«Das ist doch einfach nur plump!» Der Arbeitskollege legt das Buch mit der zwinkernden Mariafigur auf dem Cover weg und schüttelt den Kopf. Es geht um einen Cartoon im Buch, auf dem zwei Frauen in knappen Kleidern zu sehen sind, weiter vorne stehen ein Mann und eine Frau mit Rotweinglas. Der Mann schaut wütend zu den beiden Frauen und sagt «Schau dir die Mädels da an ... Wenn man sich so aufbrezelt und solche winzigen Sachen anzieht, dann WILL man doch belästigt werden.» Die Frau sieht ihn spöttisch an und erwidert: «Aha ... Dann hast du dir also Markenklamotten angezogen, weil du reich aussehen und ausgeraubt werden willst?»

Alter Käse, meint der Kollege, den habe man doch schon tausendmal gehört. Ja, aber offensichtlich immer noch nicht begriffen. Auch hier auf der Redaktion wird immer noch blöd geredet, wenn eine Kollegin sich «aufreizend» anzieht. Die kleine Meinungsverschiedenheit ist exemplarisch für die feministische Debatte, die «I’m every woman», der dritte Comic-Band der schwedischen Feministin Liv Strömquist, in so einfachen wie effektiven Zeichnungen und Sprechblasen verhandelt: Die eine Seite hat das Gefühl, es sei doch vieles schon erreicht und die Diskussionen um Gleichstellung drehen sich im Kreis, während die andere Seite glaubt, dass das eine zu einfache Lösung für ein Problem ist, das viel tiefer sitzt.

Barbapapa mag schwarz

Das Problem lautet patriarchale Strukturen, und die entblösst Strömquist so schonungslos, dass es als Kritiker manchmal leider fast zu einfach ist, sie zu verurteilen: Wir sehen die Simpsons in umgekehrter Funktion – Marge, die rülpsend und übergewichtig auf der Couch sitzt und nach Bier schreit, während Homer gazellenschlank und mit Maggie auf dem Arm danebensteht und flötet: «Oh, wie ich es liebe, auf meine undankbare, dumme, dicke Frau Rücksicht zu nehmen!»

Oder die beliebte Kinderserie Barbapapa, in der der fröhliche hellrosa Papa neben seiner schwarzen Frau steht, mit den Worten: «Ich nehme meine Frauen wie meinen Kaffee! Also schwarz und aus einem Entwicklungsland importiert.» Das ist einfachste Ironie – aber keinesfalls dumm, wie Strömquist nun kurz nach Erscheinen einige Rezensenten (schade aber wahr: alles Männer) unterstellen. Sie zeigt vielmehr, dass das System in den Details lauert, die wir nicht bemerken (Barbapapa) oder als Überzeichnungen wahnsinnig witzig finden (Simpsons).

Wirklich genial wird der Comic an den Stellen, in denen die Ehefrauen berühmter Männer aus der Kulturgeschichte die Bühne betreten. Mileva Marić beispielsweise. Kannten Sie nicht? Wir auch nicht. Dabei galt die serbische Mathematikerin als das noch grössere Genie als ihr Mann: Albert Einstein. Zusammen mit ihm veröffentlichte sie die berühmten Artikel, die nicht nur die Relativitätstheorie, sondern auch die Brownsche Bewegung und den photoelektrischen Effekt behandelten. Alles Arbeit, wofür Einstein heute bekannt ist. Der bezeichnete die gemeinsame Arbeit während der Ehe auch immer als «unsere Forschung».

Als er Marić zehn Jahre später für seine Cousine verliess, war davon nichts mehr zu spüren. Er nannte sie fortan nirgends mehr, schrieb ihr Briefe, in denen er sie als hässlich beschimpfte, und rühmte sich der Aussage: «Frauen sind nicht für das abstrakte Denken geschaffen. Marie Curie ist die Ausnahme, welche die Regel bestätigt.»

Plump in Sprechblasen

Ganz anders John Lennon. Der vergötterte seine Yoko Ono – aber ertrug nicht, dass sie als Künstlerin auf eigenen Beinen stehen wollte. Nach wiederholten Nervenzusammenbrüchen des Musikers meinte sein Management, sie sei doch seine Frau und solle sich um ihn kümmern. Yoko Ono erwiderte: «I don’t operate like that.» Trotz oder gerade wegen dieses abwinkenden Kommentars ist die Künstlerin seither in erster Linie als jene Frau bekannt, die die Beatles auseinanderbrachte. Ihre Kunst? Ganz o. k., aber SIE WAR DIE FRAU, DIE DIE BEATLES ZERSTÖRTE.

Auch Priscilla Presley, Edvard Munchs Frau Tulla Larsen oder Lee Krasner, die erste Ehefrau von Jackson Pollock, widmet Strömquist kleine Rehabilitationen, indem sie ihre teils haarsträubenden Schicksale schildert. Ihre Informationen hat Strömquist nicht etwa aus ominösen Gerüchten, dafür ist die studierte Politikwissenschaftlerin viel zu gründlich.

Alle Zitate im Comic belegt sie mit Quellenangaben, sodass man sich mehr als einmal an den Kopf greifen will: Der hat das wirklich so gesagt? In welchem Jahrhundert lebte der eigentlich? Immerhin nicht in unserem. Aber zeitnah genug, um sich immer noch darüber aufzuregen. Denn – und genau die Tatsache knallt uns Liv Strömquist mit diesem klugen Comic so schonungslos vors Gesicht – diese Geschichten sind das Fundament unserer heutigen Zeit. Sexistischer Plump in weissen Sprechblasen.

   

Liv Strömquist I’m every woman. Avant-Verlag, 112 Seiten.