weg eine klare Meinung hatte.

«Dank Contact Tracing dürfen wir uns ja nahe kommen. Darum rutscht doch bitte noch etwas mehr zusammen.» Das Publikum des «Zeitgespräch Corona» im ersten Stock des Unternehmen Mitte lacht – und folgt der Aufforderung des Moderators und Organisators Peter Huber umgehend. Über 70, mehrheitlich über 60-jährige Personen haben sich zur Podiumsdiskussion mit dem Epidemiologen Marcel Tanner und dem Solothurner Journalist Christoph Pfluger eingefunden.

Es wird sich zeigen: Der Saal ist an diesem Abend mehrheitlich mit Gegnern der Coronamassnahmen des Bundes gefüllt. Mit jenen Personen, die noch im Mai auf den Strassen in Basel, Zürich und Bern gegen den Lockdown protestiert hatten; die sich in Gruppenchats über ihre Ideen und ihre Wut ausgetauscht hatten; die die Grundrechte in Gefahr sahen. Von aussen schien die Bewegung in den vergangenen Wochen eingeschlafen zu sein. Jetzt zeigt sich: Die Gegnerinnen und Gegner sind weiterhin aktiv, sie haben das Thema mittlerweile gar salonfähig gemacht.

«Jetzt hören Sie mal zu»

Tanner wünscht sich gleich zu Beginn offene Fenster, «damit die Aerosole besser entweichen können». Die Leute lachen. Etwas besorgt erscheint Tanners Blick auf den prall gefüllten Saal aber schon. Nach wenigen Minuten Diskussion stellt sich denn auch heraus, es wird kein Heimspiel für den renommierten Basler Wissenschafter. Zu oft muss er das hitzig mitdiskutierende, applaudierende und sich in Rage redende Publikum ermahnen: «Jetzt hören Sie mal zu. Wir sollten uns nicht einfach solche Aussagen an den Kopf werden.»

Als Mitglied der nationalen Corona-Taskforce berät Tanner den Bund in der Krise. Weiter reicht sein Einfluss jedoch nicht. Das wird ihm mehrfach von Zuhörern vorgeworfen. Pfluger doppelt nach: «Die Taskforce könnte doch richtige Arbeit leisten und die Menschen in Quarantäne untersuchen.» Tanner gibt dem Herausgeber des coronakritischen Magazins «Zeitpunkt» recht und ergänzt, der Bund müsse den Dialog mit der Bevölkerung besser hinbekommen.

Gehört Tanner einer Verschwörung an?

Es ist nicht klar, ob der Strassenlärm Tanner zwingt, laut zu werden, oder ob es die provokanten Fragen aus dem Publikum sind. Je länger der Anlass dauert, umso stärker muss der Wissenschafter seinen Berufsstand, die Arbeit der Taskforce und seine beruflichen Errungenschaften verteidigen.

Ein Zuhörer etwa sieht Tanner in Verbindung mit Microsoft-Gründer und Milliardär Bill Gates. «Googelt man ihren Namen, findet man sofort ein Foto, das Sie mit ihm zeigt.» Tanner beschwichtigt: Ja, er habe mit der Stiftung von Bill und Melinda Gates zusammengearbeitet, als es vor einigen Jahren um die Finanzierung von Malaria-Medikamenten ging. «Ich habe aber nie Geld dafür bekommen. Auch in der Taskforce bin ich nicht vom Bund bezahlt.» Er habe kein schlechtes Gewissen. «Da gibt es keine Verschwörung.»

Volk soll seine Rechte wahrnehmen

Deutliche Worte, die beim Publikum jedoch nur wenig Eindruck hinterlassen. «Wir haben jetzt gehört von Fallzahlen, Todesfällen und medizinischen Sachen. Jetzt wollen wir Christoph Pfluger zuhören», forderte eine ältere Zuhörerin. Der Solothurner Journalist folgt diesem Wunsch umgehend: «Ich glaube, dass die Leute auf den globalen Teppichetagen genau wussten, dass sich die Lage mit dem Coronavirus zuspitzen könnte. Jetzt wird die Krise für eine grosse Macht- und Vermögensverschiebung genutzt.» Darum müssten die Schweizerinnen und Schweizer nun ihre Volksrechte wahrnehmen und mittels Referendum oder Volksinitiative gegen die vom Bund verordneten Massnahmen vorgehen.

Während Pfluger in der Diskussion seine prägnanten Sätze zu Geld, Macht und Propaganda platzieren kann, ist Tanner mehrheitlich mit dem Beantworten wissenschaftlicher Fragen und mit dem Abwehren von Kritik beschäftigt. Ja, Angst und Panik seien schlechte Ratgeber. Ja, das Virus wird weiter zum Leben gehören. Ja, die Kommunikation des Bunds ist teilweise ungenügend. Gleichzeitig appelliert er aber auch an das ihm gegenüber eher feindselig gesinnte Publikum: «Halten Sie zueinander und picken Sie nicht nur diejenigen Informationen heraus, die ihnen gerade passen.»

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