Premiere
Halloween-Party am Theater Basel

Slapstick, Zitate, Wort- und Videospiele – unter Robert Gerloffs Regie zerfleddert Bertolt Brechts «Arturo Ui» in tausend Teile. Doch warum sich der Autor diesen Stoff ausgesucht hat, ist einmal mehr nicht klar.

Susanna Petrin
Drucken
Gangster Giuseppe Givola (Simon Bauer) erscheint Arturo Ui als Zombie – einer von vielen Gags des jungen Regisseur Robert Gerloff (Jahrgang 1982).

Gangster Giuseppe Givola (Simon Bauer) erscheint Arturo Ui als Zombie – einer von vielen Gags des jungen Regisseur Robert Gerloff (Jahrgang 1982).

Judith Schlosser

Dieser Theaterabend hat Potenzial – zu einem unterhaltsamen Filmquiz. Regisseur Robert Gerloff hat viel Aufwand betrieben, um mit den Schauspielerinnen und Schauspielern an diversen Basler Schauplätzen Szenen aus Filmklassikern parodistisch nachzustellen. Der Duschmord in «Psycho», der irrgewordene Jack Nicholson in «The Shining», Jesus am Kreuz in «The Life of Brian»; «The Man Without a Past», «Lord of The Rings», «Nosferatu», und, und, und. Es wäre lustig gewesen für die Zuschauer, mitzuraten und am Ende vielleicht einen Preis zu gewinnen.

Doch leider ist dieser Abend kein Filmquiz, sondern eine Inszenierung von Bertolt Brechts «Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui». Sie hatte am Freitagabend am Schauspielhaus Basel Premiere. Und leider sind die Filmausschnitte darin nur eine Idee unter vielen, viel zu vielen. Es ist der 31. Oktober und man wähnt sich als Zuschauerin tatsächlich an einer Halloween-Party – spätestens als Ui schlecht träumt und in seinem Bett von mit ausgestreckten Armen torkelnden Zombies umkreist wird. Bis dahin ist einem ohnehin schon schwindlig vom bisherigen Cocktail aus Stilen, Szenerien, Anspielungen, Slapstick, Sound- und Videoeffekten. Und ist der Mann im Gilet, der einen Abend lang unter der Christusstatue in der Beiz sitzt, eine Parodie auf Peter Bichsel?

Einmal mehr wird am Schauspiel des Theaters Basel nicht klar, warum sich der Regisseur seinen Stoff ausgesucht hat. Was will er damit sagen? Wo bleibt der Inhalt, das ruhige, analysierende Auge in diesem Hurrikan von Gags und Zitaten?

Brecht verfasste seinen «Arturo Ui» 1941 als Parabel auf die stufenweise Machterweiterung Adolf Hitlers im Speziellen und auf die Dynamik faschistischer Diktaturen generell. Jede Figur entspricht einer historischen, jedes Ereignis einem realen. Die Handlung versetzt Brecht ins Chicago der 30er-Jahre und die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft setzt er mafiösen Ganoven wie al Capone gleich. Das Stück war, als es 1958 endlich auch in Deutschland aufgeführt wurde, immer noch hochbrisant.

Wunderbare Sängerin

Was tut man heute mit diesem didaktischen Stoff? Man könnte ihn klassisch aufführen und darauf setzen, dass das Publikum die Bezüge zu heute schon selbst erkennt. Doch Gerloffs Dialoge sind so hastig, die Szenenwechsel so sprunghaft, dass man der Handlung und der möglichen Moral daraus kaum folgen kann. Oder man könnte den Stoff ummünzen auf die erstarkenden rechtspopulistischen Strömungen in ganz Europa. Gerloff tut das explizit in einer Szene, als er aus dem Ecopop-Initiativtext vorlesen lässt. Doch dann ist auch diese Idee wieder vorbei. Mit Hakenkreuzen und Hitlergrüssen bleibt er in seinem Bilder-Mischmasch vorwiegend beim Nazivergleich.

Trotz allem Ärger gibt es an diesem Abend jemanden zu entdecken: Die Musikerin Polly Lapkovskaja. Mit ihrer starken Stimme und ihrem Spiel an Klavier und Elektrobass schafft sie immer wieder schöne Stimmungen. Gefallen tut auch die Bühne (Gabriela Neubauer), ein Club im alten Chicago, umgeben von Leuchtreklamen. Die Zuschauer zuvorderst bekommen an Tischen Schnaps und Sekt serviert. Man hätte alle Reihen mit Hochprozentigem versorgen sollen, vielleicht wäre so Party-Stimmung aufgekommen.

Weitere Vorstellungen:

www.theater-basel.ch

Aktuelle Nachrichten