Allrounder
Hansdampf der Basler Alternativszene will das Klybeckquai beleben

In Basels Alternativszene ist er omnipräsent: Thomas Brunner leitet das Stadtmusikfestival, wirtet im In-Betrieb Lady Bar und gründete das Radioprojekt livingroom.fm. Überall beweist er ein goldenes Händchen. Nun will er den Klybeckquai beleben.

Hans-Martin Jermann
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Architektonisch interessant: Der Siebenmeterturm am Klybeckquai, der als Radiostudio und Beiz genutzt werden kann. Visualisierung: KurtSchuwey

Architektonisch interessant: Der Siebenmeterturm am Klybeckquai, der als Radiostudio und Beiz genutzt werden kann. Visualisierung: KurtSchuwey

Stimmungsvolle Kulisse: Thomas Brunner im Innenhof des Basler Kunstmuseums

Stimmungsvolle Kulisse: Thomas Brunner im Innenhof des Basler Kunstmuseums

Der 36-jährige Kultur-Allrounder hat bei Auswahl und Konzeption seiner Projekte ein goldenes Händchen: Stadtmusikfestival und Lady Bar sind en vogue, sprechen aber gleichwohl ein heterogenes Publikum jenseits enger Szene-Konventionen an. Von einem Erfolgsrezept mag Brunner nicht sprechen. «Ich versuche einfach, authentisch aufzutreten und verfolge meine Projekte mit Herz und Leidenschaft.» Brunner verfügt über grosse Erfahrung und ein breites Netzwerk in Basels Kulturkuchen: Viele Jahre hat er das Programm der Kuppel mitgestaltet – Brunner, der DJ und Musikfachmann. 2005 hat er das Radioprojekt Livingroom.fm gegründet – Brunner, der Toningenieur und Tüftler.

Als Zuzüger in Basel: Kein Nachteil

Ehefrau Katja Reichenstein ist zumindest bei den Radioprojekten Brunners wichtigste berufliche Partnerin. Im Gegensatz zu Reichenstein, der stadtbekannten Radiomacherin, ist Brunner kein «Original-Basler», wie der breite Berner Dialekt sofort verrät. Diese Tatsache hat der gebürtige Adelbodner, der 2005 definitiv ans Rheinknie gezogen ist, indes nie als Nachteil empfunden: «Viele Zugezogene reflektieren das Geschehen in der Stadt stärker», ist er überzeugt. Es sei wohl kein Zufall, dass viele, die sich in Basels Alternativkultur engagieren, keine Eingeborenen seien.

Für den Erfolg des Stadtmusikfestivals hat sich die Wahl der Location als zentral erwiesen: «Weil wir hier sind, tanzen kunstbeflissene 60-Jährige zu elektronischer Musik», führt Brunner aus. Die Kulisse des Kunstmuseums bürgt für Qualität und vermag so Menschen ans Live-Radio-Festival zu locken, die nicht kämen, wenn es anderswo stattfinden würde. Umgekehrt entdecken viele Junge wegen des Festivals das Kunstmuseum. Wenn es sich ergibt, bauen die Radiomacher Themen aus dem Museum ins Programm ein. Zwingend sei dies aber nicht, betont Brunner. Die Symbiose zwischen Radiofestival und Museum ergebe sich allein durch das Umfeld. Der dreijährige Vertrag mit dem Kunstmuseum läuft nach der diesjährigen dritten Ausgabe aus. Wie es weiter geht, ist unklar. Brunner würde gerne im Innenhof bleiben: «Andere stimmungsvolle Orte in der Stadt wären für das Festival ungeeignet. Am Rheinbord würde unser Radioprogramm, das einige Aufmerksamkeit verlangt, wirkungslos verpuffen.»

Das 2010 gegründete Stadtmusikfestival hat Brunner kontinuierlich aufbauen können. Ganz anders bei der Lady Bar: Hier wurde der Neo-Wirt ins sprichwörtliche kalte Wasser geworfen. Anfang Mai ging die Anfrage ein, eine Woche später erhielten er und sein Compagnon Pierre Mendy den Zuschlag zur Führung des Gastrobetriebs, einen Monat später öffnete die Lady Bar während der Art Basel – und schlug ein wie eine Bombe. Obwohl Brunner in der kurzen Zeit kein Kulturprogramm auf die Beine stellen konnte, bevölkerten bereits in den ersten Nächten Hunderte Bar, Hinterhof und Trottoir. «Wir wurden regelrecht überrannt», räumt Brunner ein.

Lady Bar: Hype ohne Social Media

Den Rummel um die Lady Bar erklärt er mit der besonderen Konstellation: eine Zwischennutzung in einem früheren Bordell, im Obergeschoss ein Asylheim und das Ganze im Kleinbasler Epizentrum Feldberg-/Klybeckstrasse, das nach Jahren des Niedergangs mittlerweile eine der vitalsten Ecken der Stadt darstellt. Interessant ist zudem, dass der Hype um die Lady Bar ohne Einsatz von Social Media entstanden ist: Die Bar verfügt weder über eine eigene Webseite noch über einen Facebook-Account. Auch Werbe-Flyer wurden keine gedruckt.

Den schnellen Erfolg der Bar sieht Brunner mit gemischten Gefühlen: «Von null auf hundert, das habe ich nicht so gerne.» Es sei schöner, wenn man von den Leuten entdeckt werde. Bei der Lady Bar bestehe die Gefahr einer Trendblase. Leise Kritik lässt Brunner am Kanton durchblicken, der die Lady Bar als Zwischennutzungs-Modell aktiv gepriesen und so den Hype zusätzlich angefacht hat. Brunner will nun auf Mitte September ein Kulturprogramm für die Bar aus dem Hut zaubern. Er hat das Gespräch mit Anwohnern gesucht, die sich über den Lärm der an- und abwandernden Besucher beklagt hatten. «Unserer Einladung zu Kaffee und Kuchen ist nur eine unbedeutende Menge der Anwohner gefolgt. Daraus schliesse ich, dass der Leidensdruck doch nicht so gross ist», berichtet er ernüchtert.

Eine Beiz zum Wegschieben

Die gegenteilige Erfahrung wie in der Lady Bar musste Brunner am Klybeckquai machen: Zwar erteilten Kanton und Rheinhäfen bereits im Frühling den Zuschlag für acht Zwischennutzungs-Projekte, welche die Uferstrasse und das Esso-Areal beleben sollen. Wegen Verzögerungen beim Rückbau der Tanklager kann die Mehrzahl der Projekte aber erst nächstes Jahr realisiert werden – unter anderem Brunners «Perron 4». Dieses sieht einen sieben Meter hohen Infrastrukturturm vor, dessen eine Hälfte sich auf einem Gleis wegziehen lässt. In der einen Hälfte soll Livingroom.fm eine neue Heimat, sprich: Studio mit Kulturbühne erhalten. In der anderen Hälfte ist eine Küche und Bar geplant. Weitere mobile Elemente dienen als Tische und Sitzgelegenheit.

Brunner kann die Enttäuschung über den verspäteten Start nicht verbergen, leitet daraus aber keine Behördenkritik ab: «Ist das Ganze einmal angelaufen, wird das ein Schweizer Vorzeigeobjekt.» Überhaupt sei die Bewirtschaftung des öffentlichen Raums in Basel einzigartig. «In Bern wäre das kaum möglich». Er, der Zuzüger aus dem Kanton Bern, muss es wissen.

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