Atomkraftwerke

Genf und Basel nehmen Paris in die Zange

Das französische Atomkraftwerk Bugey liegt 70 Kilometer von Genf entfernt. KEYstone

Das französische Atomkraftwerk Bugey liegt 70 Kilometer von Genf entfernt. KEYstone

Nach Basel-Stadt fordert auch Baselland die Stilllegung des AKW Fessenheim. Druck erhält Paris auch aus Genf, das das Atomkraftwerk Bugey abstellen lassen will. Die Forderungen sind komplementär und stehen nicht in Konkurrenz.

Letzten Montag äusserte sich Esther Alder, Maire von Genf, auf einer Medienkonferenz zum französischen AKW Bugey: «Wir wollen unbedingt, dass Bugey abgeschaltet wird. Seine Gefährlichkeit ist erwiesen.» Ähnlich deutlich forderte die Basler Regierung am Mittwoch, dass Paris noch in diesem Jahr «unmissverständlich beschliesst, Fessenheim stillzulegen». Die Baselbieter Regierung folgte ihr gestern.

Das AKW Bugey liegt 70 Kilometer von Genf und Fessenheim 35 Kilometer von Basel entfernt. Fessenheim ging 1977/1978 ans Netz und Bugey 1978/1979. Von fünf Blöcken sind in Bugey derzeit drei in Betrieb – sie verfügen über je 900 Megawatt. Einer ist auf Anordnung der Atomaufsichtsbehörde Autorité de Sûreté nucléaire (ASN) seit August 2015 abgeschaltet, ein alter Grafitreaktor wird rückgebaut. Fessenheim besteht aus zwei Blöcken à 900 Megawatt.

Mehrere Verfahren gegen Bugey

In der Medienmitteilung vom 7. März teilt die Genfer Regierung mit, dass sie am 2. März beim Pariser Strafgericht Anklage gegen X wegen Bedrohung des Lebens und Wasserverschmutzung erhoben habe. Der Klage haben sich vier Anwohner von Bugey angeschlossen, was ihr bessere Chancen verschafft. Weitere Verwaltungsverfahren gegen das Atomkraftwerk seien vor französischen Gerichten deponiert.

Die Mitteilung könnte das AKW Fessenheim betreffen, so sehr ähneln sich die Formulierungen. Die Genfer schreiben: «Bugey stellt ein grosses Risiko für die Sicherheit und Gesundheit unserer Bewohner dar.» Sie bemängeln, dass das AKW sich in einem überschwemmbaren Erdbebengebiet befindet.

Auch würde sich der Zustand des AKWs beständig verschlechtern und es würde nur schlecht unterhalten. Seit mehreren Jahren sei die Bodenplatte undicht, sodass Tritium ins Grundwasser einsickere, berichtete die Zeitung «Le Temps». In Fessenheim mussten die Bodenplatten verstärkt werden.

Stehen Genf und Basel jetzt in Konkurrenz, welches AKW zugeht? Der zuständige Genfer Regierungsrat Antonio Hodgers verneint: «Einen Wettbewerb um die Sicherheit darf es nicht geben. Wenn die AKW unsicher sind, müssen sie beide geschlossen werden.» Genauso argumentiert die Anwältin, Spezialistin für Umweltrecht und ehemalige Umweltministerin Corinne Lepage, die für Genf die Verfahren übernommen hat. Sie hat bereits 1998 erreicht, dass der schnelle Brüter von Creys-Malville abgeschaltet wurde. Lepage arbeitet auch für den Basler Trinationalen Atomschutzverband Tras, hat derzeit dort aber kein Verfahren laufen.

Wenn das Engagement gegen Bugey im Widerspruch zur Schliessung von Fessenheim gestanden hätte, hätte sie es nicht angenommen, erklärt sie dieser Zeitung. «Die Aktivitäten ergänzen sich. Beide Atomkraftwerke haben ihre Schwächen – manche sind ähnlich, andere unterschiedlich.»

Die Nase vorne

Jürg Stöcklin, Präsident von Tras, macht sich keine Sorgen, dass aufgrund des Genfer Engagements zuerst Bugey abgestellt wird: «Ich denke, wir haben die Nase vorne. In Frankreich wird seit einiger Zeit über die Schliessung von Fessenheim gestritten.» Auch habe sich Umweltministerin Ségolène Royal (PS) mehrmals diesbezüglich geäussert. «Bis Juni 2016 soll Betreiber Électricité de France (EDF) den Antrag stellen, Fessenheim zu schliessen.» Von der Entscheidung bis zum Abstellen von Fessenheim würden allerdings eineinhalb bis zwei Jahre vergehen.

Stöcklin betont, dass Greenpeace in einer Liste von alten, zu schliessenden französischen AKW neben Fessenheim auch Bugey und Cattenom genannt habe. «Ich würde mich nicht auf eine Diskussion einlassen, dass Fessenheim gefährlicher ist als Bugey.» Anne Tschudin, Mediensprecherin im Basler Gesundheitsdepartment, teilt mit: «Jede Region setzt sich für die Interessen ihrer Bevölkerung ein. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft steht das KKW Fessenheim, somit sind wir von diesem tangiert und haben wiederholt dessen Abschaltung gefordert.»

Zwei Bestimmungen aus dem neuen Atomgesetz bestimmten die französische Energiepolitik, erklärt Jörg Stöcklin. Die erste plafoniert die Menge des Atomstroms. Wenn der neue Europäische Druckwasserreaktor EPR im nordfranzösischen Flamanville ans Netz geht, muss dafür ein AKW geschlossen werden. Das ist wahrscheinlich Fessenheim. Ausserdem soll der Anteil an Atomstrom von 74 Prozent bis 2025 auf 50 Prozent reduziert werden. Das bedeutet die Schliessung von bis zu 20 AKW – Bugey dürfte dabei sein.

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